100 Jahre Frauenwahlrecht: „Es ist Zeit alles zu fordern“

Am 19. Januar jährt sich der Tag an dem Frauen zum ersten Mal in Deutschland wählen durften. Dieses Jahr sogar zum 100. Mal und deswegen reden plötzlich alle darüber. Politiker*innen veranstalten Empfänge, Sonderhefte und Filme beziehen sich auf das Thema. Und das ist auch gut so, aber wir sollten nicht vergessen, dass wir jedes Jahr, mehr als  nur einen Grund haben, den Frauen die damals mutig und hartnäckig diese Rechte erstritten haben unsere Dankbarkeit und Respekt zu bezeugen.

Denn dieser Tag war ein entscheidender Durchbruch für uns Frauen, hinsichtlich unserer politischen und gesellschaftlichen gerechten Teilhaben. Es war der Tag an dem alles begann und beginnen konnte.

Seitdem haben sich viele mutige und kämpferische Frauen weiter für körperliche Selbstbestimmung, für das Recht ohne Erlaubnis des Ehemannes Konten zu eröffnen und arbeiten zu gehen, für das Verbot von Vergewaltigung in der Ehe, gegen § 218 und  in den vergangenen Monaten auch wieder vermehrt gegen § 219a des Strafgesetzbuches eingesetzt. Und immer und immer wieder gegen Sexismus und sexuelle Gewalt.
Es geht vorwärts – in kleinen Schritten!

Deshalb ist jetzt die Zeit gekommen alles zu fordern!

Denn Frauenrechte sind Menschenrechte, und als solche sollten wir sie auch betrachten. Heute wie gestern geht es um die gleichen Themen: Um gerechte Bezahlung, Anerkennung von Fürsorgearbeit, darum sexuelle Gewalt zu verhindern, Kinder und Mütter zu stärken und vor struktureller Diskriminierung zu schützen und Frauen ihre Rechte auf körperliche Selbstbestimmung ganz selbstverständlich zuzusprechen.

Aber jetzt geht es eben nicht mehr um ein Thema, sondern es geht um das Ganze, es geht um die Struktur, es geht darum, eine Gesellschaft neu zu denken, in der Frauen eben nicht darum kämpfen müssen, als gleichberechtigt  und gleichwertig wahrgenommen zu werden. In dieser Gesellschaft, in der der soziale Frieden eine Zukunft hat, wird es  selbstverständlich sein, dass behördliche Strukturen und soziale Werte frauengerecht und frauenfreundlich sind. Diese Gesellschaft wird auch wissen, dass Fürsorgearbeit eine Grundsäule unseres Miteinanders ist. Zusammen können wir eine Gemeinschaft schaffen, in der es unnötig ist über Lohnungleichheit oder frauenadäquate Medizin zu streiten. Es geht darum, eine Gesellschaft zu erschaffen in der wir alle – Frauen, Männer und intersexuelle Menschen – ganz selbstverständlich eine gerechte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben haben. In der wir frei und unabhängig von unserem Geschlecht oder unserer Identität handeln und leben können.

Solidaritäten schaffen

Vor allem aber geht es darum, Solidaritäten zu schaffen. Solidaritäten die darüber hinausgehen was einzelne politische Forderungen ausmachen. Wir Frauen sollten uns nicht weiter reduzieren auf einzelne Themen und Probleme. Jetzt geht es um eine frauengerechte gesellschaftliche Grundhaltung!

Jede Frau hat das Recht auf eine selbstverständliche Anerkennung und Wahrnehmung ihrer Person und ihrer Leistungen. Es geht eben nicht darum, was wir Frauen fordern, sondern darum, dass wir immer noch fordern müssen. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Wandel, der alle Frauen mitdenkt, weil es eben nicht nur um die Hälfte der Macht geht, sondern auch um ganze Gerechtigkeit.

Es braucht eine neue solidarische Frauenbewegung in der die Starken für die Schwachen, die Handlungsmächtigen für die Ohnmächtigen und die Alten mit der Jungen, Seite an Seite stehen, aus der einfachen Tatsache heraus, weil wir Frauen sind und das Leben als solches,  auch in Deutschland 2019, nicht einfach und diskriminierungsfrei ist.

Es braucht eine tatkräftige und tatsächliche Solidarität, z.B. mit der Frau, die alleinerziehend, mit zwei Kindern im ländlichen Raum lebt und allein schon aufgrund des Wohnortes weder am digitalen Wandel noch an Fortbildung oder persönlichen Entlastungsangeboten teilnehmen kann. Solidarität mit allen Frauen mit und ohne Kopftuch, die sexualisierte Gewalt und Sexismus tagtäglich auf der Arbeit, der Straße und auch zu Hause erdulden müssen. Mit den Frauen, die hochqualifiziert nach Deutschland eingewandert sind und nun z.B. als Ingenieurinnen in Hotels für einen Mindestlohn Betten säubern. Solidarität auch mit den Frauen, die es eigentlich geschafft haben und nun zu Hause in ihren eigenen Familienstrukturen gegen alte Rollenbilder und Diskriminierungen kämpfen müssen. Niemand sollte genötigt werden zu rechtfertigen, warum sie trotz Behinderung oder einer bestimmten Religionszugehörigkeit auf ihre Art leben möchte. Und vergessen dürfen wir auch nicht all die Frauen, die Tag ein Tag aus Fürsorgearbeit leisten und sich mit hoher Wahrscheinlichkeit später keine angemessene Pflege leisten können, weil ihre Renten zu gering sind.

Solidarität mit allen Frauen, die aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Sozialisierung in unserer Gesellschaft immer noch diskriminiert und negiert werden, unabhängig davon, ob sie als Ein-Eltern Familien leben oder im Großfamilienkontext, unabhängig davon welche Schulbildung und welcher gesellschaftlicher oder sexuellen Identität sie sich zugehörig fühlen und in welchem Land sie geboren sind.

Wir können weiterhin Stück für Stück um unsere Rechte kämpfen oder wir können uns solidarisch und gemeinschaftlich aufstellen und das Ganze  fordern: Das ganze Menschenrecht auch für Frauen!

Denn in unserer Solidarität zueinander liegt unsere wahre Macht und Stärke. Was uns Frauen eint, ist die Hoffnung auf ein wirklich selbstbestimmtes, diskriminierungsfreies Leben, in dem es dann auch möglich ist, nicht nur mitgemeint sondern angesprochen zu werden. Denn eines ist sicher: Eine Zukunft ohne Frauen wird es nicht geben.

Ein Paar Worte über...

Ina Rosenthal
Ina Rosenthal

Frauen und Geschlechterpolitische Sprecherin Bündnis90/Die Grünen Berlin, Autorin

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