Mysterium Menstruation – ein Tabu, das wir nicht mehr brauchen

Etwa fünfzig Prozent der Menschheit bekommt durchschnittlich einmal im Monat ihre Tage. Ok mit zunehmendem Alter werden es etwas weniger, weil einige von ihnen in die „Wechseljahre“ kommen. Nicht alle Frauen* haben einen Uterus und auch nicht alle, die einen Uterus haben, menstruieren. Dennoch sind die Menstruierenden VIELE. Und sie menstruieren einen beachtlichen Teil ihres Lebens – „noch 22 Jahre menstruieren, das müssen Sie bedenken“, sagte mir meine Gynäkologin bei meinem letzten Besuch dort. Es ist umso bemerkenswerter, dass alles, rund um das Thema Periode, nach wie vor so stark tabuisiert ist, dass wir entweder gar nicht oder nur beschämt, flüsternd, mit Freundinnen darüber reden. Zeit endlich damit aufzuräumen!

Feministinnen haben ihre Tage
Feministinnen haben das Thema Menstruation natürlich längst für sich entdeckt. Sie machen Kunst mit Menstruationsblut, sorgen auf Instagram für Aufregung, weil sie Frauen mit blutbefleckten Schlüpfern fotografieren oder machen mit Free Bleeding z.B. beim Marathonlauf auf sich aufmerksam. Dieser neuen Aufmerksamkeit haben wir auch zu verdanken, dass alternative Hygieneartikel, wie die Menstruationstasse, populärer werden, die Nachfrage steigt und viele neue „Modelle“ entwickelt werden. Dazu gehören auch Apps, in die wir unsere Menstruationsdaten eintragen können, was datenschutzrechtlich sicher bedenklich ist, uns aber durchaus hilft, unsere Zyklen besser zu verstehen. Außerhalb der feministischen Bubble ist das Thema Menstruation aber leider so gar nicht en vogue. Und ganz ehrlich – mir erschließt sich einfach nicht, warum. Denn wie oben einleuchtend erläutert, sind ca. fünfzig Prozent der Menschheit davon betroffen. Sich offen zum Thema Menstruation zu äußern, wird kritisch beäugt. Offenen Hass ernten Leute, die trans* sind, dafür, weil es bei ihnen offensichtlich noch weniger akzeptiert ist, über diese vollkommen normale “Körperfunktion” zu sprechen, wie der Post des queeren Bloggers Linus Wiese zeigt.

Bloody Pain
Meine Tage zu haben und daraus wie alle ein Geheimnis zu machen, war früher nicht so ein Problem für mich. Ok – ich erinnere mich noch an das erste Mal, als ich mit 13 meine Tage bekam. Ich ließ mich von meiner Mutter aus der Schule abholen, weil ich schon starke Bauchschmerzen hatte. Aber ansonsten war das recht unkompliziert in den nächsten Jahren. Wenn ich Bauchschmerzen hatte, halfen Wärmflasche und leichte Schmerzmittel. Mit 15 habe ich angefangen, die Pille zu nehmen, wodurch sich das mit den Schmerzen als angenehmer Nebeneffekt relativ erledigt hatte.

Mit Anfang zwanzig habe ich mir das Thema Pille noch einmal gründlich durch den Kopf gehen lassen und bin seitdem glücklich ohne. Allerdings hat sich in den nächsten Jahren gezeigt, dass ich doch erhebliche Menstruationsbeschwerden habe. Ich habe wirklich starke Bauchkrämpfe, wenn ich meine Tage bekomme. Was die Medikation von freiverkäuflichen Schmerzmitteln angeht, komme ich da an Dosierungsgrenzen, um irgendwie klarzukommen. Im Studium war das zwar auch schon schlimm auszuhalten, aber da war ich dann einfach einen Tag nicht in der Uni, sondern bin im Bett geblieben. Seitdem ich arbeite, ist das viel mehr zum Problem geworden. Nicht nur, weil ich mich theoretisch einen Tag im Monat, wenn das nicht zufällig aufs Wochenende fällt, krank melden müsste, sondern auch, weil das Thema Menstruation immer noch mit einem so wirkmächtigen Tabu belegt ist. Ich kann halt schlecht in einem Termin sagen „Entschuldigung, ich bekomme gerade meine Tage und kann hier jetzt nicht länger bleiben“. Ich kann auch nicht ohne Weiteres irgendwelche Tabletten einschmeißen.

Heute ist mir das erst wieder passiert – ich sitze in einem Meeting, merke, dass ich leichte Bauchschmerzen bekomme. Jetzt wäre der Moment, wo ich auf jeden Fall ein Schmerzmittel nehmen müsste. Es ist ca 50 cm von mir entfernt in meinem Rucksack, aber ich kann das hier einfach nicht machen. Noch geht es ja auch mit den Schmerzen, sage ich mir. Das hältst du schon noch aus.

Ca. 30 Minuten später fällt es mir zunehmend schwer, mich auf das Gespräch zu konzentrieren. Ich verlagere immer mal meine Sitzposition und versuche, in den Bauch zu atmen, um den etwas zu entspannen. Geht schon, denke ich. Die Schmerzen werden aber heftiger. Mir bricht der Schweiß aus. Was soll ich machen? Etwas sagen? Aber was? Einfach meine Tabletten nehmen? Aber davon geht’s mir dann halt auch nicht sofort gut. Ok, ich halte das schon noch aus – oder?

Als sich das Treffen dem Ende neigt – endlich – verkündet ein Fotograf, dass er noch ein Foto machen will. Meine Chance, schnell meine Tabletten zu schnappen und aufs Klo zu gehen. Beim Aufstehen sehe ich Sternchen, weil mich die Schmerzen einfach so fertig gemacht haben. Ich versuche, noch möglichst aufrecht und gerade den Raum zu verlassen, aber mir ist sehr schwindelig. Auf dem Klo hänge ich mich unter den Wasserhahn und spüle erstmal 800 mg Ibuprofen runter. Das Meeting ist jetzt zum Glück schon im Auflösungsprozess, alle bedanken und verabschieden sich. „Sehen wir uns gleich im Büro?“ fragen die Kolleg*innen. „Ich muss mal kurz ‚ne Pause machen, ich hab totale ‚Kreislaufbeschwerden‘“.

Ich schleppe mich in das nächste Café, der Weg zur Tram ist nicht machbar, weil ich nicht aufrecht gehen kann. Ich überlege, ob ich mich hier kurz an die Straße setzen soll, aber denke, dass es besser ist, schnell nachhause zu kommen. Außerdem will ich nicht auf der Straße hockend und schweißnass von irgendwelchen Leuten gesehen werden. Im Café lasse ich mir von einer netten Servicekraft ein Taxi rufen. Taxis nehme ich sonst nie, wirklich nie. Aber jetzt habe ich gar keine andere Wahl. Zuhause gehe ich erstmal in die Badewanne. Das hilft manchmal akut, wenn ich warten muss, bis die Schmerzmittel wirken. Das klingt jetzt alles irgendwie sehr dramatisch – war es auch für mich persönlich – aber das Ding ist halt, dass es tausende und abertausende Menschen geben muss, die schon oft in der gleichen Situation waren.

Wer ist von Menstruationsbeschwerden betroffen?
Ich glaube nicht, dass es einfach nur sehr wenige Menschen sind, die unter starken Schmerzen leiden, wenn sie ihre Periode haben. Ich glaube einfach, dass sie gelernt haben, den Mund dazu zu halten und sich ggf. zurückzuziehen. Sie haben gelernt, das für sich zu behalten und andere Gründe vorzuschieben. Sogar in der Partnerschaft wird das Thema offenbar von den meisten ausgespart: “Laut einer Studie spricht nur eine von fünf Frauen mit ihrem Partner über ihre Menstruation“.

Sicherlich gibt es auch Leute, die überhaupt kein Problem mit ihren Tagen haben. Doch es gibt auch sehr viele andere, die darunter leiden. Und es macht es nicht einfacher, wenn man darüber dann nicht einmal sprechen kann. Meine kleine Twitter-Umfrage zeigt, dass 28 Prozent der teilnehmenden Personen, während ihrer Tage ohne Medikamente überhaupt nicht klarkommen würden und 12 Prozent angeben, dass sie, wenn sie ihre Periode haben, teilweise nicht zur Arbeit gehen können.

Zudem bleiben für alle menstruierenden Menschen unhaltbare Zustände wie, dass es einfach ungerecht ist, dass wir für Hygieneartikel überhaupt bezahlen müssen und dass sie auch noch extrem hoch besteuert werden und gleichzeitig schlechteren gesundheitlichen Standards unterliegen, als beispielsweise Klopapier. „Die Besteuerung von Tampons und Binden als Luxusgut ist aber tatsächlich vor allem eines: internationaler Sexismus, der auch in Deutschland praktiziert wird. Hier zahlt man für die „Luxusartikel“ Binden und Tampons 19 Prozent Steuern, während beim Kauf von Kaviar, Toilettenpapier und Blumen nur 7 Prozent fällig werden. De facto müssen Frauen in Deutschland also für ihre Periode doppelt so viele Steuern zahlen wie einige Feinschmecker für Fischeier.“

Hinzu kommt nicht wenig Geld, das ich für Schmerztabletten hinblättern muss. Sobald es nicht normale Ibus, sondern beispielsweise Medikamente, die zusätzlich krampflösend wirken, sind, macht die Pharmalobby ein ziemlich gutes Geschäft.
Ganz zu schweigen davon, dass im öffentlichen Raum zu wenig Toiletten zur Verfügung stehen, die man benutzen kann, und  dass einem in den zu überlaufenen Kiezen in Berlin mittlerweile, selbst wenn man bereit wäre, auch noch 50 Cent (oder mehr!) für einen Toilettenbesuch zu zahlen, dieser verweigert wird, wenn man keine Restaurantbesucher*in ist. Ebenso vollkommen an den Bedarfen von menstruierenden Personen vorbei geht es, dass ausschließlich barrierefreie Toiletten eine Möglichkeit zum Waschen von Händen oder Gegenständen zur Verfügung stellen.

Darüber, dass sich an diesen Zuständen etwas ändern muss, sind wir uns sicher einig. Dazu müssen wir mit diesem unnötigen Tabu aber brechen.

Ein Paar Worte über...

Johanna Warth
Johanna Warth

Politikwissenschaftlerin, die guten Kaffee und Schreiben liebt. Herzthema und wichtigstes politisches Aktionsfeld ist die sexuelle Selbstbestimmung aller Menschen und das Recht auf Abtreibung, weshalb sie auch Mitglied im Koordinierungskreis des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung (Berlin) ist. Bei Twitter @_annah_oj

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