“Jeder Tag ist Frauentag” und andere Lügen

Es ist Ende März. Gerade noch war Frauen*kampftag. Die Pressemitteilung der SPD Bundestagsfraktion an dem Tag trug sogar die Überschrift: “Jeder Tag ist Frauentag” (wir haben das schon letztes Jahr gefordert). Nur fünf Tage später hat die selbe Partei ihren Antrag zur Abschaffung des § 291a im Bundestag aber wieder zurückgezogen. (Der § 219a stellt „Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“ unter Strafe, wobei darunter nach aktueller Rechtsprechung auch Sachinformationen fallen.) Da war das Frauen*kampftagsmotto also schon wieder vergessen. Zu guter Letzt stellte diese Woche schließlich Heimathorst-Seehofer seine Ministeriumsmitarbeiter vor: 9 Männer. Der Beginn eines Dramas, ähnlich dem Herrn-der-Ringe? 9 Männer die ausziehen, um die Heimat zu retten? (Mit dem Unterschied, dass die Elben, Zwerge, Hobbits & Co irgendwie in guter Mission unterwegs waren.) Alle warmen Worte zur Gleichstellung auch in diesem Fall offenbar: egal.

So geht das leider mit vielen Gleichstellungsthemen. Am Frauen*kampftag diskutieren wir feministische Forderungen rauf und runter: Frauen verdienen immer noch 21 Prozent weniger als Männer, Frauen bekommen immer noch 53 Prozent weniger Rente als Männer, in den Vorständen deutscher Unternehmen sitzen immer noch nur 7,3 Prozent Frauen und im Deutschen Bundestag wieder nur knapp 31, so wenig wie zuletzt vor zwanzig Jahren.

Inzwischen ist Ende März und deshalb ist die Diskussion auch wieder zu Ende. Das liegt nicht daran, dass die, die Anfang des Monats noch diskutiert haben, auf einmal verstummt sind. Das liegt daran, dass die, die Anfang März noch kurz still waren, heute und den Rest des Jahres wieder laut sind. Es liegt daran, dass die, die Anfang März ehrfürchtig feministischen Forderngen gelauscht, vielleicht sogar kurz zustimmend genickt, haben, sich heute lieber wieder mit anderen Themen beschäftigen.

Einmal im Jahr hören alle den teilweise Jahrzehnte alten Forderungen zu. Viele stimmen diesen Forderungen auch zu, könnten sie sogar mitsprechen, wie ein altes Gedicht aus Schulzeiten. Den Rest des Jahres aber, kümmert sich ein Großteil der Bevölkerung nicht um die Verwirklichung der Ziele. Und das ist das Problem. Sie sind nicht aus Mangel an Kreativität jahrzehntealt. Sie wiederholen sich immer wieder, weil sich schlicht seit Jahrzehnten nicht viel oder nur wenig ändert.

Um wirklich zu vollständiger Gleichstellung aller Geschlechter zu kommen, braucht es zwei Dinge, die parallel ablaufen müssen.

Einerseits sind Instrumente nötig, die Gleichberechtigung flächendeckend durchsetzen: Quoten für wichtige Posten in Wirtschaft, Politik und Verwaltung, Tariferhöhungen in sozialen Berufen, ein Gesetz, das gleichen Lohn für Frauen tatsächlich durchsetzt und nicht wartet, bis das magisch von selbst passiert. Es braucht Gesetzesänderungen, um bestehende Diskriminierungen abzuschaffen z.B. bei den Themen Ehegatt*innensplitting und Schwangerschaftsabbruch und besseren Schutz für Frauen vor Übergriffen und Gewalt – das fängt bei Sensibilisierung von Polizeibeamt*innen an und geht bei Geld für Frauenhäuser weiter. Und das sind nur einige weniger dieser Instrumente. Um sie durchzusetzen, braucht es den Willen und echte Handlungen (und eben nicht nur warme Worte) von Menschen, die sie einsetzen können, also Politiker*innen.

Andererseits ist ein gesellschaftlicher Wandel nötig. Wenn Nachrichtensprecher*innen nur von Nobelpreisträgern, von Autoren oder Musikern erzählen, bleiben Frauen weiter unsichtbar. Wenn ein Großteil der jungen Eltern ganz individuell entscheidet, dass es in ihrer speziellen Situation eben besser ist, wenn sie zuhause bei den Kindern bleibt, ihre Karriere ganz oder ein Stück weit aufgibt und er das Geld nach Hause bringt, z.B. weil es Männern immer noch schwer gemacht wird, Elternzeit zu nehmen und Frauen eben immer noch oft die sind, die weniger verdienen, werden bestehende Rollenmuster wieder und wieder über Generationen fortgeschrieben. Wenn Kinderspielzeug in rosa und blau trennt, werden sogar ganz neue Rollenmuster erfunden. Und wenn Frauen schließlich überall mit Sexismus und sexualisierten Übergriffen bis hin zu Gewalt rechnen müssen, werden patriarchale Machtstrukturen im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz und im Privaten immer wieder manifestiert. Eine fundamentale Verbesserung hin zu mehr Gleichberechtigung kann nur stattfinden, wenn alle, oder zumindest ein Großteil der Gesellschaft, mitmachen – jeden Tag, mit bewussten Entscheidungen, nicht nur am 8. März.

Nur wenn beides passiert, politische Handlungen, die Veränderung forcieren und ein gesellschaftlicher Wandel, der eben auch in Medien, der Wirtschaft und in der Öffentlichkeit stattfinden muss, kann Gleichstellung erreicht werden. Der gesellschaftliche Wandel ist zuletzt mit #MeToo wieder ein winziges Stück voran gekommen. Rechte Gruppen versuchen ihn gleichzeitig aber zurück zu drehen. Nicht nur, aber gerade deshalb müsste die Politik ihre Hausaufgaben nun endlich mal ernsthaft angehen.

Ein Paar Worte über...

Johanna Braun
Johanna Braun

Setzt sich für Chancengerechtigkeit und Menschenrechte ein und spielt begeistert American Football.

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