“Ich hoffe auf die Politik”

Die Ärztin Kristina Hänel steht am 24.11.2017 vor dem Amtgericht Gießen. Katrin Schleenbecker sprach für Grün ist Lila mit ihr:

KS: “Am 24.11. startet ihre Gerichtsverhandlung. Mögen Sie kurz darstellen, warum Sie angeklagt wurden? ”

KH: “Ich bin wegen meiner Homepage angeklagt. Auf meiner Website ermögliche ich es Interessierten über einen Link Informationen über einen legalen Schwangerschaftsabbruch zu erhalten. Diese Informationen werden von den Abtreibungsgegnern als Werbung interpretiert. Werbung wird im anachronistischen Paragraf 219a unter Strafe gestellt.”

KS: “Die wievielte Klage gegen Sie ist das? ”

KH: “Ich wurde bereits dreimal von den Abtreibungsgegnern angezeigt. Die erste Anzeige war bereits vor über 12 Jahren. Die Verfahren wurden jeweils eingestellt. Dieses Mal hat der Staatsanwalt Klage erhoben und ich muss vor Gericht.”

KS: “Werden Sie auch in anderer Art und Weise von den sogenannten Lebenschützer*innen bedrängt?”

KH: “In den letzten Jahren kam es eher seltener vor, dass Abtreibungsgegner etwa vor der Praxis demonstrieren. Ich kenne aber auch das.

KS: “Sie wollen im Zweifel in die letzte Instanz gehen. Was erhoffen Sie sich auch als politisches Signal von dem Urteil?”

KH: “Wenn es nicht so belastend wäre, eigentlich eine win-win Situation: Werde ich freigesprochen, haben wir den Präzedenzfall für alle Fälle nach mir. Aktuell ist eine Frauenarztpraxis in Kassel betroffen und wartet den Ausgang meines Prozesses ab. Werde ich verurteilt oder verwarnt, kann ich in die nächste Instanz gehen. Anders komme ich ja nicht vor das Bundesverfassungsgericht.”

KS: “Warum bieten Sie Abbrüche an?”

KH: “Weil ich Ärztin bin und mir die Gesundheit, Fruchtbarkeit und das Wohlbefinden der Frauen am Herzen liegt. Ich bin für eine medizinisch gute Versorgung von Frauen in dieser meist sehr schwierigen und belasteten Situation.”

KS: “Wie ist die Lage für eine Ärztin, die Schwangerschaftsabbrüche anbietet?”

KH: “Im hiesigen Gebiet eher eine Außenseiterrolle. Viele wollen das nicht auf sich nehmen. Ich denke, dass ich auch in den letzten Jahren viel von der Scham, dem Schweigen, dem Verstecken, in das Frauen geraten, in meiner Person ausgetragen habe. Viele wollen das nicht auf sich nehmen. Ich erhalte aber momentan so viel Unterstützung, dass meine Rolle sich rasant geändert hat. Das Tabu ist gebrochen. Wie gewaltig es war, wird mit zurzeit täglich klarer.”

KS: “Glauben Sie, dass unter derzeitigen Bedingungen, ein wohnortnaher Schwangerschaftsabbruch auch zukünftig gewährleistet werden kann?”

KH: “Nein, unter den derzeitigen Bedingungen nicht. Aber die Bedingungen werden sich jetzt ändern. Die Bewegung, die entstanden ist, wird gesellschaftliche und politische Auswirkungen haben.”

KS: “Was muss sich ändern?”

KH: “Jetzt müssen die Verbände, die Kirche, die Parteien ran. Entweder ich ändere das Gesetz über das Bundesverfassungsgericht, das dauert lange, oder die Politik schafft es vorher. Ich hoffe auf die Politik.”

KS: “Viele Frauen fiebern mit Ihnen mit und erklären sich über eine Petition solidarisch. Stärkt es Sie, zu wissen, dass Sie jetzt als Vorkämpferin für viele Frauen in den Kampf ziehen?”

KH: “Ja, unbedingt. Zusätzlich zum Frauenrecht liegen in meinem Fall noch das Informationsrecht, der Anspruch auf Gesundheit und der Kampf um einen korrekten Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Es geht um grundlegende Fragen der Demokratie. Ungewollt schwangere Frauen sind die Vergessenen, die Sprachlosen. Niemand glaubt, dass ein Schwangerschaftsabbruch der häufigste Eingriff überhaupt ist. Immer ist auch ein Mann beteiligt (sonst geht’s ja nicht). Fast alle in der Bevölkerung sind direkt oder indirekt betroffen von dem Thema. Und wir sprechen nicht darüber. Das ist jetzt vorbei. Wenn Frauen keine Freiheiten haben, kann niemals eine Gesellschaft als frei gelten.”

Ein Paar Worte über...

Katrin Schleenbecker
Katrin Schleenbecker

Engagiert sich bei den GRÜNEN für Geschlechtergerechtigkeit, Vielfalt und Toleranz.

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