Toleranz ist gefährlich

Jedes Jahr am 16. November ist „Tag der Toleranz“. Und jedes Jahr verstehe ich wieder nicht, wie ein ursprünglich gut gemeinter Gedanke so standhaft einem so falschen Konzept aufsitzen kann.

Vor drei Jahren habe ich erklärt, warum Toleranz nicht das ist, wohin unsere Gesellschaft sich bewegen sollte. Ich habe erklärt, warum Toleranz die falsche Utopie ist. Toleranz impliziert eine Norm von der abgewichen werden kann: Eine Gruppe, die die Norm erfüllt, eine, die sie nicht erfüllt. Dadurch entsteht ein Mächteverhältnis. Die Einen tolerieren, die Anderen werden toleriert. Toleranz geht damit nicht weit genug. Nicht alle Menschen sind dabei gleichwertig. Akzeptanz und gegenseitiger Respekt für alle müssen das Ziel sein.

Inzwischen hat sich die Welt weitergedreht. Inzwischen ist mancherorts, so scheint es zumindest, nicht einmal mehr Toleranz das Ziel. Immer wieder werden Stimmen laut, man müsse diejenigen, die sogar die Toleranz vergessen haben, einfangen, zu ihnen zurück zu gehen und sie abzuholen. Ich bleibe felsenfest stehen wo ich vor drei Jahren schon stand: Toleranz ist die falsche Utopie. Sie ist sogar gefährlich. Das zeigt sich auch daran, wie derzeit immer fester an ihr gerüttelt wird. Vielleicht hat uns diese falsche Utopie der Toleranz sogar mit dorthin geführt, wo wir heute sind.

Wer als Person mit ihren*seinen Eigenschaften nur toleriert wird, ist automatisch auf die Toleranz der Anderen angewiesen. Sie*er ist damit in einer niedrigeren Stellung, mit scheinbar weniger gleichen Rechten. Die Toleranz, bunt verpackt wie ein Geschenk. Es gibt Gönner*innen, die sie verschenken und Empfänger*innen, die sie genießen „dürfen“. Was aber, wenn die Toleranz nicht mehr gewährt wird?

Es kann schnell passieren, dass eine Person, die selbst nicht zufrieden ist, mit ihrem Leben, ihrer Stellung in der Gesellschaft, ihrem Umfeld, ihrem Job, mit was auch immer, plötzlich nicht mehr bereit ist, anderen Personen eine Gunst zukommen zu lassen. Warum auch? Warum weiter gönnen, wenn einem selbst vermeintlich nichts gegönnt wird? Vielleicht beschließt der*die Gönner*in der Toleranz eines Tages, dass er*sie „größere Sorgen“ hat, als anderen die Gnade zukommen zu lassen, sie weiterhin zu tolerieren. Was dann?

Übersehen wird dabei, dass es gar nicht in der Hand einiger weniger Privilegierter und auch nicht in der Hand einer „Mehrheit“ liegt, zu entscheiden, wer dazu gehört, akzeptiert wird, und wer nicht. Da wird eine Höherwertigkeit suggeriert, die weder legitimiert und noch begründbar ist. Der Begriff Toleranz impliziert aber genau das. Deshalb ist Toleranz – besonders im Zusammenhang mit Menschen, die toleriert werden sollen – so gefährlich.

Mit der Toleranz am Ende

Der Zuspruch rechter Parteien und Bewegungen in unserem Land weist darauf hin, dass manche Menschen in unserer Gesellschaft einfach keine Lust mehr haben, zu „gönnen“. Warum weiter Toleranz verschenken?

Und ist der „Widerstand“ gegen die Toleranz erst einmal kundgetan, wird der Spieß weitergedreht. Das Konzept der Toleranz wird rhetorisch umgedreht und missbraucht. Frei nach dem Motto: „Wenn nicht-weiße, nicht gesunde, nicht-heterosexuelle, nicht-cis Menschen toleriert werden, dann muss meine rassistische, sexistische, abelistische, LGBTTIAQ-feindliche, antisemitische oder einfach menschenverachtende „Meinung“ genauso toleriert werden. Dann müssen alle Menschen tolerieren, dass ich sie laut herausschreien möchte und das vor jeder Kamera wiederhole.“

Dabei werden zwei verschiedene Dinge zu Unrecht in einen Topf geworfen. Auf der einen Seite sind Menschen, die akzeptiert werden sollen. Sie möchten einfach nur frei und gleichberechtigt in unserer Gesellschaft leben. Akzeptanz für alle, fertig. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die möchten, dass ihre „Ansichten“ toleriert werden. Sie vermischen dabei einerseits, dass Toleranz für „Ansichten“ nicht gleichgesetzt werden kann mit Toleranz für Personen. Selbstverständlich können in den meisten Fällen auch Ansichten toleriert werden. Andererseits kommt nun aber hinzu, dass die „Ansichten“, um die es sich handelt, wenn es darum geht, ob bestimmte Personengruppen nicht mehr toleriert werden, darauf abzielen, anderen Menschen ihre Daseinsberechtigung zu verwehren. Das widerspricht nicht nur einer Utopie von „Akzeptanz und Respekt für alle“, sondern auch der falschen Utopie „Toleranz für andere“ und erst recht dem Grundgesetz. Hier wird am Minimalkonsens unserer Gesellschaft gerüttelt. Deshalb müssen solche „Ansichten“ nicht nur nicht toleriert werden, sie dürfen nicht toleriert und schon gar nicht normalisiert werden.

Die falsche Gesellschaftsutopie

Das Toleranz-Konzept, missbraucht als falsche Gesellschaftsutopie, ist ein Auslöser dieser fatalen Missverständnisse. Es führt dazu, dass wir seit Jahrzehnten in dem Glauben leben, Toleranz gegenüber unseren Mitmenschen wie Almosen großzügig zu verschenken. Wir klopfen uns selbst für unsere edelmütige Toleranz auf die Schultern. Auch Angela Merkel lobte jüngst in einem Appell für gelebte Religionsfreiheit Toleranz als „die Seele Europas“ und als „Grundprinzip jeder offenen Gesellschaft“. Wäre hingegen gleichberechtigte Akzeptanz aller Menschen selbstverständlicher gesellschaftlicher Konsens, so glaubte ein kleiner Teil unserer Gesellschaft vielleicht nicht, die Macht zu besitzen, Toleranz gegenüber beliebigen Gruppen für beendet erklären zu können. Zumindest glaubten sie wohl nicht, ihre diffusen Unzufriedenheitsgefühle über die Existenzberechtigung ihrer Mitmenschen stellen zu können oder sogar die Legitimität ihrer menschenverachtenden „Ansichten“ mit der Daseinsberechtigung Anderer gleichsetzen zu können.

 

PS: Das Beschriebene ist sicherlich nur eine von vielen Ursachen des aktuellen Rechtsrucks und der rechten Diskursvergiftung, manifestiert im Ergebnis der Bundestagswahl 2017. Dass einen rechtsradikalen und rechtextremistischen Kern Konzepte wie Akzeptanz und Toleranz ohnehin niemals erreicht haben oder erreichen, steht dabei außer Frage. Klar ist aber auch, dass diese Rechtsextremen und rechte Gruppen vom beschriebenen Missverständnis über Toleranz profitieren. Sie reproduzieren es immer wieder in Erzählungen und nutzen es für den Versuch, die Gesellschaft zu spalten.

 

Ein Paar Worte über...

Johanna Braun
Johanna Braun

Setzt sich für Chancengerechtigkeit und Menschenrechte ein und spielt begeistert American Football.

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