Ich habe abgetrieben

Ich habe abgetrieben. Eigentlich rede ich darüber nicht. Ich kann mich nicht mal „outen“, wenn ich mit guten Freund*innen über das Thema sexuelle Selbstbestimmung spreche. Innerlich schreie ich: „Ich habe abgetrieben!“. Doch raus kommen nur Fakten, über die aktuell beschissene Lage des Verfahrens oder wie scheiße die Gesellschaft darauf reagiert und dass es nach wie vor ein Tabu ist. Und dann ärgere ich mich über mich selbst, dass auch ich den Mund nicht aufmache, dass ich damit nicht versuche, es zu enttabuisieren und es damit vielleicht nur ein kleines bisschen einfacher mache, darüber zu sprechen.

Also, hier nun online, mein anonymes „coming-out“ (welch Ironie): Ich habe abgetrieben. Ein Satz der auch über 45 Jahre nach der großen Spiegel „Wir haben abgetrieben!“-Aktion gegen §218 StGB noch schwierig ist, auszusprechen. Denn das passiert nur den anderen, was völlig ok ist, denn ich bin ja tolerant. Aber ich, ja, ich kann verhüten, mir passiert sowas nicht. Und dann passiert es doch. Ungläubigkeit, Verunsicherung, Zukunftsängste.

Es ist komisch. Hätte mich jemand ein Jahr vorher gefragt, ob ich ein ungeplantes Kind bekommen würde, hätte ich voller Selbstbewusstsein mit „Ja“ geantwortet. Und dann würfelt es die Gedanken in einer solchen Situation komplett durcheinander. Niemand kann wirklich vorhersagen wie er*sie sich in einer solchen Situation tatsächlich entscheidet, denn es ist eine Extremsituation, die über das komplette restliche Leben entscheidet. Deshalb ist sie vermutlich auch nur für die wenigsten nachvollziehbar.

Ich denke, (fast) alle meiner Freund*innen würden neutral bis positiv reagieren (wer freut sich über eine solche Geschichte schon?) und versuchen, so wenige Vorurteile wie möglich zu haben. Doch trotzdem möchte ich nicht diese unsicheren Blicke spüren oder gut gemeinte Fragen hören, wenn ein kleines Kind in der Nähe ist: „Wie fühlst du dich dabei?“ oder „Ist das schwer für dich?“. Das will ich nicht. Ich bin eine normale – was ist das überhaupt? – junge Frau, die chaotisch ist und deswegen einmal nachträglich verhüten musste. Ich halte diese Entscheidung für richtig, mich selbst aber für feige.

Ein Paar Worte über...

Anonym
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