Wenig Spaß und schlechte Unterhaltung

Unterhaltung. Wenn es dabei um den Genuss von Film und Fernsehen geht, ist das mit der Unterhaltung für Feminist*innen gar nicht so einfach. Das Warum wurde letzte Woche von einer neuen Studie der Universität Rostock in kalten Zahlen auf den Punkt gebracht: Im deutschen Film und Fernsehen sind zentrale Figuren und Hauptrollen doppelt so häufig männlich – auf jede Frau kommen zwei Männer.

Am stärksten ausgeprägt ist die Unterrepräsentation von Frauen im Kinderfernsehen, wo nur 13 Prozent aller Tierfiguren weiblich sind. Wenn ich einmal darüber nachdenke, fällt mir außer Biene Maja auch kaum eine ein. Genau da liegt der Knackpunkt. Wir sind an die konstante Unterrepräsentation von Frauen derart gewöhnt, dass sie uns nicht mal mehr auffällt. Erst als ich anfing, mich für Feminismus zu interessieren, fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen: Die Filmhelden meiner Kindheit kommen tatsächlich ohne ein *innen aus.

Die Studie erfasst leider nur eines von vielen Repräsentationsproblemen auf deutschen Bildschirmen. People of Color, LGBTIQA, Menschen mit Behinderung, Menschen, die keine Size Zero tragen. Das deutsche Fernsehen ist voll von Unsichtbarmachung und Misrepräsentation. Denn marginalisierte Gruppen sind nicht nur unterrepräsentiert – oft bleiben ihre wenigen Rollen von Klischees und Vorurteilen behaftet. Dabei werden sie häufig nicht als Individuen konzipiert, sondern gelten gleich als Vertretung einer gesamten Gruppe. DIE Schwarze, DER Schwule, DIE Prostituierte – anstatt sie als Menschen mit vielen, komplexen Eigenschaften und Handlungsmotivationen darzustellen, bleiben nicht-weiße, nicht-männliche, nicht-heterosexuelle Charaktere oft stereotyp und eindimensional.

Bei einem Interview zu den Ergebnissen der Studie fragte der Journalist Claus Kleber die Mitinitiatorin der Studie Maria Furtwängler, ob sie das Publikum umerziehen wolle. Schließlich sei der Ist-Zustand von den Zuschauer*innen ja gewollt. So kenne er viele Frauen, die bei Dokumentationen lieber männliche Stimmen hören. Darin zeigt sich einerseits die Angst, Privilegien einzubüßen. Andererseits ist das Umerziehungsargument völlig sinnfrei, da es voraussetzt, der abgebildete Ist-Zustand sei in irgendeiner Weise „natürlich“. Die Realität hingegen ist eine wahnsinnig vielfältige und komplexe – es ist das Fernsehen, das uns vorgaukelt, es gäbe vor allem weiße, heterosexuelle Männer und nur halb so viele weiße, heterosexuelle, stets dünne und unter 30-jährige Frauen auf der Welt. Tatsächlich ist es also das Fernsehen, das uns „umerzieht“.

Diese konstante Misrepräsentation der Welt ist leider nicht bloß schlechte Unterhaltung, sie ist auch immens schädlich. Film- und Fernsehfiguren sind zwar nicht real, trotzdem nutzen wir sie zur Identifikation, vor allem wenn wir jünger sind. Sie tragen dazu bei, wie wir unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten in dieser Welt einschätzen und was wir für „normal“ und „richtig“ halten. Ich finde es daher dringend an der Zeit für das eingestaubte deutsche Fernsehen, sich von seiner eindimensionalen und verzerrten Schein-Welt zu verabschieden und sich der multidimensionalen und komplexen Sein-Welt endlich anzunehmen!

Ein Paar Worte über...

Esther Hochhäuser
Esther Hochhäuser

Politikwissenschaftlerin und aktuell Praktikantin beim Gunda-Werner-Institut. Begeistert sich für Feminismus und Pinguine - für Kenner*innen ein logischer Zusammenhang.

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