TRANS DAY OF VISIBILITY 2017 – Jetzt rede ich!

Liebe Cis-Personen,
manchmal könnt ihr ganz schön anstrengend sein mit eurer Neugier, vielen Fragen oder langen Diskussionen darüber, wer und was sich jetzt eigentlich Mann und Frau nennen darf. Neugier und Interesse gibt uns aber auch die Chance ein wenig mehr Aufklärung für unsere Community zu betreiben.

Für viele ist das nicht neu, aber kleine Erinnerungen haben ja bekanntlich noch nie geschadet – deswegen habe ich hier eine kleine Liste mit Dingen, die ich euch gerne mitgeben möchte:

NATÜRLICHKEIT
„Trans*personen sind wider die Natur!“ Argh. Was ist mit deinen industriell gefertigten Klamotten oder deiner Plastikflasche: Sind die natürlich? Nein, im Ernst: Das landläufige Konzept von Geschlecht, das Menschen in (geborene) Männer und Frauen einteilt, ist unterkomplex. Wer hier mit Natürlichkeit und Widernatürlichkeit argumentiert, sollte sich schlicht einmal mit verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven auseinandersetzen. Auch die Biologie, die für solche rückwärtsgewandten Argumentationen manchmal herhalten muss, kennt mehr Kategorien als Mann und Frau und zeigt uns, dass Geschlecht aus vielen Ebenen besteht. Das genetisch-chromosomale Geschlecht ist eine Kategorie, das hormonelle eine andere und auch neurologisch (it’s all about the brains) umfasst ein weites geschlechtliches Spektrum. Auch wer sich mit kritischen soziologischen oder kulturwissenschaftlichen Ansätzen auseinandersetzt: Die Ordnung Mann-Frau ist keinesfalls gottgegeben, sondern gesellschaftlich konstruiert.

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GENITALIEN
Hört auf Geschlechter an Genitalien zu messen. Für inter- und transgeschlechtliche Menschen ist diese Idee sehr schädlich. Menschen können sehr feminin sein, weibliche Merkmale besitzen und dennoch einen Penis – andersrum sehr maskulin sein und eine Vagina haben. Genitalien machen uns nicht zu Männern und Frauen. Wir sind so viel mehr als das, was wir in unserer Unterwäsche verstecken.

Transmänner können schwerlich ein Pissoir benutzen, können eine Periode haben – genauso haben Transfrauen keine Gebärmutter, keine Periode, können nicht schwanger werden. Denkt daran: Weder Schwangerschaften, noch Perioden, betreffen nur Frauen. Wenn so gedacht wird, kann es zu unangenehmen Outing-Momenten für Trans*personen kommen.

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GESCHLECHTSUMWANDLUNG
Auch hier wird Geschlecht wieder auf die Genitalien von Personen reduziert. Leider denken große Teile unserer Gesellschaft noch immer, dass eine Trans*person erst dann „wirklich eine Frau/ein Mann“ ist, wenn sie oder er eine genitalverändernde Operation durchlaufen hat. Das baut großen Druck auf gegenüber Trans*personen und gleichzeitig fühlt sich der Vorwurf „vorher war das ja keine richtige Frau/kein richtiger Mann“ sehr verletzend an. Daher sprechen Trans*personen lieber von einer „Geschlechtsangleichung“ bzw. „geschlechtsangleichenden Operation“, weil sie ihren Körper dem Geschlecht anpassen, mit dem sie sich identifizieren.

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„DAS WAR FRÜHER MAL EIN MANN“
Eine Trans*person wird nicht plötzlich auf magische Weise verwandelt in einen Mann oder eine Frau. Das Gefühl sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren zu können, welches die Gesellschaft uns zugewiesen hat, ist bei den meisten schon lange vorhanden – oft von Kindesbeinen an. Ein Outing kommt für manche Angehörige plötzlich, aber ihr tut einer Trans*person einen Gefallen, wenn ihr sie nicht in vorher und nachher einteilt. Erkennt das Geschlecht an, mit der sich eine Trans*person identifiziert und akzeptiert, dass es ein langer Weg war, die Kraft zu entwickeln auch nach außen hin zu zeigen, wie sie sich wirklich fühlen. Geschlecht richtet sich also nach dem, was wir fühlen. Es ist eine Frage der Identität, nicht eine Frage nach Verhalten und Genitalien.
Der Satz „Das war früher mal ein Mann/eine Frau“ ist also einfach respektlos, verletzend und falsch.

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„BIST DU EINE DRAQ QUEEN?“
Nein! Mein Leben ist keine Show und ich bin froh, wenn ich einfach die Person sein darf, die ich sein will ohne blöd dafür angemacht zu werden. Draq ist eine Perfomance-Kunst und hat rein gar nichts mit Transidentität zu tun. Anders als eine Draq Queen können transidente Menschen auch nicht so einfach aus ihrer Rolle wieder herausschlüpfen, sondern müssen jeden Tag um Anerkennung kämpfen – insbesondere wenn sie gerade erst ihre Transition begonnen haben.

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JOIN THE FIGHT
Für die Gleichberechtigung von transgeschlechtlichen Menschen bleibt noch so viel zu tun! Weltweit gibt es jedes Jahr so viele Hassverbrechen, gerade gegen Transfrauen*. Es ist wichtig, dass wir nicht aufhören diese Gewalt zu thematisieren und weiter für das Recht auf Leben und Anerkennung für Trans*personen pochen.

In vielen Ländern gibt es keine Möglichkeit in offiziellen Dokumenten wie Ausweis oder Pass den Namen oder die Geschlechtsangehörigkeit zu ändern. Das führt zu unangenehmen Situationen und vielen Alltagsproblemen. In manchen Ländern, z.B. in Deutschland, gibt es diese Möglichkeit, der Weg ist aber mühsam und schwer. Lasst uns endlich damit aufhören transgeschlechtlichen Menschen unnötige bürokratisch Hürden und Auflagen aufzubürden.

Dort wo Gewalt und Unterdrückung nicht zu den alltäglichen Problemen gehört, bekommen Trans*personen dennoch wenig Raum in Alltag, Kultur und Medien zugestanden. Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung sind ein ernstzunehmendes Problem. Diese Ausgrenzung führt dazu, dass sich Vorurteile noch verstärken, weil unsere Gesellschaft lieber über Trans*personen redet statt mit ihnen zu reden und sie selbst sprechen zu lassen. Wir brauchen also dringend mehr Räume, in denen die Trans*community zu Wort kommt und ernst genommen wird.

Ich bedanke mich aus diesem Grund ganz herzlich bei den Grün-ist-Lila-Team, die mir diese Plattform gegeben, um meine Gedanken zu teilen.

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GLOSSAR:

*Trans(geschlechtlich) bezeichnen sich Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei ihrer Geburt zugeschrieben wurde. Die meisten Trans*personen gestalten ihre soziale Rolle so, dass sie besser zu ihrer Identität passt anstatt nach gesellschaftlichen Erwartungen zu leben wie sie eigentlich sein sollen. Einige Trans*personen nehmen zudem medizinische Angebote wie bspw. die Einnahme von Geschlechtshormonen in Anspruch, um ihren Körper ihrer Identität anzupassen.

*Cis(geschlechtlich) meint alle Menschen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei ihrer Geburt zugeschrieben wurde. Cis wird also als Gegensatz zu trans(geschlechtlich) verstanden.

* Transition bezeichnet im weiteren Sinne den Selbstfindungsprozess von Transpersonen*. Im engeren Sinne wird darunter ein (meist nach außen wahrnehmbarer) Lebenswandel verstanden, in dem Trans*personen das bei ihrer Geburt fälschlicherweise zugewiesene Geschlecht ablegen und beginnen, in ihrem empfundenen Geschlecht zu leben, landläufig auch als Wechsel des Geschlechts bezeichnet. Insbesondere in der Therapie von Transpersonen wird die Transition oftmals als Maßstab angelegt, inwieweit eine Person wirklich trans* ist. Damit trägt das Konzept der Transition oft zur Pathologisierung von Trans*personen bei. Zudem liegen dem Konzept oft binäre Vorstellungen von Geschlechtern zugrunde.

Ein Paar Worte über...

Fröllein Tomata
Fröllein Tomata

Als Entdeckerin & Weltenbummlerin reiste sie schon als Jugendliche zwischen Geschlechteridentitäten. Studiert Englisch & ist aktiv bei der Grünen Jugend NRW.

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