Blackout – Wie es ist, unfreiwillig Drogen in den Drink zu bekommen

Sonntagmittag, in Berlin nicht die schlechteste Zeit, um noch ein bisschen tanzen zu gehen. Wir verschmähen die Sonne, weil rollende Bässe im Techno-Club unserer Wahl locken. Die Tür passiert, die (Vor-)Freude ungebremst, die Musik dröhnt. Ich war schon oft hier, hatte gute Tage und Nächte. Dieses Mal wird es ein kurzer Aufenthalt werden. Und erstmals ein verstörender für mich.


Ich bin oft in diesem Club Nähe Ostbahnhof. Der Begriff „Club“ scheint mir eigentlich fast zu schnöde. Er bildet die Exponiertheit dieses viereckigen Techno-Tempels nicht ab. Aber ich werde jetzt keine Namen nennen. Ich bin oft hier, weil ich mich hier anders frei fühle, als in anderen Clubs. Leute machen hier ihr Ding. Auch wenn oder gerade weil hier eine gewisse Freizügigkeit und Offenheit gelebt werden kann, herrscht ein Klima gegenseitigen Respekts. Es sind nur wenig betrunkene Leute unterwegs, die einen anlabern oder antatschen. Deshalb komme ich gerne. Und wegen der Bässe.

Dieses Mal ist es sehr leer. Und anders als meistens ist der Garten auf. Auch hier sind nur vereinzelt Gestalten. Die Sonne brennt auf die dehydrierten Gesichter. Wir sind ganz guter Dinge und setzen uns mit unserem Bier nach draußen. Nach kurzer Zeit lernen wir eine Gruppe von Leuten kennen. „Echte Berliner“ – die totale Ausnahme. Wir kommen kurz ins Gespräch. Ein Typ bietet uns seinen Gin Tonic an. Kurzes Zögern. „Da ist nichts drin. Keine Angst.“ Meine Freundin nimmt einen kleinen Schluck, gibt den Drink an mich weiter. Sehr erfrischend! Vielleicht zwei Minuten später zieht der Typ mich Richtung Bar. Bestellt zwei weitere Gin Tonics. Das angefangene Glas stellt er auf den Tresen. Ich sag nur: „Hey, der ist doch noch gar nicht leer.“ Er: „Ist doch egal – haben doch schon was Neues.“ Ich – sparsam, wie immer – trinke den Drink aus.

Erst super drauf, dann bricht meine Erinnerung ab

Zehn Minuten später, habe ich das Bedürfnis, mich meines Oberteils zu entledigen. Keine Ahnung warum. Kurze Zeit später breche ich in Tränen aus. Vollkommen seltsam, dieser plötzliche Gefühlsausbruch. Da stoßen auch die anderen wieder zu uns, leicht irritiert über meine Emotionalität, aber ich fange mich schnell wieder, bin nun super gelaunt. Super DRAUF. Aber niemand checkt, was los ist. Ich will jetzt tanzen. Wir gehen rein. Ich sehe noch einen Rücken vor mir auf der Tanzfläche. Dann bricht meine Erinnerung ab.

Das nächste, was ich vor Augen habe, ist ein Gesicht. Im Hintergrund zu helles Licht, das durch den Eingang scheint. Ich kneife die Augen zusammen und strenge mich an, zu verstehen, was da jemand zu mir sagt. „Jemand“ ist ein Türsteher und er will von mir wissen, was los ist. Was los war. Was der Typ gemacht hat. Ich sage einfach nur: „Gar nichts“. Mein Freund: „Wir haben den raus geschafft, weil er dich gewürgt hat, der hat dich voll gechoked.“ Ich wieder „Der hat nichts gemacht, es ist nichts passiert.“ Die Türsteher sind nicht sehr erfreut. „Klärt mal bitte für euch, was ok ist und was nicht.“ Zu meinem Freund: „Du kannst nicht hier ankommen und dich beschweren, wenn für sie alles ok ist.“

Die nächsten Minuten habe ich nur schemenhaft in Erinnerung. Erst drinnen, dann wieder draußen. Mein Freund und ein anderer Typ, der auch eingeschritten ist, sind relativ aufgebracht. Ich habe sie vor den Türstehern in Erklärungsnot gebracht. Nun sind sie diejenigen, die unglaubwürdig wirken. Haben vermeintlich jemanden zu Unrecht an die Türsteher übergeben. Ich kann überhaupt nicht verstehen, was los ist. Aber ich beginne erst langsam, mich daran zu stören. War ich erst noch ruhig und sehr entspannt, werde ich jetzt extrem unruhig und verwirrt. Ich fange an zu weinen, sage immer wieder, dass ich mich an nichts erinnere. Ich empfinde einfach ein so starkes Gefühl von Verwirrung und zunehmender Angst. Nichts passt zusammen.

Sowas habe ich noch nie erlebt. Ich kenne kleinere Erinnerungslücken von Alkoholkonsum. Wenn man morgens aufwacht und Leute einem noch mal Dinge der durchzechten Nacht berichten. Das löst dann aber auch eher ein „Ach-stimmt-ja-Gefühl“ bei mir aus und zwischen dem Geschehenen und der Jetztzeit liegt ein tiefer alkoholschwerer Schlaf.

Jetzt ist es anders. Das, worüber wir hier sprechen, liegt zehn Minuten zurück. Und das „ach stimmt“ bleibt aus. Ich weiß NICHTS mehr. Ich kann das, was sich in der letzten Stunde abgespielt hat, überhaupt nicht abrufen. Ich habe nicht das Gefühl, dass überhaupt Zeit vergangen ist. Ich habe gerade überhaupt nicht die Möglichkeit, darüber nachzudenken, was Zeit ist oder wie schnell oder langsam sie vergeht. Ich fühle mich einfach dumpf. Ich fühle gar nichts. Meine Wahrnehmung ist schemenhaft, wie in einzelnen abgetrennten Bildern. Drinnen dunkel, super helles Licht und extrem grünes Gras draußen. Dazwischen immer nichts. Nichtmal schwarz – einfach nichts, also kein Empfinden, keine Wahrnehmung. Dann der Nachhauseweg. Straße und Tram. Zuhause.

Ab ins Krankenhaus – oder nicht?

Meine Begleiter*innen müssen mir immer wieder schildern, was passiert ist, weil mein Erinnerungsvermögen noch nicht funktioniert. Auch was gerade passiert kann ich mir nur kurz merken. „Dieser Typ hat dich schon die ganze Zeit komisch angefasst. Am Po und so. Du hast ihn einfach gewähren lassen. Du schienst vollkommen einverstanden. Als er dir mehrfach an den Hals gegangen ist – es sah aus, als würde er dich würgen, aber wir wissen natürlich nicht, wie fest er zugedrückt hat –, sind wir dazwischen gegangen. Er wurde aggressiv. Wir haben ihn festgehalten, damit er dir nicht nachgeht. Du warst dann aber einfach weg.“

Wie gesagt, ich erinnere mich an nichts davon. Ich erinnere mich auch nicht an ein Gefühl von Unbehagen. Von Grenzüberschreitung von irgendwas.

Ich weiß gar nicht, wer zuerst auf die Idee kam, dass mit diesem Drink irgendwas nicht gestimmt haben kann. Aber jetzt steht zur Debatte, ob wir ins Krankenhaus fahren sollen. Ich liege auf dem Bett und fange langsam an, mehr wahrzunehmen. Aber nur mehr an unangenehmem Gefühl. Mir ist schlecht. Ich fühle mich elend. Die Erinnerung kommt nicht zurück. Nur wird meine Wahrnehmung von Gegenwärtigem wieder normaler. Wieder mehr Erinnerung und weniger Lücke. Wir beschließen ins Krankenhaus zu fahren. Ich will zwar nicht, aber lasse mich überzeugen, dass das wahrscheinlich besser ist.

Keine Hilfe  – weder im Krankenhaus noch bei der Polizei

Dort angekommen, schildern wir was passiert ist. Die Auskunft, die wir bekommen ist: „Wir machen hier keine Blutuntersuchungen. GBL bzw. GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure) wird so schnell abgebaut, das wird jetzt nicht mehr nachweisbar sein. Wenn Sie das hier machen wollen, müssen Sie noch drei Stunden warten. Bis dahin ist es dann definitiv nicht mehr nachweisbar. Sie können auch in die Charité fahren und es dort versuchen. Aber bis dahin wird auch nichts mehr nachweisbar sein. Also einfach viel trinken. Alles Gute.“

Das ist ernüchternd. Ich fühle mich zwar wieder klarer im Kopf, aber ich will ins Bett. Die nächsten drei Stunden schlafe ich einfach. Danach gehts mir oker. Mir ist aber noch den ganzen Abend schlecht und schummrig. Ich habe immer noch das Gefühl, dass meine Augen mit viel Licht nicht klarkommen. Sehe unscharf und bin auf wackeligen Beinen unterwegs. Das Schlimmste aber sind meine Gedanken, sie drehen sich die ganze Zeit um diese eine Stunde, um das Nichts, um die Rekonstruktion des Nichts. Das einprägsamste Gefühl, das bleibt, ist der Moment, in dem meine Erinnerung schemenhaft wieder einsetzt und ich mich aber nicht erinnern kann, was unmittelbar zuvor war. Und ein Gefühl vollkommener Verstörtheit darüber.

Ich hoffe, dass sich das alles am nächsten Tag weniger diffus und klarer anfühlen wird. Aber dieses Gefühl stellt sich leider nicht ein. Jetzt stelle ich mir immer wieder die Frage, ob ich wirklich was „abbekommen“ habe. Ob das Absicht war? Oder ob es meine „Schuld“ war? Ob der Alkohol irgendwie komisch gewirkt haben kann? Ob ich mich irgendwie „falsch“ verhalten habe? Ob ich zu wenig abgrenzend gegenüber dem Typ war?

Gegen Abend, bekommen ich die Info, dass so genannte K.o.-Tropfen im Urin bis zu 24 h nachweisbar sind. Was!? Jetzt also doch!? Ich bewahre also eine Probe auf. Am nächsten Tag versuchen wir, herauszufinden, wo wir die jetzt auswerten lassen können. Überall gibt es nur widersprüchliche Informationen. Wir werden von Warteschleife zu Warteschleife verbunden. Weder die Polizei, noch die Forensik in der Charité scheinen sich auszukennen. Ich frage mich warum. Ich bin hilflos und wütend. Die letzte Info ist, dass ich eine Anzeige bei der Polizei brauche, um dann damit in ein Labor zu fahren und meinen Urin untersuchen zu lassen.

Ich bin mir mittlerweile eh sicher, dass ich den Typ anzeigen will. Ich mache also die Anzeige, benenne die Zeug*innen. Ich selbst weiß nach wie vor nichts. Auch die Polizei verweist mich noch mal an die Gewaltschutzambulanz. Hier können pathologische Befunde schnell im Labor untersucht werden. Untersucht – aber nicht entnommen – wie ich nach einem weiteren Telefonat erfahre. Nun werde ich wieder an das Toxikologische Institut der Charité verwiesen. Die Aussage hier: Ein erhöhter GHB-Wert im Blut ist bis zu sechs Stunden nach einer Einnahme bzw. Verabreichung noch nachzuweisen. Im Urin sogar elf Stunden. Hätte also alles entspannt gepasst, wenn man mich im Krankenhaus behandelt hätte. Hätte – diese Möglichkeit bleibt mir jetzt verwirkt. Sowie Gewissheit darüber, dass das, was passiert ist, eben kein plötzlicher und für mich vollkommen untypischer Alkoholabsturz war.

“K.o.-Tropfen” als “Vergewaltigungsdroge”

Seit Anfang der 90er Jahre tauchen „K.o.-Tropfen“ immer wieder in den Medien in Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt auf. Das Verabreichen einer gefährlichen Substanz an eine unwissende Person gilt als schwere Körperverletzung – unabhängig davon, ob die Wehrlosigkeit der Betroffenen auch noch für sexualisierte Übergriffe ausgenutzt wird.
Die Problemlage der Substanz ist klar: Die Betroffenen können noch Stunden nach der Verabreichung betäubt und nicht in der Lage sein, selbstständig in eine Ambulanz zu gehen, sie haben Erinnerungslücken oder ein vollkommenes Blackout, sie haben Schuld- und Schamgefühle, auch weil sie sich fragen, ob der eigenen Alkoholkonsum sie in diese Lage versetzt hat, deshalb zögern sie, bevor sie eine Anzeige machen oder ins Krankenhaus gehen.
Und noch etwas ist extrem problematisch am Diskurs um diese Substanz – „K.o.“-Tropfen ist eine irreführende Bezeichnung. Du gehst nicht k.o., zumindest nicht, wenn es nicht viel zu viel war. Du bist euphorisiert, ungehemmt, Du tust Dinge oder lässt sie geschehen, die Du dir danach nicht erklären kannst. Das kann zumindest passieren, wenn Du diese Substanz unwissentlich verabreicht bekommst und dich einfach danach verhältst, wie Du dich gerade fühlst, weil Du dir nicht bewusst bist, dass eine Substanz gerade stark dein Verhalten beeinflusst. Das ist auch der Grund, warum mich beispielsweise der Fall Gina-Lisa so aufgebracht hat. Wenn Du GHB/GBL abbekommst oder willentlich nimmst, gehst Du nicht k.o., Du kannst wirken, als wärest Du vollkommen einverstanden mit der ganzen Situation. Du stehst aber unter Betäubungsmitteleinfluss. Wenn Personen diese Situation ausnutzen, handelt es sich um Übergriffe, sexualisierte Gewalt oder eben Vergewaltigung, auch wenn das „Opfer“ nicht deutlich nein sagt oder sich wehrt.

Beweissicherung ist ein Spiel gegen die Zeit

Obwohl das Vorgehen von Tätern in Zusammenhang mit Betäubungsmitteln der Polizei und  gesellschaftlich schon lange bekannt ist, berichten Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen über einen Anstieg der Fälle. Die Aufklärung und strafrechtliche Verfolgung bleibt weiterhin verschwindend gering.

Ich frage mich, warum die Infrastruktur zum Aufdecken solcher Straftaten so schlecht ist. Warum gibt es hier keine vereinfachten Verfahren und niedrigschwellige Angebote für Betroffene? Warum ist das Wissen darum unter Ärzt*innen wie Polizeibeamt*innen hier so derart mangelhaft? Ich wurde drei Stunden nach der vermuteten Verabreichung in der Ambulanz nicht behandelt. Für mich persönlich eine große Misere. Rechtlich korrekt: Notaufnahmen in Krankenhäusern sind aktuell nicht verpflichtet Blut- und/oder Urinproben von Personen zu sichern, die den Verdacht haben, unter eine Substanz gesetzt worden zu sein. Nur wenn die betroffene Person zuvor eine Anzeige gemacht hat, sind Krankenhäuser hier in der Pflicht. Wieso besteht hier eine derart paradoxe Regelung, wenn gleichzeitig eine der Hauptwirkungsweisen von GHB/GBL und anderen Betäubungsmitteln Erinnerungsverlust und vollkommene Verstörtheit während nachlassender Wirkung sind und Opfer somit natürlich nicht in der Lage sind, erst einmal eine Anzeige bei der Polizei zu machen. Warum werden nicht bei jedem Verdachtsmoment Beweise zumindest gesichert, wenn doch so klar ist, dass es ein Spiel gegen die Zeit ist.

Ein Paar Worte über...

Johanna Warth
Johanna Warth

Politikwissenschaftlerin, die guten Kaffee und Schreiben liebt. Herzthema und wichtigstes politisches Aktionsfeld ist die sexuelle Selbstbestimmung aller Menschen und das Recht auf Abtreibung, weshalb sie auch Mitglied im Koordinierungskreis des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung (Berlin) ist. Bei Twitter @_annah_oj

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