Juckt´s eigentlich wen?

Antonio Tajani ist seit gestern der Präsident des Europäischen Parlaments.

Zusammen mit Rechtsextremen und fundamentalistischen Christ*innen hat der italienische Konservative einen Aufruf unterstützt, der sich gegen das sexuelle Selbstbestimmungsrecht und jede Familienform außerhalb der bürgerlichen heterosexuellen Kernfamilie ausspricht.

Seine persönlichen Überzeugungen an dieser Stelle hätten nichts mit seiner Rolle als Präsident des Europäischen Parlaments zu tun, sagt er.

Ich sage: Doch, das haben sie. Es geht nämlich um die Frage, wie mit Minderheiten umgegangen wird. Es geht um die Frage, ob Frauen ein Recht auf ihren eigenen Körper haben. Oder um die Frage, ob Menschen frei sind, Familie so zu leben, wie sie es wollen. Und all diese Fragen bilden ein Fundament europäischer Demokratie.

Unfreiheit in unsicheren Zeiten

Und das gerade jetzt. Gerade jetzt in Zeiten, in denen die Universalantwort Konformismus zu sein scheint. Mit der Unsicherheit wächst Unfreiheit. Unfreiheit, die Menschen vorschreiben will, wie sie zu leben haben. Die Anderssein einhegen will. Weil das angeblich Probleme schafft.

Körper werden vermessen, beurteilt, begrenzt. Vor allem Frauenkörper. Die Fähigkeit, Kinder zu gebären, wird in rechtspopulistischen Kreisen zum zentralen politischen Angriffspunkt. Reproduktionsorgane werden zum Staatseigentum erklärt. Neu ist das nicht. Es wird dadurch allerdings nur noch gruseliger. Gleichzeitig wird jede Idee, die zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung beitragen könnte, zum Untergang des Abendlandes stilisiert: Unisex-Toiletten, eine Öffnung der Ehe, ein inklusiver Bildungsplan.

Da ist die Wahl eines Verfechters von mehr Unfreiheit nicht bloß eine Randnotiz, sondern ein verheerendes politisches Signal.

Ein Paar Worte über...

Terry Reintke
Terry Reintke

Europabegeisterte Queerfeministin, die seit vielen Jahren Grüne Politik macht. Seit 2014 auch im Europäischen Parlament. Gelsenkirchen.

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