Intersex Awareness Day – Denn wir alle sind verschieden!

Heute, am 26. Oktober, ist der Intersex Awareness Day, oder Welttag der Intersexualität. Mareike hat einen Blick auf die Debatte geworfen und ein paar Gedanken aufgeschrieben.

Anfang des Jahres 2012 hat der Deutsche Ethikrat eine Stellungnahme zu Intersexualität veröffentlicht, darin heißt es, dass „der Grundsatz zu gelten hat, dass jeder Betroffene, sofern es um seine eigene Geschlechtlichkeit geht, sich in eigener Verantwortung zu entscheiden hat.“ Bis hierher war es ein langer Weg, der hauptsächlich von Betroffenenverbänden gegangen wurde. Auch in der Stellungnahme wird das Thema Intersexualität nach wie vor als medizines Thema behandelt, der Ethikrat geht aber darüber hinaus und behandelt auch Fragen nach vielfältigen Geschlechtsidenitäten. Und stellt durchaus die Selbstbestimmungsrechte der Betroffenen in den Vordergrund – ein Novum.


Was ist Intersexualität?

Von Intersexualität wird gesprochen, wenn das biologische Geschlecht nicht eindeutig typisch weiblich oder männlich ist. Dies kann der Fall sein, wenn z.B. ein Kind eine Vagina, aber anstatt Eierstöcken innenliegende Hoden hat. Es kann zu vielfältigen Ausprägungen im Keimdrüsen-, Chromosomen-, sowie beim Hormongeschlecht kommen. Das hormonale Geschlecht ist laut dem Deutschen Ethikrat niemals typologisch binär, sondern prägt sich immer als Skala aus, bei der ein Individuum auch zwischen den beiden Polen liegen kann. Dementsprechend zeigt Intersexualität, dass das biologische Geschlecht nicht widerspruchsfrei in zwei differente Pole einteilbar und damit nicht binär bestimmbar ist, sondern für das für den körperlichen Variantenreichtum das Bild eines Kontinuums besser geeignet ist als das System der Zweigeschlechtlichkeit. Es gibt kein Entweder-Oder. Wir alle sind verschieden – die einen mehr, die anderen weniger.

Die Angaben, wie viele Menschen intersexuell sind, liegen je nach Definition und Interesse weit auseinander, sie variieren zwischen einer von zweitausend (0.05 %) und fast zwei von hundert Menschen (1.7 %).

Intersexualität ist nicht mit Transsexualität zu verwechseln. Transsexualität bedeutet, dass eine Person medizinisch gesehen eindeutig einem Geschlecht zugehörig ist, aber eine gegensätzliche Geschlechtsidentität ausbildet.

Intersexualität im Diskurs

Interessant ist, dass gerade bei diesem Thema die sozial- und geisteswissenschaftlichen Diskussionen von medizinischen und naturwissenschaftlichen Diskussionen getrennt wurden.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurden sogenannte Hermaphroditen „als Laune der Natur“ gesehen, danach wurden sie zum Fall für die Medizin, weil sie als abnormal galten und sich nicht ins vorherrschende medizinisch binäre Geschlechterschema einordnen ließen. Der Ansatz der „Normalisierung“ intersexueller Menschen in anatomischer und hormoneller Hinsicht, sprich die medizinische Anpassung an eines der beiden Geschlechter, steht häufig nach wie vor im Vordergrund. International ist Intersexualität auch immer noch als Disorder of Sex Development (DSD) bekannt. Dieser medizinische Diskurs ist enorm wirkmächtig für die Betroffenen und ihr Ansehen. Er entmenschlicht sie und macht sie gewisser Hinsicht zu medizinischen Objekten. Viele Eingriffe werden häufig bereits im Kindesalter ohne oder gegen den Willen der Betroffenen vorgenommen. So beschäftigen sich auch viele der Forderungen des Vereines Intersexuelle Menschen e.V. mit dem Umgang mit ihnen im Gesundheitssystem und dem Erreichen nach mehr Selbstbestimmung.

Für die feministische Geschlechtertheorie war die Parallelisierung von Sex und Gender folgenreich: Das biologische Geschlecht gehörte der Medizin bzw. Biologie, das soziale Geschlecht der Sozialwissenschaft. Erst Judith Butler stellte diese Trennung radikal in Frage, in dem sie die Reflexivität von Natur und Kultur untersuchte.

Und so ist die Einteilung der Menschen in zwei Geschlechter folgenreich für intersexuelle Menschen. Sie (oder ihre Eltern) müssen sich immer entscheiden – mit Beginn bei der Geburtsurkunde. Mit all den sozialen Folgen und Diskriminierungen.

Intersexualität zeigt aber, dass die Vorstellung von Zweigeschlechtlichkeit nicht trägt. Intersexualität ist nicht eindeutig. Intersexualität zeigt, dass männlich und weiblich keine getrennten Pole sind, sondern etwas Fließendes – mit Variationen – und macht damit deutlich, dass Geschlecht vielfältig ist. Intersexualität fordert die Alltagsannahmen über Geschlecht in unserer Gesellschaft heraus. Am Intersex Awareness Day sollten wir uns also einmal mehr bewusst machen, dass wir alle verschieden sind und dies feiern und dem Schubladendenken ein Ende bereiten!

Ein Paar Worte über...

Mareike Engels
Mareike Engels

Mareike ist Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Frauenpolitik von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Als Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft ist sie für Sozial- und Frauenpolitik zuständig. Sonst Studentin der Soziologie. @mareikeengels

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