Liebe Carolin Emcke… – Ein Dankesbrief

Es gibt so viele Hassnachrichten. Warum nicht mal einen Dankesbrief schreiben?

 

Liebe Carolin Emcke,

ich wollte Ihnen eigentlich schon vor einem Jahr schreiben. Da habe ich Ihr Buch „Wie wir begehren“ gelesen und ich wollte mich dafür bedanken, dass Sie dieses Buch geschrieben haben und Ihnen mitteilen, wie viel es mir bedeutete. Aber dann konnte ich keine Kontaktdaten finden und so habe ich die Idee verworfen, mit der Vermutung im Hinterkopf, dass Sie, weil Sie so großartige Arbeit machen, wahrscheinlich so oft positives Feedback bekommen, dass meine Nachricht gar nicht aufgefallen und ohnehin nichts Neues für Sie wäre.

Heute habe ich in dem Interview, das Sie dem Deutschlandradio auf der Frankfurter Buchmesse gegeben haben, gehört, dass Sie seitdem „Gegen den Hass“ erschienen ist, viel Hasspost erreicht. Wenn hasserfüllte Menschen das können, irgendwo einen Brief hinschicken und der erreicht Sie, dann kann ich das auch und wenn hasserfüllte Menschen das machen, ihren Hass hemmungslos gegen Sie richten, dann möchte ich das Gegenteil tun und wenn ich damit nur eine von vielen bin, die – besonders in den vergangen Tagen und Wochen – einmal mehr Ihre Arbeit lobt, dann ist das ein gutes Zeichen. Eines dafür, dass wir viele sind, die dem Hass etwas entgegen setzen wollen.

Ihre Gedanken und Überlegungen, deren wohldifferenzierte Analyse, deren Darstellung, die nichts bevormundend Erklärendes hat, sondern, die Sie vielmehr, selbst während des kunstvollen Verpackens in Worte, noch zu hinterfragen und auf ihre Tauglichkeit zu prüfen scheinen und die Sie jederzeit bereit sind, nach neuen Erkenntnissen anzupassen, wirkt auf mich in der aktuellen Diskurskultur wie ich sie wahrnehme, mit all den Menschen, die sich ihrer eigenen Wahrheiten so gewiss sind, wie ein heller Lichtstrahl in der Dunkelheit. Nicht, wie ein Tropfen auf heißem Stein, der fällt, landet und vergeht, sondern wie ein heller Schein, der einen Weg aufzeigen kann.

Deshalb geben mir Ihre Bücher und Kolumnen, Ihre Interviews und Worte Hoffnung. Hoffnung, in einem Kontext, in dem ich diese leider oft vermisse. Hoffnung, weil da jemand ist, jemand, die beim Empfang des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche steht, vor einem Publikum mit dem Bundespräsidenten, Spitzenpolitiker*innen fast aller Parteien, Intellektuellen, Medienvertreter*innen und vielen mehr, live im Fernsehen übertragen und weil Sie da stehen und Ihre Träume und Vision einer vielseitigen, offenen, freien, pluralistischen und menschlichen Gesellschaft, die auch meine sind, mit Ihren Worten in die Luft zeichnen. Hoffnung, weil Sie da stehen und klar und kompromisslos aufzeigen, welche Denkweisen dieser Vision im Weg stehen und welche Politik sie verhindern, während die ein oder der andere Verfechter jener Politik im Publikum auf seine/ihre Knie starrt. Sie geben Hoffnung, weil Sie diese Denkweisen Schritt für Schritt entlarven, ihr mit Sätzen die Fratze vom Gesicht reisen, die angeblichen Sorgen und Ängste, die angebliche Verteidigung von Werten, die im selben Moment, während sie „verteidigt“ werden sollen nicht gelebt, sondern nur propagiert werden, missbraucht als Legitimation des eigenen Handelns. Und Sie geben Hoffnung, weil Sie dann alle Menschen, die mit Ihnen auf das starren, was von der Fratze übrigbleibt, dazu aufrufen, sich dagegen zu stellen, gegen Hass, gegen Diskriminierung, gegen Ausgrenzung, gegen den Drang nach Vereinheitlichung und Gleichmachung und gegen all die Vereinfachungen, die die Welt dabei einengen. Sie sprechen mir damit aus dem Herzen – und dabei sprechen Sie auch noch ganz nebenbei konsequent genderinklusiv und nicht im generischen Maskulinum, und das live in der ARD. All das gibt mir Hoffnung in dieser Welt, die mir viel zu oft so undifferenziert gegenübersteht, dass mir selbst die Worte fehlen, um Argumente gegen Sätze zu finden, die wie Steinknüppel daherkommen.

Dafür möchte ich mich heute endlich bei Ihnen bedanken. Für all die Worte und Sätze, die Sie schreiben und sprechen, all die Gedanken, an denen Sie uns teilhaben lassen und all die Gedanken, zu denen Sie anregen. Vielen Dank für all den Mut und die Energie, die Sie dafür aufbringen, auch und besonders dann, wenn Ihnen kalter Wind aus verschiedenen Richtungen ins Gesicht schlägt. Vielen Dank für all die Worte, mit denen Sie Menschen, die selbst keine Worte (mehr) finden, so feinfühlig sichtbar machen und uns deren Geschichten auf den Frühstückstisch legen. Und vielen Dank, nicht zuletzt, für all die Worte, mit denen Sie mir und vielen anderen Menschen Hoffnung und Mut schenken, uns an Ihrer Seite weiterhin gegen den Hass zu stellen.

Mit allerbesten Wünschen und größtem Respekt,
Johanna Braun

Ein Paar Worte über...

Johanna Braun
Johanna Braun

Setzt sich für Chancengerechtigkeit und Menschenrechte ein und spielt begeistert American Football.

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