Sexismus bei den Grünen, quo vadis?

Isso. Und zwar in allen Parteien. Und auch sonst.
CC BY-NC-ND 2.0 Christian Mayrhofer

Sexismusdebatten sind auch immer ein bisschen ein Déjà-vu. Alles schon mal dagewesen; sexistischer Spruch, Kritik daran, und schon kommen die „man wird ja wohl noch mal Titten kommentieren dürfen“-Verfechter hervorgesprungen.

Sexismusdebatten, bei denen es um Sexismus in Parteien geht, führen direkt zu Distanzierungstänzchen. Sexismus? In der eigenen Partei? Nee. Im eigenen Laden gibt es höchstens „missglückte Komplimente“ oder „gewisse geschlechtsspezifische Ausschließungsmechanismen“ wie nächtliches Skat spielen oder eben gar keinen Sexismus, denn man selbst hat in 27 Jahren Parteimitgliedschaft noch keinen erlebt. Kein Sexismus, nirgends. Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

„Wir fordern Sie alle auf, den alltäglichen Sexismus hier im Parlament einzustellen.“ Dieser Satz stammt nicht aus der aktuellen, durch den mutigen Text von Jenna Behrends (CDU) gestarteten Sexismusdebatte, sondern von 1983 aus einer Bundestagsrede der Grünen Abgeordneten Waltraud Schoppe. Das Thema ist Vergewaltigung in der Ehe, im Jahr 1983 und auch weitere 14 Jahre noch straflos, und Waltraud Schoppe schreibt mit einer Rede ein Stück Geschichte. (Hier im Ausschnitt nachzuschauen und hier in Gänze nachzulesen.)

Waltraud Schoppes Aufforderung hat nicht an Aktualität verloren, das zeigen die Erlebnisse von Jenna Behrends und anderen, die sich auf Twitter unter dem Hashtag #SexismusinParteien zu Wort melden. Wie alle Parteien, Unternehmen oder Mario-Barth-Shows sind auch die Grünen nicht von Sexismus befreit. Auf dem Bundeskongress der Grünen Jugend sagt Toni Hofreiter, Fraktionsvorsitzender dazu: „Wir wissen das Sexismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, und haben uns deswegen Regeln gegeben.“ Regeln wie die Frauenquote, die den alten feministischen Spruch sicherstellen: Die Hälfte der Macht den Frauen!

Feminismus ist ein Teil der Grünen DNA. Ähnlich wie das Nein zur Atomkraft ist das Ja zu Feminismus unverhandelbar. Feministische Strukturen fallen aber nicht vom Himmel, und deshalb gibt es Regeln, wie die Frauenquote, hinter der noch ein komplettes Frauenstatut steckt. Das regelt nicht nur Quote, sondern auch Frauenveto, Gremien wie den Bundesfrauenrat,  Arbeitsgemeinschaften zu Frauen- und Lesbenpolitik und andere innerparteiliche Strukturen wie Regeln zur Kinderbetreuung während Sitzungen. Solche Regelungen darf man nicht als feministische Inhalte missverstehen: Sie sind Mittel zum Zweck. Mittel, um informelle Männerquoten mit einer formellen Frauenquote zu durchbrechen, Mittel, um Machtpositionen aufzuteilen, Mittel, um Platz für feministische Inhalte zu schaffen.

Klar ist wegen eines Frauenstatuts nicht alles super. Klar gibt es auch bei den Grünen Sexismus. Von dominantem Redeverhalten in Parteikontexten kann ich ein Lied singen. Und auch trotz Frauenstatut sind nicht alle Landesfraktionen quotiert besetzt. Aber die Grünen haben Strukturen, in dem der Kampf gegen Sexismus auf der Agenda steht. Das macht nicht alles perfekt, aber einiges besser.

In diesen Strukturen wird immer wieder neu diskutiert, was Feminismus für uns heißt. Und zwar auch da, wo es weh tut: Wieso gibt es weniger Frauen als Männer bei den Grünen? Und wieso wenige Frauen mit Migrationshintergrund? Und wie stehen wir zu Spätabtreibungen? Ehe für Alle oder Ehe für Niemanden? Wie stehen wir zum Niquabverbot? Und wie zu Sexarbeit? Wie schnell wollen wir das Ehegattensplitting loswerden? Wie schaffen wir Arbeitsmodelle, die vielfältigen Lebensmodellen und Familienformen gerecht werden?

Solche Diskussionen führen wir zum Beispiel auf der Grünen Bundesfrauenkonferenz am kommenden Wochenende in Hannover. Und dem Motto “Because it’s 2016!“ sind interne und externe Gäste eingeladen, zum Diskutieren und Aufrütteln, zum gemeinsamen Feiern aber auch zum die Finger in Wunden legen wenn nötig.

Der Kampf gegen eine patriarchale, sexistische Gesellschaft geht weiter. Und wer mag, die komme gerne zur Konferenz und mache mit!

Ein Paar Worte über...

Charlotte Obermeier
Charlotte Obermeier

Ist Serienjunkie & kennt alle berühmten Internetkatzen. Mag Roboter & Zeitreisen. Sprecherin der Grünen Jugend Berlin. @MissCharlez

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