Besonders schutzbedürftige Geflüchtete in Berlin: Ein Interview mit Claudia da Silva

Es ist ein herrlicher Frühlingstag in Berlin und ich radle zum Marie-Schlei-Haus. Dort treffe ich mich mit Claudia da Silva, der Leiterin des „AWO Refugiums für besonders schutzbedürftige Geflüchtete“. Ich werde vom Vogelgezwitscher und den blühenden Blumen des kleinen Gartens empfangen. Noch viel mehr aber schaffen die Bewohner*innen sowie die Mitarbeiter*innen des Hauses eine Atmosphäre, in der sie mich derart herzlich aufnehmen, dass ich mich am Ende nur schweren Herzens verabschieden werden kann. Bei Kaffee und Erdbeeren, erzählt mir Claudia da Silva, die eben noch mit den Kindern des Hauses neue Blumen gepflanzt hat, vom Schicksal der Bewohner*innen, vom kleinen Glück im Alltag und vom täglichen Kampf mit der Bürokratie.

Claudia da Silva

Claudia da Silva, Leiterin des Marie-Schlei-Hauses

 

Sie leiten das Marie-Schlei-Haus, laut Webseite „ein Refugium der Arbeiter Wohlfahrt (AWO) für besonders schutzbedürftige Geflüchtete“ in Berlin. Wie muss ich mir einen Arbeitstag von Ihnen vorstellen?

Claudia da Silva: Jeder Tag ist wie ein Überraschungsei. Es gibt hier im Haus einen eigentlich geplanten Tagesablauf, der den ungefähren Rhythmus vorgibt. An meinem Schreibtisch hängen außerdem ganz viele Post-it’s mit den dringendsten Aufgaben drauf. Wenn ich Glück habe, schaffe ich es, am Tag drei davon zu erledigen. Das Wichtigste sind aber immer die akuten Bedarfe der Menschen, die hier wohnen.

Gesundheitliche Angelegenheiten sind dabei natürlich am wichtigsten. Es gibt z.B. immer wieder den Fall, dass eine Operation ansteht – wir haben hier Menschen, die schwerkrank sind, Kinder mit Krebs z.B. – aber noch keine Kostenübernahme vom LaGeSo (Anmerkung: zuständige Behörde des Landes Berlin: Landesamt für Gesundheit und Soziales, das Interview wurde vor der Inbetriebnahme des Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) geführt) da ist. In so einem Fall muss ich schnell handeln.

Dazu kommen Unklarheiten oder kleine Konflikte, die es zu lösen gibt. Gute Kommunikation ist uns sehr wichtig. Deshalb versuchen wir auch, kleine Dinge sofort zu klären und gleich ins Gespräch zu gehen. Wenn z.B. Kinder am Abend zu lange unbeaufsichtigt waren, sprechen wir gleich am nächsten Tag mit den Eltern und erklären ihnen, dass sie eine Aufsichtspflicht für ihre Kinder haben.

 

Das Marie-Schlei-Haus wurde im April 2013 gegründet.

Claudia da Silva: Genau, ich habe das damals in der Zeitung gelesen und dass es einige Konflikte mit der Nachbarschaft und im Bezirk gibt. Ich bin auch ausgebildete Mediatorin und es hat mich sehr gereizt, dort zu arbeiten. Deshalb habe ich Interesse angemeldet, das Haus als Leiterin zu übernehmen. Zu Beginn haben wir wöchentliche Termine mit Anwohner*innen veranstaltet, dann vierzehntätig und so weiter, um die Bedenken der Nachbarschaft mit ihnen zu besprechen. Inzwischen habe ich schon lange keine Probleme mehr wahrgenommen.

 

Weshalb ist es so wichtig, dass es eine Einrichtung wie das Marie-Schlei-Haus gibt?

Claudia da Silva: Eigentlich sind für mich alle Geflüchteten schutzbedürftig. Im Falle von manchen Geflüchteten ist es aber gar nicht tragbar, sie in regulären Einrichtungen unterzubringen. Hier im Marie-Schlei-Haus wohnen weniger Menschen und der Personalschlüssel ist höher. Das wäre für alle Unterkünfte gut.

 

Das Marie-Schlei-Haus hat 190 Plätze. Zum März 2016 waren berlinweit ca. 71 000 geflüchtete Menschen in verschiedenen Unterkünften untergebracht. Die Zahl der Menschen, die besonders schutzbedürftig sind, ist mit Sicherheit weit größer als Ihre Aufnahmekapazität. Fühlen Sie sich manchmal als wären Sie der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein?

Claudia da Silva: In Berlin gibt es inzwischen mehrere Häuser, die besonders Schutzbedürftige aufnehmen. Oft handelt es sich dabei aber nur um eine besondere Etage. Es wäre besser, wenn es mehr Einrichtungen ausschließlich für besonders schutzbedürftige Geflüchtete gäbe. Der Bedarf ist noch lange nicht gedeckt. Ich bin aber sehr froh, dass es unsere Einrichtung gibt und die Menschen, die hier wohnen, sind es auch. Der Umgang mit Menschen, die schwer krank sind, mit schwerst Traumatisierten, auch kleinen Kindern, ist aber auch für die Mitarbeiter*innen sehr anspruchsvoll.

 

Bekommt das Personal besondere Unterstützung?

Claudia da Silva: Wir machen mit unseren Mitarbeiter*innen wöchentliche Teamsitzungen und Fortbildungen zu speziellen Themen wie z.B. Kinderschutz.

 

Besonders schutzbedürftige Menschen sind nach Artikel 17 der Richtlinie 2003/9/EG des Rates zur Festlegung von Mindestnormen für die Aufnahme von Asylbewerbern in den Mitgliedsstaaten der EU, Menschen mit Beeinträchtigungen, ältere Menschen, Schwangere, Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern, Minderjährige, Personen, die Folter, Vergewaltigung oder sonstige Formen psychischer, körperlicher oder sexueller Gewalt erlebt haben, Personen mit psychischen Auffälligkeiten sowie Opfer von Menschenhandel, Frauen* und Mädchen*, die Opfer von Genitalverstümmelung wurden. Einige dieser Definitionen beziehen sich explizit auf Frauen* und Mädchen*, von anderen sind Frauen* und Mädchen* tendenziell häufiger betroffen. Wie schätzen Sie die Situation geflüchteter Frauen* und Mädchen* in deutschen bzw. in Berliner Unterkünften für Geflüchtete allgemein ein?

Claudia da Silva: Wie die Situation in Berlin oder in ganz Deutschland aussieht, kann ich gar nicht sagen. Hier bei uns haben wir mit unseren Bewohner*innen und unseren Mitarbeiter*innen eine sehr familiäre Atmosphäre. Die Hälfte hier sind Kinder, gut ein Viertel sind Frauen* und ein Viertel sind Männer*. Das hat sich von Anfang an so ergeben. Ich kenne alle Bewohner*innen. Das ist sicher eine andere und deutlich bessere Situation als in anderen Unterkünften, in denen manchmal bis zu zweitausend Menschen wohnen.

 

Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen geflüchtete Frauen* und Mädchen*, wenn sie nach Deutschland kommen?

Claudia da Silva: Frauen*, haben es weltweit in allen Ländern und Gesellschaften schwerer. Frauen*, die alleine auf der Flucht sind dementsprechend auch. Sie sind oft zusätzlich durch Folter oder Vergewaltigungen traumatisiert.

Vor welchen speziellen oder individuellen Herausforderungen Frauen* und Mädchen* hier in Deutschland stehen, kann ich gar nicht allgemein sagen. Ihre Situationen sind ganz unterschiedlich, je nachdem, aus welchem Land sie kommen. Frauen* aus Ländern, in denen Männer* als Haushaltsvorstand und Vertreter der Familie nach außen auftreten, sind dann, wenn sie ohne Mann* hier sind, sozusagen ungeschützter. – Wie vor wenigen Generationen auch bei uns, wenn zum Beispiel eine Frau* geschieden war.

 

Wie können geflüchtete Frauen* und Mädchen* gezielt unterstützt werden?

Claudia da Silva: In vielen Einrichtungen gibt es, wie schon erwähnt, inzwischen Frauen*etagen. Oft gibt es pro Etage Gemeinschaftswaschräume. In reinen Frauen*etagen können sich die Frauen* dann freier bewegen. Hier bei uns hat jedes Zimmer ein eigenes Bad.

In unserer Einrichtung gibt es zusätzlich verschiedene Projekte, speziell für Frauen* und Mädchen*. Aktuell starten wir ein Projekt in Kooperation mit dem Patenprojekt Känguru das junge Mütter begleitet. Patenschaften sind eine gute Möglichkeit, unseren Bewohner*innen den Einstieg in unsere Gesellschaft zu erleichtern. Allerdings ist es wichtig, dass die Patinnen* und Paten*, professionell sind, denn sie müssen sehr viel Kraft und Energie aufwenden können und Sicherheit vermitteln. Die Geflüchteten brauchen niemanden, der oder die ihr Schicksal bedauert, sondern jemanden der oder die sagt: „Ich bin hier. Sag was du brauchst. Wir versuchen eine Lösung zu finden.“

Außerdem biete ich z.B. einen Yogakurs für Frauen* an, wir feiern Feste und organisieren Ausflüge, manchmal nur für Kinder, für Frauen*, Frauen* und Kinder, für Männer* usw. Das tut allen Gruppen gut. Mit den Frauen* alleine, wenn keine Männer* dabei sind und wenn sie nicht in ihrer Mutterrolle sind, ist es ein bisschen wie auf einem gemeinsamen Schulausflug. Wir haben gemeinsam richtig viel Spaß.

 

Was können wir alle tun, um gezielt geflüchteten Frauen* und Mädchen* den Start in ihr neues Leben in Deutschland und damit eine Teilhabe an unserer Gesellschaft, in Schule, Ausbildung und Arbeitsmarkt aber auch in Vereinen und anderen sozialen Gruppen zu erleichtern?

Claudia da Silva: Integration muss immer außen stattfinden, also: raus aus dem Haus. All unsere Kinder hier gehen z.B. in eine Kita bzw. in eine Schule. Bis wir das geschafft hatten, war es allerdings sehr schwer. Wir haben viele Ablehnungen bekommen. Häufig denken z.B. Betreuer*innen,  sie könnten nicht mit traumatisieren Kindern umgehen. Wir bekommen dann oft zu hören es gäbe keinen Platz oder kein Geld. Als politische Forderung könnte man z.B. festhalten, dass Plätze in sämtlichen Regelsystemen aufgestockt werden müssen, in Kitas, in Schulen, in Pflegeeinrichtungen, in betreuten Wohngemeinschaften, in Betreuungseinrichtungen und so weiter. Ich habe hier z.B. eine gehörlose Frau* und einen querschnittsgelähmten Mann*, die beide hier eigentlich gar nicht richtig sind. Sie müssten in Einrichtungen, die genau auf ihre speziellen Bedürfnisse eingerichtet sind.

Frauen* und Mädchen* sehen, dass sie in Deutschland ganz andere Perspektiven haben als teilweise in ihren Heimatländern. Eine junge Frau, die bei uns ist, hat z.B. unglaublich schnell Deutsch gelernt und möchte Krankenschwester werden. Sie zieht einfach ihr Ding durch. Das müssen wir so gut unterstützen wie möglich.

Dennoch besteht für viele geflüchtete Frauen* und Mädchen* nach wie vor ein Konflikt zwischen diesen Möglichkeiten in Deutschland und den Traditionen, mit denen sie aufgewachsen sind. Hier geraten sie aber auch wir oft an unsere Grenzen, denke ich.

 

Wie sind Ihre ganz persönlichen Erfahrungen aus der Arbeit mit geflüchteten Frauen* und Mädchen*?

Claudia da Silva: Wir haben hier eine ältere Frau*, die mit ihrer Familie ein Stück Land bewirtschaftet. Ihre beiden Söhne sind im Krieg gestorben, ihr Mann* sitzt heute im Rollstuhl. Als sie zu uns kam, war sie sehr verschlossen. Ich habe ihr den Garten überlassen, in dem sie nun Obst und Gemüse anbaut. Zusammen mit ihren frisch gepflanzten Blumen, ist sie nun richtig aufgeblüht. Der Garten ist die beste Therapie für sie.

 

Wie sähe eine optimale Zukunftsvision für geflüchtete Frauen* und Mädchen* aber auch für die weiteren besonders schutzbedürftigen geflüchteten Menschen aus?

Claudia da Silva: Ganz einfach: wenn keine Kriege mehr geführt würden und Menschen nicht mehr fliehen müssten. Dann wäre ich zwar erst einmal arbeitslos, aber das würde mir nichts ausmachen.

Weltweit muss mehr zum Schutz von Frauen* und Kindern getan werden. Es kann nicht sein, dass es zum Beispiel Vergewaltigung überhaupt gibt. Das muss viel strenger geahndet werden. Viel wichtiger ist aber ein weltweiter Wandel des Frauen*bilds.

Im Speziellen ist es ganz wichtig, dass sich die Menschen, die zu uns fliehen, sicher und gut untergebracht fühlen. Dazu braucht es ein gutes Team aus Mitarbeiter*innen, die Menschen respektieren, empathisch sind und die Herausforderungen schätzen. Je kleiner eine Einrichtung ist, desto besser für alle Beteiligten. Wie vorhin schon gesagt, ist auch Kommunikation ganz wichtig: je schneller man mit den Leuten reden kann, desto besser. Die AWO toleriert außerdem keine Form von Gewalt und Diskriminierung. Sollte das doch einmal vorkommen, finden sofort Gespräche statt und es gibt Konsequenzen. Bei häuslicher Gewalt, muss der Mann* sofort die Einrichtung verlassen.

Wo in ganz Berlin aktuell Unterstützung fehlt, ist besonders bei qualifizierten Dolmetscher*innen, vor allem im medizinischen und psychologischen Bereich. Ich biete inzwischen selbst gemeinsam mit einer ehrenamtlichen Ärztin medizinische Sprechstunden für unsere Bewohner*innen an, denn die Menschen gehen zum Arzt oder zur Ärztin und verstehen oft gar nicht was da genau passiert und trauen sich nicht zu fragen.

Ein weiteres Problem ist die Bürokratie. Und dabei geht es nicht um eine Impfung. Die Menschen, die wir hier bei uns haben, haben z.B . verschiedenste Krebserkrankungen, auch Kinder sind betroffen. Ich muss zum Teil wichtige Operationen oder Rehamaßnahmen verschieben, weil die Kostenzusage des LaGeSo fehlt, weil der nächste Termin im Amt erst in ein paar Wochen frei ist und die Geflüchteten ohne Termin gar nicht hinein gelassen werden. Für die schwer kranken Menschen hat sich in Sachen Bürokratiehürden am LaGeSo seit dem vergangenen Sommer nicht viel geändert. Die Sache mit der Gesundheitskarte funktioniert noch nicht für alle: manche Menschen haben gar keine, sie müssen sich dann wie gehabt ihren Krankenschein beim LaGeSo holen. Diese bürokratischen Hürden, lange Wartezeiten auf Genehmigungen etc. belasten unsere Mitarbeiter*innen am meisten. All diese Probleme müssten dringend gelöst werden.

 

 

 

Ein Paar Worte über...

Johanna Braun
Johanna Braun

Setzt sich für Chancengerechtigkeit und Menschenrechte ein und spielt begeistert American Football.

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