Seitdem geht es mir gut

Bericht über einen Schwangerschaftsabbruch

Abtreibungsgegner behaupten oft, Menschen gehe es immer schlecht nach einer Abtreibung. Das muss nicht so sein, zeigt auch ein Bericht unserer Gastautorin Theresa Lehmann.

 

Der Test zeigte zwei Striche an und ich beobachtete diese erstmal ungläubig. Es blieb still. Ich ging erstmal duschen. Zwei Striche. Schwanger. Ich wusste, was zutun war. Abtreibung. Eine Befremdung gegenüber meinem Körper beschlich mich. Der gehört nur mir. Was jetzt passieren würde, wusste ich schon lange bevor ich mit dieser Situation konfrontiert wurde. Ich wollte keine Kinder. Nicht jetzt, während dem Studium, vielleicht nie.


Im Falle einer Schwangerschaft musste diese beendet werden, das war klar, schon vor den zwei Strichen. Ein Unfall in zehn Jahren — das kann passieren.

„Das klingt ja alles sehr emotional nüchtern, lassen sie doch mal Gefühle zu“, sagte mir die Beraterin im Familienzentrum. Ich war auf derlei Versuche, mich zu überreden, vorbereitet und fand es geschmacklos, dass ich doch mal, „typisch Frau“, Gefühle statt Rationalität walten lassen sollte.  Die Beraterin fragte weiter, nach der Meinung des Erzeugers oder ob 1000 Euro mehr im Monat meine Einstellung ändern würden. Von meiner Seite war längst alles geklärt. Diese Fragen gaben mir das Gefühl, nicht in der Lage zu sein, diese Entscheidung allein zu fällen. Ich weiß ja nicht, wie andere reagieren, wenn sie vor dieser Beraterin sitzen, aber ich hatte das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, weil ich weiß, was ich will.

Immer wieder stellte ich etwas ungläubig fest, dass ich nicht in Panik verfiel, keine Zweifel hatte. Das wiederum verunsicherte mich etwas. War es nicht eigentlich doch was „Größeres“? Nichtmal ein schlechtes Gewissen hatte ich, warum nicht? Müsste ich jetzt nicht eigentlich so etwas wie „Muttergefühle“ entwickeln? Alles Blödsinn! Das Drama blieb aus, da musste ich mir auch keins einreden. Auch in meinem Freundeskreis waren viele verwundert, wie ruhig und besonnen ich blieb. Abtreibung, so erschien es mir, war zwar in jungen, linken Kreisen nicht verpönt, aber Tränen und Drama schienen viele schon zu erwarten. Abtreibung, so schien es mir, war okay, wenn man genug litt und geläutert aus der Situation rauskam. Auf keinen Fall erwartete jemand, dass man darüber scherzte, „Schwangerschaftsabbruchgymnastik“ zu machen.

Als ich — endlich — eine passende Ärztin gefunden hatte, die mich weder bevormundete, noch zu einem der zwei möglichen Schwangerschaftsabbruchmethoden zu drängen, war eine weitere Woche vergangen. Zuvor hatte ich bereits eine Praxis verlassen und mehrere erfolglose Telefonate geführt. Ich entschied mich für den medikamentösen Abbruch. Als ich die erste Tablette in der Praxis einnahm, machte sich Erleichterung in mir breit. Zu Hause konnte ich in Ruhe und mit Unterstützung von Freund*innen die weiteren Tabletten nehmen. Die Schmerzen waren denen meiner Periode ähnlich. Erst Drei Tage später kam ein emotionales Tief. Ein Hormonsturz. Mit Netflix und Schokomuffins im Bett ging auch das schnell vorbei. Seitdem geht es mir gut.

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Es gibt viele individuelle Gründe, sich für einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden. Wir haben Menschen gebeten, ihre Geschichte für uns aufzuschreiben. Hier finet ihr die Geschichten von Victoria Wendling “Sieben Jahre später ist das schlechte Gewissen weg” und einer anonymen Autorin “Vor 25 Jahren habe ich abgetrieben”.

Ein Paar Worte über...

Theresa Lehmann
Theresa Lehmann

Aktivistin, parteilos

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