Stop Blaming Victims – Solidarität mit Gina-Lisa Lohfink

Gerade wird der Prozess um Gina-Lisa Lohfink fortgesetzt. Feminist*innen waren heute Morgen vor Verhandlungsbeginn beim Amtsgericht Tiergarten, um ihre Solidarität mit Gina-Lisa und allen Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden, auszudrücken.

Gina-Lisa Lohfink hat eine Vergewaltigung durch zwei Männer angezeigt.  Bei dem Vorfall habe sie unter Betäubungsmitteleinfluss gestanden und sich nicht wehren können. Von der Tat existiert ein Video. Dennoch glaubt das Gericht der Zeugin nicht, stattdessen wird anschließend Klage gegen Gina-Lisa erhoben. Der Vorwurf: falsche Verdächtigung, die Beschuldigte soll 24.000 Euro an ihre mutmaßlichen Vergewaltiger zahlen. Es ist unglaublich, wie hier Täter und Opfer verkehrt werden.

Es herrscht bedrückende Stimmung an diesem sonnigen Montagmorgen vor dem Amtsgericht Tiergarten. Im Gerichtssaal geht um einen paradoxen Fall, der einmal mehr – und auf besonders erschreckende Weise – vor Augen hält, wie wenig das Sexualstrafrecht Frauen schützt, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind.

Im Zweifel für den Angeklagten heißt es. Im Zweifel. Warum gab es diesen hier?
Von der Vergewaltigung durch zwei Männer gibt es ein Video. Ein Video, das den Richter*innen, die über diesen Fall geurteilt haben und nun neuerlich darüber urteilen werden, vorlag. Auch berichterstattenden Medien und Privatpersonen ist das Video zumindest teilweise bekannt. Medial wurde daraus immer wieder zitiert, dass Gina-Lisa „Nein, nein, nein“ und „Hör auf“ gesagt habe.

Die mutmaßlichen Vergewaltiger stellten das Video ihrer Tat online. Gina-Lisa klagt sie wegen der Veröffentlichung der gegen ihren Willen gemachten Aufnahmen und wegen mehrfacher Vergewaltigung an. Sie sagt, sie habe bei der Tat unter Betäubungsmitteleinfluss gestanden und  konnte sich nicht wehren. Die beiden Männer werden wegen der Verbreitung des Videos verurteilt. Für den Vorwurf der Vergewaltigung reichen dem Gericht anscheinend die Anhaltspunkte nicht aus. Das ist nicht nachvollziehbar.

Nein heißt Nein
Eine Frau sagt „Nein“ und „Hör auf“. Selbst für das aktuell geltende – dringend reformbedürftige – Sexualstrafrecht bzw. den Paragrafen 177 Strafgesetzbuch müsste das für die Feststellung einer Vergewaltigung ausreichen. Gina-Lisa Lohfink sagt „Nein“, obwohl sie offenbar betäubt ist. Erstens wird ihr „Nein“ hier übergangen. Zweitens befindet sie sich ganz offenbar in einer „schutzlosen Lage“. Das Gesetz definiert diese als „Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist“.

Gina-Lisa kann sich nicht aktiver als sie das bereits getan hat wehren. Dass sie trotz der Betäubungssubstanz überhaupt ein „Nein“ äußern kann, zeigt, wie groß ihr Widerstand gegen die sexuellen Handlungen gewesen sein muss. Die zwei Männer hören aber nicht auf. Sie vergewaltigen sie.

Ein grotesker Fall – und kein Einzelfall
Der Fall ist von Anfang an grotesk. Er zeigt nicht nur, wie wenig unterstützend die juristischen Strukturen in Deutschland sind, wenn es um sexualisierte Gewalt geht. Nein, er zeigt auch, mit welcher Selbstverständlichkeit Täter sich im Schutz unseres mickrigen Sexualstrafrechts bewegen können.

Das Sexualstrafrecht schützt nicht Opfer, es schützt Täter. Wie lässt es sich sonst erklären, dass die beiden Männer das Vergewaltigungsvideo selbst veröffentlicht haben? Sie sind sich bewusst, dass einer Frau, die Teil des öffentlichen Lebens und hier mitunter in der „Erotik-Branche“ tätig ist, nicht geglaubt werden wird. 
So kann es allen Opfern sexualisierter Gewalt gehen – unabhängig von ihrem Bekanntheitsgrad oder ihrem „Lebensstil“, denn bei Sexualdelikten gilt in Deutschland die „Nullhypothese“. Opfern wird prinzipiell erst einmal NICHT geglaubt:

„Das bedeutet, dass zunächst von der Unwahrheit der Zeugenaussage ausgegangen wird. Gegebenenfalls ist zur Überprüfung die Einholung eines Sachverständigengutachtens (Glaubwürdigkeitsgutachten) zu beantragen.“ Quelle

In Gina-Lisas Fall zieht die Rape Culture typische „sie wollte es doch auch“-Argumentation einfach viel zu gut. Die zwei Männer wollen sich an ihrer Gewalttat auch noch bereichern durch ein Video. Strafrechtliche Folgen, weil es sich de facto um eine gefilmte Vergewaltigung handelt, müssen sie nicht fürchten.

Wir haben es mit einer Kultur des Misstrauens gegenüber Frauen zu tun, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind. Rechtsanwälte, die davon sprechen, dass „Anzeigende unkritisch und unreflektiert […] zum ‚Opfer‘ erhoben“ würden und angeblich von ihrem „Opferbonus“ profitierten, unterstützen dieses Klima. Sie unterstützen Täter.

Ein Paar Worte über...

Johanna Warth
Johanna Warth

Politikwissenschaftlerin, die guten Kaffee und Schreiben liebt. Herzthema und wichtigstes politisches Aktionsfeld ist die sexuelle Selbstbestimmung aller Menschen und das Recht auf Abtreibung, weshalb sie auch Mitglied im Koordinierungskreis des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung (Berlin) ist. Bei Twitter @_annah_oj

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