Freundinnen und Freunde und Sternchen? Gendern nervt. Nicht.

Mein erstes Mal

Meine erste Begegnung mit Feminismus fand als kleines Kind in der Kirche statt. Meine katholischen Eltern haben mich jeden Sonntag dorthin, nunja, gezerrt. „Unsere“ Kirche war in den 90er Jahren eine der fortschrittlichsten der Stadt. Es gab dort keinen Kirchenchor sondern eine Kirchenband und eine sehr engagierte Frau, die vielleicht Pfarrerin geworden wäre, wenn das für Frauen in der katholischen Kirche möglich wäre. Sie wurde Religionslehrerin und engagiert sich bis heute in der Gemeinde. Diese und einige weitere Frauen bescherten mir die erste linguistisch-feministische Begegnung meines Lebens: Sie führten ein, dass die Gläubigen konsequent mit „Liebe Brüder und Schwestern“, mit „Ministrantinnen und Ministranten“ und „Sternsingerinnen und Sternsinger“ angesprochen wurden.

Frauen* sind mitgedacht, wo ist das Problem?

Noch heute erinnere ich mich daran, wie seltsam mir damals diese explizite Benennung der beiden Geschlechter vorkam. Seltsam, weil mir das nirgendwo sonst begegnete. In der Schule waren wir „die Schüler“, beim Fernsehen „die Zuschauer“, auf dem Kindergeburtstag „die Freunde“. Seltsam aber auch, weil es mir überflüssig, übertrieben, künstlich, fast sogar ein bisschen besserwisserisch vorkam. Ich hatte damals eine Meinung, die mir auch heute immer noch häufig begegnet: „Gendern ist überflüssig, die männliche Form schließt im Deutschen die weibliche eben mit ein, Frauen sind ja mit gemeint, wo ist das Problem?“

 

Stern aus Fingern

Ein Genderstar tut gar nicht weh und bezieht alle Menschen mit ein.
Bildquelle: Christina W, Flickr

 

Das Problem habe ich erkannt, seitdem ich mich intensiver mit zwei Dingen beschäftige: der Wirkung von Sprache und Feminismus im Allgemeinen und vor allem seitdem ich selbst versuche konsequent zu gendern (= eine geschlechtergerechte bzw. geschlechterneutrale Sprache zu verwenden). Seither weiß ich, dass sich bei der Bezeichnung „die Ärzte“ niemand wirklich 20 Ärztinnen und einen Arzt vorstellt, auch nicht zehn Ärztinnen, zehn Ärzte und vielleicht sogar eine Ärzt*in. Es gibt ausreichend Studien, die das belegen. Seither wundere ich mich darüber, dass bei einem Gespräch über ein reines Frauenteam im Alltagssprachgebrauch häufig Sätze auftauchen wie „Keiner hat sich verletzt.“ oder „Hat einer seine Flasche am Feldrand vergessen?“ und ertappe mich dabei, wie ich sie selbst manchmal noch verwende. Seither frage ich mich unter anderem, ob es in Deutschland eigentlich gar keine Polizistinnen* gibt, wenn in Zeitungen und Nachrichtensendungen ständig nur von Polizisten im Einsatz die Rede ist. Und seither ärgere ich mich, dass ich und alle, die nicht männlich sind, einfach ausgespart werden, wenn es um Besucher, Zuschauer, Experten usw. geht, die irgendwo waren, wo ich eindeutig auch war. Ich fühle mich dann nicht angesprochen und nicht mit eingeschlossen, kein bisschen: ich fühle mich ignoriert. Am liebsten würde ich alle Schülerinnen* des Landes dazu anstiften, Anweisungen von Lehrer*innen so lange zu ignorieren, bis sie bei Arbeitsanweisungen auch tatsächlich angesprochen werden und nicht mehr nur in Begriffen wie „Schüler“ oder „jeder“ (wie in „jeder nimmt sein Heft heraus“) mit gemeint werden.

Abgesehen von oben genannten Studien entlarvt sich das Argument „Frauen sind mit gemeint“ (neben den vernachlässigten Frauen sind Menschen, die sich in der binären Geschlechtereinteilung nicht wiederfinden, häufig komplett außen vor gelassen), wenn über „Ärzte“, „Polizisten“, „Anwälte“, „Richter“ oder „Schüler“ geschrieben oder gesprochen wird, spätestens dann selbst, wenn doch auf einmal „Sekretärinnen“, „Kindergärtnerinnen“ oder „Stewardessen“ auftauchen, „weil das ja eben doch ein typischer Frauenberuf ist“. Ist das Heilen von Menschen oder das Hüten von Gesetzen folglich doch wieder ein typischer Männerberuf und würden damit dann nicht tatsächlich wieder nur (männliche) Ärzte, Polizisten, Anwälte bezeichnet und Geschlechterrollen, die eigentlich längst aufgebrochen sind oder sein sollten, neu manifestiert?

Ein feministisches Sprachdiktat?

Wo ist denn, so müsste die Frage in der Sache wohl eher heißen, eigentlich das Problem, das zutreffende Geschlecht zu verwenden, männliche und weibliche Formen oder sogar, was die umfassendste und beste aller Lösungen wäre, eine neutrale oder allumfassende Form? Würde die Menschheit tatsächlich derart stark darunter leiden, sich im Sprachgebrauch ein wenig umgewöhnen zu müssen, als dass dies eine fortlaufende sprachliche Diskriminierung von Frauen* und eine damit einhergehende weitere Festigung von Geschlechterrollenklischees und unterschwelligen Dominanzverhältnissen rechtfertigt? Ich finde ganz klar: nein. Im Übrigen beeinträchtigt es nicht den Lesefluss, wenn in Texten gegendert wird! Und ist das jetzt ein feministisches Sprachdiktat? Nein, im Gegenteil: es ist die Befreiung von einem männlich dominierten Sprachgebrauch, in dem wir fast alle sozialisiert wurden und von einer damit verbundenen vorgegebenen Machtlosigkeit bezüglich der Anwendung unserer eigenen Sprache, die sich seit Jahrzehnten hartnäckig, nach dem Motto „die deutsche Sprache sieht für die meisten Substantive nun mal das generische Maskulinum vor“, hält. Es geht nicht darum, nur noch über Frauen* zu sprechen, sondern einfach endlich gleichermaßen über alle Menschen und nicht mehr ausschließlich über Männer, an die Frauen* möglicherweise von den Kommunizierenden gedanklich mit zugegeben werden wie eine Beilage zum Hauptgericht.

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Wer noch Zweifel hat oder Angst vor dem Gendern, der/dem sei zur Vertiefung der Lektüre dieser Text von Anna Dombrowsky empfohlen: http://www.tagesspiegel.de/berlin/jugendblog/gender-und-sprache-sternchensammlerinnen/12515586.html

*Wer sich fragt, was das Sternchen bedeutet: es schließt alle Menschen mit ein, die sich nicht in binären Geschlechterzuordnungen wiederfinden.

Ein Paar Worte über...

Johanna Braun
Johanna Braun

Setzt sich für Chancengerechtigkeit und Menschenrechte ein und spielt begeistert American Football.

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