Online Feminism Summit – Rückblick

Laura Sophie Dornheim berichtet vom Online Feminist Summit in Brüssel, zudem sie sich auch schon vorab Gedanken gemacht hat.

Ich bin mit großen Hoffnungen nach Brüssel gefahren und keine davon wurde auch nur ansatzweise erfüllt. Enttäuscht bin ich trotzdem nicht. Im Gegenteil, ich bin einmal mehr fasziniert davon, wieviel Energie der Austausch, das Diskutieren und Vernetzen mit feministischen Aktivist*innen freisetzt.

Aber für alle Pessimist*innen trotzdem die Kritik zuerst:

Der Summit war definitiv viel, viel zu kurz! Ich bin mir sicher, wir hätten den Rest der Woche weiterarbeiten können, ohne dass uns für eine Sekunde die Themen oder die Motivation ausgegangen wären. Zum Glück wurde schon angekündigt, dass es nächstes Jahr eine Fortsetzung geben soll – die geht dann hoffentlich länger.

Auch in Sachen Diversity hoffe ich auf die Fortsetzung. Wir hatten zwar Teilnehmerinnen aus bestimmt 15 europäischen Ländern und sogar einen sehr sympathischen Quotenmann dabei, ansonsten waren wir uns aber ein bisschen zu ähnlich: Weiß, jung bis noch-jung, ziemlich CIS und mit akademischer Ausbildung. Wäre schön, wenn das beim nächsten Mal noch breiter aufgestellt wäre.

Inhaltlich hätte ich mir noch mehr Interaktion und gemeinsames Erarbeiten von Forderungen / Ideen / Statements gewünscht, auch das war eben in der Kürze der Zeit nicht wirklich drin.

Ach ja, und geregnet hat es auch noch.

Jetzt aber zum positiven Teil der Berichterstattung!

Allen voran waren da natürlich die Teilnehmer*innen, großartige Frauen die an spannenden, witzigen und beeindruckenden Projekten arbeiten. Eine junge Niederländerin, die einen feministischen Club gegründet hat, eine Kosovarin, die eine Coding-Initiative für Mädchen gestartet hat, eine Baskin, die ein emanzipatorisches Online-Magazin betreibt, nicht nur (junge) Grüne aus Deutschland sondern auch eine kroatische Politikerin einer jungen grünen linken Partei die von ihrer umtriebigen Front-Frau berichtete.

Natürlich gab es auch ein offizielles Programm. Im ersten Teil hat Maya Indira Ganesh von Tactical Tech mit drei Gruppendiskussionen deutlich gemacht, wie wichtig es für Aktivist*innen ist, über ihr eigentliches Themenfeld hinausgehend Strategien zu entwickeln. Konkret ging es um Strategien für die Unterstützung einer online attackierten Autorin, einem Opfer von Hacking, sowie um Möglichkeiten, asylsuchenden Frauen zu helfen, die Belästigungen durch Rechte gefilmt haben. Das waren alles fiktive Situationen, aber die Diskussionen haben klar gezeigt, dass es wichtig ist, vorab zu wissen, welche Wege und Tools wir haben um auch in solchen Situationen unmittelbar handlungsfähig zu sein.

Anschließend hat Maya eine Fülle von Organisationen, Initiativen, Projekten, Ideen, Hastags, Videos vorgestellt, für die ich der Fülle wegen einfach auf ihre Folien verweise. Definitiv klickenswert. Die Art und Weise, wie Maya schon die Vorstellungsrunde inhaltlich aufgeladen hat, die Diskussion nahtlos in Gruppensessions übergeleitet hat und dann mit einem Feuerwerk an Tools und Projekten abgeschlossen hat, fand ich extrem gelungen und bereichernd.

Im anschließenden Panel hat Terry Reintke mit June Fernández, Katrin Rönicke, Blerta Thaçi darüber diskutiert, was die aktuellen Herausforderungen für Feminist*innen sind, was sie sich für den EU Report zu Frauen im digitalen Zeitalter wünschen und welchen Wunsch sie sich mit #feministsuperpower erfüllen würden.

Auch in der Diskussionen zwischen den einzelnen Programmpunkten gab es zahlreiche gute Kommentare, die mir in Erinnerung geblieben sind. So zum Beispiel, dass der Begriff Revenge Porn falsch und absolut unangebracht ist, weil es sich bei den entsprechenden Materialien nicht um Pornographie sondern um Missbrauch, mindestens Belästigung handelt. Und so sollte mensch es dann auch benennen.

Auch die Ermutigung, strafrechtliche Verfolgung einzuleiten statt Hasskommentare schnellstmöglich zu löschen, fand ich klug. Ja, die meisten Verantwortlichen kennen sich mit dem Digitalen noch weniger aus als mit sexualisierter Gewalt, aber gerade in harten Fällen von Hasskommentaren, besteht eine Chance, diese Verbrechen als solche zu ahnden.

Eine Teilnehmerin berichtete von der bewundernswerten Aktion einer Dänin, von der Hacker Nacktfotos online stellten. Als Reaktion darauf ließ sie professionelle Aktfotos machen, die sie als selbstbestimmte Frau porträtieren und stellte diese online.

Immer wieder kam die Sprache auf inner-feministische Spaltungen, sei es bei Themen wie Prostitution oder Verschleierung oder zwischen anti-kapitalistischen Feminist*innen und Quoten-Advokat*innen, aber auch zwischen feministischen Expert*innen und unbedarfteren “Neueinsteiger*innen”.

Ich hätte mir sehr gewünscht, hier tiefer einzusteigen, aber dazu kam es leider nicht. Klar war, dass alle Anwesenden sich (mehr) Solidarität unter Aktivist*innen wünschen, gerade auch um gemeinsame Ziele zu erreichen. Es gab zu diesem Punkt keine wirklichen Ergebnisse, aber die Feststellung, dass “Call-Out-Culture” (mehr dazu hier) wenig hilfreich ist und stattdessen mehr gegenseitiges Zuhören, Er- und Aufklären und vielleicht sogar manchmal Ignorieren angebracht ist, ist ja schonmal ein Anfang.

Im Sinne der weiteren Aufklärung beende ich diesen Bericht mit einer Linkliste:
Zen und die Kunst Technik für Dich zu nutzen
Foxy Doxxing
Github Repo to Foxy Doxxing
Genderlog India (multiple user account)
Femhack
Liste mit Expertinnen* für Talks und Panels
European Young Feminists, ein neues Blogportal


[UPDATE: 09.11.2015, 16.30h Aktualisierung eines Links]

 

Ein Paar Worte über...

Laura Sophie Dornheim
Laura Sophie Dornheim

Digitale Strategin, promovierte Beraterin, knallharte Feministin, heimliche Politikerin. Todernst. Founder of http://done.consulting. Auf Twitter @schwarzblond

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