Der stille Erfolg – Allein unter Frauen

Eine genderqueere Coming-Out Story: Teil 2

Über drei Jahre sind vergangen seit das Amtsgericht Köln positiv über meinen Antrag auf Namens- und Personenstandsänderung entschied. Wortwörtlich hieß es darin: „[Es] ist davon auszugehen, dass sich das Zugehörigeitsempfinden zum weiblichen Geschlecht mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr ändern wird.“ Ein Jahr später folgte eine geschlechtsangleichende Operation, die meine körperliche Realität dem anpassen sollte, was ich schon immer fühlte. Seitdem traue ich mich endlich im Bikini an den Strand, mich nackt im Spiegel anzuschauen und sexuelle Erfahrungen zu sammeln.

Heute, Jahre später, bin ich angekommen. Angekommen bei mir selbst, einmal himmelhochjauchzend, ein anderes Mal ertrinkend in Langeweile, aber auch angekommen in einer grauen Masse von Frauen und Männern, denen man keinen bunten queeren Lebensweg ansieht. Eigentlich schade. Nach Jahren der Identitätsfindung und der Alltagsbewältigung zwischen zwei Geschlechtern, stellt sich mir in der nun anhaltenden weiblichen Normalität öfters die Frage: war’s das jetzt?

Wenige der Menschen, die ich den letzten zwei Jahren kennengelernt habe, wissen von meiner eher ungewöhnlichen Biografie und, vorausgesetzt ich darf denen, die es es wissen, Glauben schenken, würden auch im Traum nicht darauf kommen. Das ist eine schöne Tatsache aber die Umstände machen eben auch bequem. Statt offen über vergangene Erlebnisse zu sprechen, dehne ich die derzeitige Normalität meines Seins auf mein gesamtes Leben aus. Das bedeutet, nicht über die ungewöhnlichen Verstrickungen meines Lebensweges zu reden und auszulassen, dass ich mal unter einem anderen Namen lebte und andere Pronomen genutzt wurden, um über mich zu sprechen. Nach Jahren des Aneckens mit gesellschaftlichen Normen ist das ein Luxus, eine Zuflucht der Ruhe und Geborgenheit, obwohl sich darin auch der fade Beigeschmack von Illusion mischt. Nach einem langen Weg des Ausbruchs aus der gesellschaftlichen Norm und gelebter Lügen, belüge ich mich und andere schon wieder, selbst durch mein Schweigen. Denn eigentlich ist mein Weg eine Erfolgsgeschichte, die es wert ist, geteilt und in die Welt hinaus getragen zu werden, um all denen Mut zu machen, die sich in dieser Geschichte ein bisschen wiederfinden. Aber obwohl ich weiß, dass ich nur einer vermeintlichen Sicherheit unterliege, fällt es mir schwer diese aufzugeben.

Ich bin mehr als Trans*
Obwohl Geschichten wie meine heute bekannter sind denn je (siehe Caitlyn Jenner oder Adreja Pejic), stellen sie dennoch im gleichberechtigungsdominierten Geschlechterdiskurs eine Rarität dar. Trans*menschen, die sich offen zu ihrer Vergangenheit bekennen, sehen sich oftmals einer Sensationslust ausgesetzt, die ihresgleichen sucht. Aber nicht nur das, der öffentliche Diskurs ist auch von einer Kategorisierung dominiert wie man sie sonst nur aus dem Rassismus kennt. Weiß, Schwarz, Mann, Frau. Entweder, oder. Zwischenräume oder Wechsel zwischen diesen Ufern sind unserer Gesellschaft noch immer ein Dorn im Auge. Trans*frauen und Männer werden oft auf den Trans*-Teil ihrer Identität reduziert. Das lehne ich ab und davor fürchte ich mich, denn trotz meines ungewöhnlichen Weges bin ich voll und ganz eines: Frau. Seit einiger Zeit bin ich aktiv im links-grünen politischen Spektrum. Nicht nur, weil ich mich im Queer-Feminismus selbst unterstützt fühle, sondern auch, weil mir Umweltschutz, nachhaltige Sozial- und eine inklusive Gesellschaftspolitik am Herzen liegen.

Stealth – Die Illusion des Cis-Privilegs
Liebe Leser*in, solltest du mit den Begriffen “stealth” und “cis” nicht vertraut sein, so lass mich diese eben erklären. “Cis” steht im Trans*-Diskurs für diejenigen, die von Geburt an keinerlei Diskrepanz zwischen ihrem körperlich erlebten und ihrer geschlechtlichen Identität empfunden haben. Einfacher formuliert könnte man also sagen “normale” oder “geborene” Männer und Frauen.
“Stealth” hingegen steht für das Konzept, dass Trans*menschen ihre eigene Vergangenheit verschweigen und sich als Cis-Frauen und Männer ausgeben. Die Gründe hierfür sind vielfältig, eines haben sie jedoch gemeinsam und das ist vor allem die Angst davor, wieder in eine Unterdrückung zu gelangen und die Anerkennung des gefühlten Geschlechts verwehrt zu bekommen, also genau das, wonach sich Trans*menschen ihr Leben lang sehnen und das, was den Grund darstellt, weshalb sie den langen und beschwerlichen Weg gesellschaftlicher und  körperlicher Transition (den Wechsel zwischen den gelebten Geschlechtern) gegangen sind. Auch ich habe das getan. Doch im Endeffekt stellt sich das Gefühl des Angekommen-Seins als Illusion herraus. Zwar erkennen Mitmenschen und die Gesellschaft das gelebte Geschlecht als “normal” und “natürlich” an, der Preis, den man dafür zahlt, ist jedoch hoch: Das ganz große Schweigen. Über die eigene Vergangenheit reden zu wollen, Erinnerungen und Erfahrungen zu teilen, die schönen, sowie die schrecklichen, das ist Teil unserer tiefsten inneren Wünsche. Trans*menschen wie ich, die in der grauen Anonymität der Cis-Gemeinde abtauchen, bleibt dies verwehrt.

Mein Leben ist bunt – nicht grau
Nun habe ich einen Punkt erreicht, an dem ich mir eingestehen muss, dass ich einen Traum lebe. Irgendwo auf dem Weg zu mir selbst, habe ich mich selbst gefunden und verloren zugleich. Meine Vergangenheit wird immer ein Teil von mir sein und das Schweigen stellt eine Bedrohung dar, für mich und für meine Mitmenschen. Glücklicher macht es nämlich nicht, sondern einsam. Zwar bin ich die, die ich immer sein wollte, aber was habe ich davon, wenn ich meinen Erfolg nicht teilen kann?

Hier geht’s zu Teil 1

Ein Paar Worte über...

Fröllein Tomata
Fröllein Tomata

Als Entdeckerin & Weltenbummlerin reiste sie schon als Jugendliche zwischen Geschlechteridentitäten. Studiert Englisch & ist aktiv bei der Grünen Jugend NRW.

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