Ein feministisches Onlinemanifest: geht das?

Am 21. und 22. Oktober findet in Brüssel der Online Feminist Summit statt, mit dem Terry Reintke zur Online Feminist Revolution aufruft. Ziel des Treffens ist es, ein feministisches Onlinemanifest zu schreiben. Laura Sophie Dornheim hat sich vorab Gedanken gemacht, was sie vom dem Vorhaben erwartet.

Ich habe lange nicht mehr zu Feminismus geschrieben. Genau genommen war wahrscheinlich meine Doktorarbeit der letzte längere Text, in dem ich mich öffentlich mit dem Thema auseinandergesetzt habe. Doktorarbeiten werden normalerweise nicht in Männerrechts-Foren zerrissen, und auch zu meiner Disputation kam niemand nur um beleidigende Kommentare abzugeben.

Bin ich seitdem weniger Feministin? Keineswegs! Und deswegen bin ich auch gerade auf dem Weg zum Online Feminist Summit, den Terry Reintke heute und morgen in Brüssel veranstaltet. Zentraler Programmpunkt ist die Erstellung des “Online Feminist Manifesto”. Ein Manifest zu schreiben – das ist mal ein Ziel! Nicht kleckern, klotzen. Grundsätzlich ja genau meine Haltung und daher erstmal unterstützenswert. Allerdings sehe ich im Vorfeld zwei Probleme:

1. Online 2. Feminist.

Erstens bin ich, schon von berufswegen, entschieden dagegen, die künstliche Trennung von “online” und “offline” begrifflich fortzuschreiben. Das Internet ist Teil des sehr realen Lebens, ich tracke meinen Zyklus mit einer App, aber nenne ihn ja auch nicht Online-Zyklus. Private wie politische Kommunikation wird über diverse, mehr oder weniger digitale Kanäle geführt, die wiederum ganz “handfeste” Konsequenzen haben können. Es kann also auch nicht nur um den online-stattfindenden feministischen Diskurs gehen. Und ich hoffe, es soll auch nicht nur stärker um digitale Phänomene wie Hatespeech gegen Feminist*innen gehen. Nicht, weil ich das Thema für unwichtig halte, im Gegenteil. Sondern weil ich lieber über Positives und aktive Strategien reden will als über die Defensive. Ich gehe vorerst davon aus, dass mit “online” in etwa “im digitalen Zeitalter” gemeint ist. Und ja, da ist “online” als Begriff kürzer und damit prägnanter.

Zweitens, Feminismus. DER Feminismus? Die allermeisten Feminist*innen sind sich einig, dass DIE Frau nicht existiert und im Gegenteil eine Verallgemeinerung ist, die die Objektivierung von Frauen weiter verfestigt anstatt sie als handelnde Subjekte zu beschreiben. Kann es dann DEN Feminismus geben? Selbst in der Wissenschaft gibt es spezifische Definitionen für unterschiedliche Positionierungen: Gleichheitsfeminismus, Differenzfeminismus, Queerfeminismus… Und nachdem sich jetzt auch Birgit Kelle und Kai Diekmann als Feministen (sic) bezeichnen ist offensichtlich, dass ein solches Manifest voraussetzt, zu definieren, was genau die Autor*innen unter Feminismus verstehen.

Nichtsdestotrotz halte ich den Versuch, ein solches Manifest zu schreiben, für absolut richtig und wichtig und freue mich auf den Austausch mit anderen Feminist*innen.

Meine Idealvorstellung wäre die Verschriftlichung eines kleinsten gemeinsamen Nenners in Sachen Feminismus. Natürlich muss das Rad nicht neu erfunden werden, es gibt genügend Definitionen, auf die mensch aufbauen kann. Ich habe hier mal eine Minimalst-Definition umgesetzt, etwas fundierter sind die Definitionen der Standord Encyclopedia of Philosophy.

Gerne darf so eine Definition auch Exklusionskriterien beinhalten, also No-Gos in Sachen inhaltlicher Positionierung. (Beispiel: Rassistische Positionen sind und werden nie mit meinem Feminismusbegriff vereinbar sein, gleiches gilt für jede Art der Gewaltverherrlichung.)

Eine Definition ist aber noch kein Manifest. Kern sollten natürlich unmissverständliche (politische) Ziele und Forderungen in Sachen Feminismus, gern auch mit Fokus auf Digitalem, sein.

Wirklich vollständig ist ein solches Manifest aus meiner Sicht aber erst mit einem Verhaltens- bzw. Kommunikationskodex. Ja, Nettiquetten sind so 90iger, aber ein Commitment zu einem Diskussionsniveau kann durchaus helfen, den eigenen Ansprüchen besser gerecht zu werden. Wer dafür sorgen will, dass diese Welt eine bessere wird, kann nicht zu Mitteln greifen, die das Leben anderer schlechter machen. Das ist ein hoher Anspruch und mir ist bewusst, dass keine*r von uns unfehlbar ist. Aber wo kämen wir ohne Utopie hin?

Ich bin sehr gespannt, was und wie wir die nächsten beiden Tage diskutieren werden!

Und werde selbstverständlich Bericht erstatten.

Ein Paar Worte über...

Laura Sophie Dornheim
Laura Sophie Dornheim

Digitale Strategin, promovierte Beraterin, knallharte Feministin, heimliche Politikerin. Todernst. Founder of http://done.consulting. Auf Twitter @schwarzblond

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