Der stille Erfolg – Ich bin hier, wer noch?

Eine genderqueere Coming-Out Story: Teil 1

Liebe Frauen, ich bin eine von euch – und doch war mein Weg hier her ein ganz anderer.

Die Frage nach der eigenen Identität. Das war eine Frage, die in meinem Leben immer eine zentrale Rolle gespielt hat. In vielerlei Hinsicht war ich schon immer eine Träumerin, von Kindesbeinen an hat sich ein Teil meines Lebens immer im Kopf abgespielt, abgekoppelt von der Realität. Nach außen hin bin ich für viele meiner Mitmenschen eine Abenteurerin, vielleicht auch eine Weltenbummlerin, denn in letzter Zeit bin ich viel rumgekommen in Europa, obwohl ich den Rest meines Lebens immer im behüteten Rheinland verbracht habe und mich nie ganz traute, dieser vertrauten Welt den Rücken zu kehren.

Heute schlage ich mir gerne die Nächte um die Ohren und meine Freund*innen wissen, dass ich zu mancher Schandtat jederzeit bereit bin. Ein bisschen eitel, das bin ich auch oft. Manchmal ziehe ich mich morgens mehrmals um bis ich ein Outfit finde, das ich wirklich tragen möchte und meine Laune hundertprozentig abdeckt. Ohne die obligatorischen kleinen ästhetischen Assistent*innen Wimperntusche und Eyeliner verlasse ich eher ungerne das Haus. All das trifft wohl auch auf viele andere junge Frauen zu. Eigentlich ganz normal möchte man meinen, nur, dass das bei mir nicht immer so war. Ich war nicht immer so oder vielmehr war ich nicht immer, wer ich jetzt bin.

Meinen Namen in den Schnee pinkeln
Die morgendliche Wahl zwischen Kleid oder Jeans und in einem von beidem das Haus zu verlassen – ohne danach fragende Blicke auf mich zu ziehen – sind zur banalen Selbstverständlichkeit geworden. Nur oben ohne kann ich wohl das Haus nicht mehr verlassen ohne ein großes Spektakel auf der Straße zu verursachen. Früher hätte ich es ebenso vermocht meinen Namen in den Schnee zu pinkeln, heute wäre das wohl nur noch mit einem „she-wee“ möglich. Liebe*r Leser*in, wie du vielleicht merkst war mein Körper einmal anders. Ich bin eine Frau, innerlich und äußerlich. Aber nicht meine Pubertät machte mich zur Frau, sondern vielmehr meine lautstarke Forderung, eine Frau zu sein. Meine Pubertät hätte mich nämlich zu etwas gemacht, dessen erste Vorboten im Spiegelbild meines frühpubertären Ichs Schauer in mir auslösten.

Genderqueer und doch hundertprozent Frau
Die weibliche Identität war für mich seit frühester Kindheit eine tief verwurzelte Gewissheit, meine körperliche Realität, meine Eltern, Verwandten und mein Umfeld waren jedoch Zeug*innen der Anklage. Das sich wiederholende Mantra kein Mädchen zu sein, wurde eine derart stetige Begleiterin in Kindheit und Jugend bis ich irgendwann selbst daran glaubte. Im Alter von 15 drohte ich daran zu zerbrechen. Einen Ausweg fand ich in LGBTI-Jugendgruppen und Projekten, wo ich zunächst unter dem Deckmantel des Labels „schwul“ begann das binäre Geschlechtersystem gesellschaftlich und körperlich, als auch meine eigene geschlechtliche Identität zunehmend zu hinterfragen. Einer anfänglichen Phase zunehmender Androgynisierung folgte jedoch bald ein endgültiger Bruch mit der Identität, die mir unsere Gesellschaft und mein Körper über Jahre suggerierten. Ich wollte einfach nur noch Frau sein.

Zwar unterstütze ich die von der Genderforschung eingeführte Unterscheidung zwischen körperlichem (unsere physischen Geschlechtsmerkmale) und gesellschaftlich konstruierten Geschlecht (Drag/Performance), jedoch kann ich nicht bestreiten, dass bei mir die beiden Hand in Hand gegangen sind. Die körperlichen Veränderungen, die meine Pubertät herbeiführte, vergrößerten täglich die Diskrepanz zwischen meiner Selbstwahrnehmung und der Realität, die mir mein Spieglbild bot, wenn ich mich meiner schützenden weiblichen Hülle aus Kleidern und Schminke entzog.

Gewonnen!
Körper und Seele in Einklang zu bringen war für mich in dieser Form unmöglich, von sexueller Selbstverwirklichung ganz zu schweigen. Es folgte der steinige Weg juristischer und medizinischer Maßnahmen: Namensänderung, psychiatrische Gutachten, Hormonbehandlung und eine geschlechtsangleichende Operation.

Ich bin unheimlich froh, dass es die medizinischen und juristischen Rahmenbedingungen in unserem Land gibt, die mir ermöglichten, aus dem mir bei meiner Geburt aufgedrückten Geschlecht auszubrechen und dass ich auf meinem Weg auf Freund*innen, Familienmitglieder und Ärzt*innen gestoßen bin, die mein Leiden ernst genommen haben statt mich zu verspotten – oder Schlimmeres. Dank Ihnen fühlt sich mein Leben heute normal und richtig an. Rückblickend betrachtet kann ich es manchmal gar nicht fassen, dass ich das alles geschafft habe und diesen Kampf gegen klassische Geschlechtervorstellungen und unsere Bürokratie gewonnen habe, denn einfach war es nicht.

Hier geht’s zu Teil 2

Ein Paar Worte über...

Fröllein Tomata
Fröllein Tomata

Als Entdeckerin & Weltenbummlerin reiste sie schon als Jugendliche zwischen Geschlechteridentitäten. Studiert Englisch & ist aktiv bei der Grünen Jugend NRW.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Copyright © 2014 Grün-ist-Lila. Impressum & Datenschutz