Grußwort zum “Marsch für das Leben”

Am 19. September 2015 findet in Berlin wieder der sogenannte „Marsch für das Leben“ statt. Der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck wurde für ein Grußwort angefragt. Der Bitte kommt er gerne nach und wir veröffentlichen dieses hier vorab.

Marsch für das Leben Einladung

Sehr geehrte Damen und Herren,

für Ihre Anfrage für ein Grußwort zum sogenannten „Marsch für das Leben“ möchte ich Ihnen herzlich danken und der Einladung gerne nachkommen. Das menschliche Leben vor Vernutzung und Angriffen im Namen von Nützlichkeitsüberlegungen zu schützen, ist ein wichtiges Anliegen, beispielsweise bei Sterbehilfe und PID. Jedes Leben hat den gleichen Anspruch auf Schutz und Respekt. Jeder Mensch ist gleich wertvoll.

Die Würde jedes einzelnen Menschen vor Intoleranz, Diskriminierung und Gewalt zu schützen, ist mein Anliegen und meine Mission. Der Einsatz für die Rechte von Sterbenden, für die Rechte von Schwangeren und für die Rechte von Kindern ist mir daher sehr wichtig.

Wer will, dass es weniger Schwangerschaftsabbrüche gibt, muss sich für rechtzeitige und altersgerechte Sexualaufklärung einsetzen. Gerade ungewollte Schwangerschaften von Teenagern können verhindert werden, wenn in der Schule Sexualität und Verhütung  auf den Lehrplänen stehen und Verhütungsmittel frei verfügbar sind. Wer Schwangere unterstützen möchte, muss auch Angebote schaffen, die das Leben mit Kind leichter machen. Dazu gehören zum Beispiel größere finanzielle Unterstützungen für Alleinerziehende und der Ausbau von Kitas. Eine Diskussion über eine Verschärfung des Abtreibungsrechtes und Angriffe auf das Selbstbestimmungsrecht der Frauen sind dagegen ein Irrweg.

Ich verstehe nicht, weshalb der Feminismus, von Ihnen auch so nett als „Genderwahn“ umschrieben, und die sogenannte „Homolobby“, deren Führungsebene ich angeblich angehören soll, das Feindbild vieler in dieser Demonstration darstellen. Es ist mehr als unsinnig, sich weniger Abtreibungen zu wünschen und gleichzeitig Aufklärungsunterricht aus den Lehrplänen streichen zu wollen. Und verlangt nicht die Liebe zu unseren Nächsten gerade auch das Zugeständnis zur körperlichen Selbstbestimmung und zur freien Entfaltung unserer Sexualität? Und was haben eigentlich immer wieder Neonazis in einer Demonstration verloren, die das Kreuz Jesu vor sich her trägt?

Einige der Demonstrationsteilnehmer*innen schrecken nicht mal davor zurück, Schwangerschaftsabbrüche mit der Shoa gleichzusetzen und fabulieren in Anlehnung an den Holocaust von einem „Babycaust“. Lang vergessen scheint da das Gespräch zwischen dem (damaligen) Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, und dem (damaligen) Präsidenten des Zentralrates der Juden, Paul Spiegel, die 2005 gemeinsam ermahnten, dass die Einzigartigkeit der Shoa nicht relativiert werden dürfe. Kardinal Lehmann forderte Kirchenvertreter auf, sensibler mit dem Wort „Holocaust“ umzugehen. Eine Aufforderung, die an einigen Teilnehmenden des „Marsch für das Leben“ wohl vorbeiging. Shoa-Relativierungen sind nicht bloß sprachliche Entgleisungen, sondern stehen für einen tiefer gehenden Antisemitismus. Da ist es egal, ob die NPD vom „Bomben-Holocaust“ gegen die Deutschen spricht oder eben „Lebensschützer“ vom „Babycaust“.

Thematisch geht es vielen aber längst nicht mehr nur um Schwangerschaftsabbrüche, sondern generell um die Ablehnung von Geschlechtergerechtigkeit, von Homosexuellen und Sexualaufklärung. Antifeminismus und Homophobie, verpackt unter dem Deckmäntelchen der „traditionellen Familie“, die geschützt werden muss. (Wovor eigentlich? Zerbrechen  Ihre Hetero-Beziehungen, wenn Frauen das gleiche Gehalt bekommen? Oder wenn zwei Männer heiraten?)

2014 marschierten Seite an Seite CDU Bundestagsabgeordnete mit Leuten wie Beatrix von Storch, Europaabgeordnete der AfD, und Hedwig von Beverfoerde, Sprecherin der Initiative Familienschutz und erbitterte Bildungsplangegnerin, sowie die Pius-Bruderschaft, die Christopher-Street-Days „pervers“ findet und Homosexualität verteufelt, in dem sie sie mit dem Nationalsozialismus gleichsetzt. Zur Erinnerung für diejenigen, die im Geschichtsunterricht nicht hingehört haben: Homosexuelle wurden im Nationalsozialismus verfolgt, in KZs gebracht und ermordet. Schöne Gesellschaft haben Sie da auf Ihrer Demo!

Ich wäre da doch lieber auf der zeitgleichen Kundgebung „Leben und lieben ohne Bevormundung“, bin aber in Belgrad und unterstütze den dortigen Kampf der Lesben, Schwule und Transsexuelle um ihre Freiheitsrechte.

Hier sind Anfrage und Grußwort als PDF zu finden.

Ein Paar Worte über...

Volker Beck
Volker Beck

kommt aus Köln und sitzt für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Bundestag

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