Stell dir vor es läuft eine Weltmeisterschaft und keiner merkt`s

Es ist der 20. Juni 2015. In meinem Kalender steht um 22 Uhr dick eingetragen „WM-Viertelfinale Deutschland-Schweden“. Wer sich jemals schon mit Frauenfußball beschäftigt hat weiß, das ist ein absolutes Topspiel. Doch wo kann man das Spiel gucken, wenn man vorher noch die „Extraschicht“ genießen will. Naja denke ich, dieses Kulturevent findet ja immerhin im Ruhrgebiet statt, da werden ja wohl so einige Fußballkneipen das Spiel zeigen.

Was ich dann jedoch im Internet finde ist mau, weshalb ich in einer mir bekannten Kneipe anrufen. „Kein Problem, können wir gerne an machen, “ teilt mir eine freundliche Stimme am anderen Ende mit. Super! Also nach dem Kulturprogramm schnell in die Kneipe. Schon beim rein gehen sehe ich dann die Großbildleinwand, grünen Rasen, weiße Linie und  Fans. Allerdings spielt dort nicht die Frauenfußballnationalmannschaft, sondern die U21 der Männer….

Als Frauenfußballfan ist man an verständnislose Blicke und häufiger auch sexistische Sprüche gewöhnt. Doch wie groß waren die Hoffnungen vor der WM 2011 in Deutschland, dass sich dies endlich ändern und der Frauenfußball zumindest etwas aus dem Schattendasein des Männerfußballs heraus treten würde. Der ehemalige DFP-Präsident Theo Zwanziger der in den Medien auch schon mal als „Apostel des Frauenfußballs“ bezeichnet wird, gab in einem Interview der Zeit zur Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2011 zum Besten: „Die Entwicklung des Frauenfußballs ist jedoch unabhängig von Titeln zu sehen. Dieser Sport hat hinsichtlich Integration einen großen Wert; besitzt die Schubkraft, um Schubladendenken zu beenden und Tabus zu brechen. Das alles wird auf keinen Fall verloren gehen.“ Es folgte ein enttäuschender Turnierverlauf für das deutsche Team, an dessen Ende eine überraschende Viertelfinalniederlage gegen Japan stand. So schnell, wie der Frauenfußball-Boom in Deutschland Einzug gehalten hatte, schien er auch schon wieder vorbei zu sein. Die Zuschauer*innenzahlen bei den Topteams und Topspielen der Bundesliga erhöhten sich zwar und auch die Zahlen Fußball spielender Mädchen steigen weiter an. Doch die oftmals (zu Recht) beklagte Allgegenwart und Allmächtigkeit des Fußballs bezieht sich nach wie vor auf Männerfußball. Frauenfußball blieb auch weiterhin die „kleine Schwester“ des beliebten Männersports. Und fragt man auch bekennende Fußballfans, ob sie die Spiele der WM verfolgen, so ist das Ergebnis durchwachsen. Zwischen einen gewissen Interessen und dem diffusen Gefühl, als moderner Fußballfan müsste man auch Frauenfußball gucken, entscheiden sich dann doch viele für ein aufgeklärtes Desinteresse. Klar, die Ergebnisse interessieren einen schon, aber die kann man auch ohne Schlafmangel aus der Zeitung erfahren…

Frauenfußball haftet nach wie vor das Image der Langeweile an. Das Spiel sei langsamer, technisch weniger gut und alles in allem sei das ganze weniger leidenschaftlich. Noch immer scheint es Diskussionsbedarf zum Thema „Darf man Männer- und Frauenfußball vergleichen?“ zu geben. Diese Frage langweilt mich! Und wenigstens das hätte doch von der WM vor vier Jahren bleiben können: Fußball ist Fußball und wenn es dieses Jahr gut läuft, dann gewinnt am Ende hoffentlich Deutschland.

Trotzdem ist das Imageproblem des Frauenfußballs auch hausgemacht. Fußball und Fantum sind auch Jugendkultur – auch mit seinen kritikwürdigen Gewaltausbrüchen. Männerfußball wird als körperbetonte Sportart im Männerbereich zum Kampf Mann gegen Mann stilisiert und als eine Art Schlacht inszeniert. Explizit anders soll Frauenfußball sein, dies betont und bewirbt der DFB selbst und beschwört einen fairen, einen familienfreundlichen Fußball – Frauenfußball.

Indem man dem Frauenfußball das Image der Familienfreundlichkeit aufdrückt, tut man selbigem also ganz und gar keinen Gefallen. Vielmehr spielt man sexistischen Vorurteilen in die Hände. Im Fußball taugen Attribute wie „weniger hart“ und „fair“ (leider) wenig zur Attraktivitätssteigerung. Fußballfans wünschen sich leidenschaftliche, kämpferische und schnelle Spiele. Erst solch ein Fußball ist schließlich auch für die Industrie interessant. Kommerzialisierung bringt Geld und mit diesem können schließlich professionelle Strukturen aufgebaut und ein Millionenpublikum an das „Event“ Fußball gebunden werden.

Ob dieses Schicksal dem Frauenfußball jedoch letzten Endes überhaupt zu wünschen ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber in jedem Fall wünsche ich mir mehr Anerkennung für die tollen Leistungen unserer Spielerinnen und Respekt gegenüber dem Frauenfußball. Bis es aber so weit ist, mache ich es weiterhin wie beim Spiel Deutschland -Schweden. Ich gehe zur Bar und frage ob sie auf das Länderspiel der deutschen Frauennationalmannschaft umschalten können und schließlich genieße ich mit ganz viel Platz um mich herum das tolle Spiele und den Sieg.

Ein Paar Worte über...

Josefine Paul
Josefine Paul

Landtagsabgeordnete NRW: Frauen- und Queerpolitik, sowie Sportpolitik; Engagiert gegen Rechts und für Vielfalt und Toleranz; Studierte Historikerin; Ex-Fußballerin und Sportfan #VflBochum #TurbinePotsdam.

2 Kommentare

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  • Seien Sie froh, dass es so ist, wie es ist. Die Frauenmannschaft ist schon große Klasse. Hoffentlich halten sie durch, unsere Frauen.
    Ich habe einen großen Teil der Frauenfußballweltmeisterschaft gesehen. Ich war begeistert. Weniger Fouls, weniger Tröten, wirklich gutes Fußballspiel …, die Betonung liegt auf Spiel. Hoffentlich bleibt es so. Wenn da erst die “Industrie” einzieht, mit ihrer vernichtenden Kohle, dann ist es damit vorbei und wird genauso uninteressant wie der Männerfußball jetzt ist. Der Männerfußball wird doch nur durch die Medien aufrecht gehalten. Gehen sie mal auf die Plätze der kleinen Vereine, dann werden sie es sehen. Für kleine Vereine ist nicht mal Geld für Rasenplätze vorhanden! UND SO WEITER. Danke.

  • Anerkennung kann man eben nicht erzwingen, auch wenn Sie das (klischeehaft für den Feminismus!) in dem Artikel einfordern. (Zumindest in meiner Lesewirkung.)

    Man kann auch Begeisterung nicht erzwingen – entweder sie ist da oder nicht. Und für Frauenfußball ist sie eben nur bedingt da.

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