Klartext von der Insel

Laurie Penny auf Lesereise in Deutschland

Köln an einem Donnerstagabend um neun. Ein lange Schlange, meist junges Volk, steht vor einem Nachtclub und wartet geduldig. Tanzwütig sind sie heute nicht, aber wissbegierig. Sie wollen sich erklären lassen, wie Feminismus heute so geht.

Ein Meter fünfzig am laufenden Meter ist die kleine Person aus Britanien, spricht mit mädchenhafter Stimme und will so gar nicht dem Klischee einer jungen zornigen Frau entsprechen, die sich jetzt mal das Patriarchat vorknöpft. Ihr gerade erschienenes Buch `Unsagbare Dinge – Sex, Lügen und Revolution´ ist eine Abrechnung mit der Entsolidarisierung, dem Kapitalismus, der männlichen Vorherrschaft und dem Sexismus. Ihr Anliegen trägt sie in einem hohen Tempo vor, die Moderatorin kann ihrem Parforceritt über Queerbewegung, bedingungsloses Grundeinkommen, die Bemächtigung des eigenen Körpers, schlechte Rollenklischees und guten Sex nicht folgen. Unterbrochen durch ein kindliches, glockenklares Lachen haut sie Sätze raus, die es in sich haben:

Men are not the problem, patriarchy is the problem.

oder zur Queerbewegung:

They fight for gay marriage, but they forget the backlash in abortion rights.

Zur Sprache:

Yes I’m a slut. If it means to have fun with sex, I’m a slut.

Es sprudelt aus ihr heraus, wilde Theorien brechen sich in einer verbalen Eruption Bahn in die Gehörgänge der geneigten Gemeinde. Sie verlangt den Zuhörer*innen viel ab. Laurie Penny ist eine lebende Herausforderung für alle die dachten, sie hätten den Feminismus jetzt doch verstanden. Und gerade in Köln verspürt man die tiefe Sehnsucht, endlich eine andere Stimme als der des in die Jahre gekommenen, gut erzogenen Feel-good-Feminismus zuzuhören, die brav immer wieder dieselben Anliegen geduldig vorträgt. Ganz zu schweigen vom selbstgerechten Besserwissi- Klugscheißerei-Opfermantra-Feminismus der selbsternannten grauen Eminenz aus Köln stammend, deren Namen hier gerne erraten werden darf.

Was ist, wenn wir etwas anderes wollen?

Sagt Frau Penny etwas wirklich Neues? Nein, mitnichten. Alles, was sie sagt, wurde schon vor ihr gedacht und vor ihr diskutiert.
Führt uns Frau Penny auf einem goldenen Weg in den Himmel der Gleichheit, hat sie das feministische Gottesteilchen gefunden? Nein, auch nicht!

Was ist also los mit dieser Person, die sich traut, so schnörkellos und unverhohlen Dinge auszusprechen, die uns bis vor kurzem noch ein müdes Gähnen abgerungen haben?

Es ist nicht das, was sie sagt, es ist das, wie sie es sagt. Es sind die Verbindungen, die sie herstellt. Es sind die Leute, die sie anspricht und es ist die Art, wie sie die Leute anspricht.

Beispiel:

Die Art Feminismus, die seit Jahren in den Medien eine Rolle spielt und die Schlagzeilen beherrscht, nützt in erster Linie den heterosexuellen, gut verdienenden weißen Frauen der Mittelschicht und der oberen Mittelschicht.

Öffentliche `Karrierefeministinnen´ sind damit beschäftigt, `mehr Frauen in die Vorstände´ zu bringen, dabei besteht das Hauptproblem darin, dass es schon viel zu viele Vorstandszimmer gibt und keins von ihnen brennt.

Oder Reflexionen über Sprache und Bemächtigung von Sprache. Über Definitionsmacht eben:

In folgenden Situationen hat man mich schon eine Schlampe geschimpft: Wenn ich gesprochen habe oder mich für etwas ausgesprochen habe. Wenn ich die Kühnheit besaß, Geld und Ruhm einzufordern, statt Knie und Mund zu schließen, wie es sich für ein Mädchen gehört. Wenn ich mich öffentlich politische geäußert habe. Wenn ich, ohne mein Bett gemacht oder den Boden geschruppt zu haben, auf die Straße gegangen bin oder auf den Putz gehauen habe. Wenn ich zu viele Liebhaber hatte und mich mehr mit meiner Arbeit befasste als mit Ihnen oder ihrem Ego. Und schließlich, sehr unpassend, beim Vögeln.

Bamm! Das sitzt!

Auch die Männer kriegen ihr Fett weg und es sind mehr gekommen, als bei so einer Veranstaltung zu erwarten.

Nein, die Männlichkeit ist nicht in der Krise, man kann schon fast sagen, Männlichkeit ist Krise. Männer dürfen einfach über alles reden, nur nicht über ihr Geschlecht. Die Diskussion darüber, was es bedeutet ein Mann zu sein, ist in den meisten gesellschaftlichen Kreisen tabu. Männlichkeit funktioniert eher wie Fight Club im gleichnamigen Film. Die oberste Regel des Männerclubs ist, nicht über den Männerclub zu reden.

Ein junger Mann aus dem Publikum merkt an, dass er ja auch gerne Feminist wäre, die Theorie findet er gut, allein das Wort findet er schrecklich. Ob wir nicht wenigstens ein neues Wort dafür finden könnten. Frau Penny lacht und antwortet ihm, dass halt der Feminismus auch von Männern verlangt, sich mit ihrer Weiblichkeit auseinanderzusetzen und dass deshalb das Wort genau richtig ist. Der junge Mann lächelt, die Frauen haben Spaß. Irgendwie haben alle Spaß, auch wenn die Britin bei Themen wie Prostitution, Vergewaltigung, Umwälzung der Herrschaftsverhältnisse und Diskriminierung von Schwarzen Frauen, ihr Publikum mitnichten schont. Laurie Penny ist die Zumutung, auf die wir alle gewartet haben.

Wir ahnen schon, was kommt. Ohne Umwälzung wird es nicht gehen, ohne den Flächenbrand, ohne Freiheit nicht und nicht ohne Mut. Laurie Penny hat ihn, diesen Mut und so verwandeln sich die unsagbaren Dinge in Abenteuer.

Also, Abenteuer*innen steht vom Pflaster auf und macht Euch bereit für Sex, Lügen und Revolution.


 

Weitere Infos gibt es hier: Zum Buch „Unsagbare Dinge“, ein Kulturzeit-Gespräch mit Laurie Penny bei 3sat und ein Interview in der ZEIT.

Ein Paar Worte über...

Frau_Holofernes
Frau_Holofernes

Genderverrückte Leichtmatrosin und Wessibesserin, Spionin in der MännerWG. Hauptberuflich grün, nebenberuflich Rabenmutter. Still loving feminism!

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