Männer, die auf Frauenwürde pfeifen

Gestern war es mal wieder soweit. Das Wetter war großartig, ich radelte gerade von der Arbeit nach Hause und genoss den lauen Fahrtwind. Ich freute mich, dass der Sommer langsam kommt, während ich an einer Gruppe Männer vorbei fuhr. Als sie mich bemerkten, bekam ich sofort dieses Gefühl. Es ist ein Gefühl, das ich eigentlich schon kenne seitdem ich ein junges Mädchen bin. Ein Gefühl, das mich immer wieder beschleicht, wenn ich an Gruppen aus Männern vorbei gehe, laufe oder fahre. Das Gefühl wird ausgelöst durch eine ganz bestimmte Art und Weise der Männer, mich zu mustern, mich einzuschätzen und zu bewerten. Meist dauert es dann nur Sekunden und der erste traut sich: es folgt ein Pfiff oder, etwas seltener, dessen ultimative Steigerung: ein Ruf, der fast immer mit einem „Hey Süße/Baby/Kleine…“ beginnt.

Diese Blicke, Pfiffe und Rufe: ich hasse sie. Ich habe schon häufig gehört, es handle sich doch nur um ein Kompliment. Doch in Wirklichkeit sind sie alles andere als ein Kompliment. Für mich stehen sie für ganz zentrale Probleme, die Feminismus noch immer bitternotwendig machen: die Reduzierung von Frauen auf Sexobjekte, der Glaube, Frauen seien jederzeit für jeden frei Verfügbar und vor allem ein Überlegenheitsgefühl einzelner Männer gegenüber Frauen – von Männern, die auf Frauenwürde pfeifen.

Eigentlich handelt es sich hierbei nur um ein kleines Detail in meinem Leben. Und es ist mir auch wichtig festzuhalten, dass es sich bei den Männern, die auf Frauenwürde pfeifen, nur um einen kleinen Anteil aller Männer handelt. Trotzdem bin stinksauer. Sauer, weil ich – ebenso wie wohl fast alle meiner Geschlechtsgenossinnen – auf diese Art regelmäßig sexuell belästig werde: in Deutschland, im 21. Jahrhundert, in aller Öffentlichkeit, einfach so.

Weshalb kann ein Pfiff kein Kompliment sein?

Ein Pfiff drückt so viel mehr aus, als ein harmloses „Hey, du siehst heute gut aus.“ Wenn mir jemand hinterher pfeift, kommen gleichzeitig mehrere verschiedene Botschaften bei mir an. Das, was der Pfeifer indirekt an mich kommuniziert, das, was er indirekt an sein Umfeld kommuniziert und das, was er über sich selbst durch diesen Pfiff verrät.

Vereinfacht und überspitzt ausgedrückt sind für mich in einem Pfiff zunächst die folgenden Nachrichten enthalten:

„Hallo unbekannte Frau, beachte mich, ich bin ein Mann. Allein das qualifiziert mich, dich aus deinen Gedanken reißen zu dürfen. Ich bin hochpotent und muss dich deshalb ganz dringend auf mich aufmerksam machen. Zweifellos hättest du wahnsinnig gerne ein Kind von mir, schließlich bist du weiblich. Also sieh her, nicht, dass du an mir vorbei ziehst, in Gedanken versunken, mich nicht bemerkst und dir diese großartige Chance entgehen lässt.“

„Hallo unbekannte Frau, dein äußeres Erscheinungsbild gefällt mir. Was dich sonst ausmacht, ist mir egal. Ich möchte deine Aufmerksamkeit – jetzt.“

Fast alle Männer, die auf Frauenwürde pfeifen, tun dies aus einer Gruppensituation heraus. So verrät der Pfiff auch etwas über deren (ersehnte) Stellung innerhalb der Gruppe, etwa:

„Seht her, meine Freunde, ich pfeife dieser Frau hinterher. Ach wenn wir die Frau nicht kennen, ich habe mich getraut ihr zu kommunizieren, dass ich sie als „sexy“ empfinde. Seht wie mutig ich bin. Ich bin ein Alphatier.“

Alles in allem aber, verrät mir der Pfeifer hauptsächlich etwas über sich selbst, nämlich:

 „Ich habe ein derart geringes Selbstwertgefühl, dass ich es nötig habe, es aufzubessern, indem ich eine unbekannte Frau öffentlich auf ein Objekt sexueller Begierde reduziere und dadurch glaube zu signalisieren, sie sei für mich jederzeit verfügbar. Gleichzeitig mache ich auf meine vermeintlich stärkere Machtposition gegenüber der unbekannten Frau aufmerksam, was ebenfalls meinem eigenen beschädigten Selbstwertgefühl zuträglich ist.“

Ein Pfiff. Ein Kompliment? Ein Schlag ins Gesicht!

Diese Botschaften, so wie sie bei mir ankommen, lassen es nicht mehr zu, sie als Kompliment zu beschönigen. Jeder dieser Blicke, dieser Pfiffe, dieser Rufe aus Männergruppen gegenüber Frauen kommen für mich daher einem Schlag ins Gesicht gleich. Sie stellen für mich eine Hürde auf dem Weg zur Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern in unserer Gesellschaft dar.

Als Frau muss ich in diesem Moment dafür herhalten, einen fremden Mann in seiner Bezugsgruppe als toll und mutig aussehen zu lassen damit er sein Selbstwertgefühl aufbessert. Gleichzeitig muss ich mir die oben beschriebenen herabwürdigenden Botschaften „anhören“ und gefallen lassen.

Meiner Meinung nach handelt es sich bei solchen Pfiffen und Rufen um eine der dreistesten Formen sexueller Belästigung. Gesellschaftlich werden sie kaum geächtet, weil sich die Täter weitgehend erfolgreich hinter einem angeblichen Kompliment verstecken. Hinzu kommt, dass diese Art der Belästigungen extrem weit verbreitet ist. Jede Frau kann davon betroffen sein, egal welchen Alters, Aussehens, welcher Herkunft undsoweiter. Diese Belästigung passiert jeden Tag, überall, auf offener Straße, unter Zeug*innen.

Seit ich denken kann, wechsle ich ganz selbstverständlich Straßenseiten, nehme spontan andere Wege und meide bestimmte Straßenecken. Das war bisher meine Reaktion, meine Strategie, diesem Tritt auf meine Würde als Frau im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Weg zu gehen. Vielleicht könnte man es auch als Resignation bezeichnen. Wenn er doch kommt, der Tritt auf meine Würde, verhalte ich mich so, als hätte ich nichts bemerkt. So kann ich einem Konflikt und möglicher weiterer Belästigung am einfachsten entgehen. Außerdem: Männer, die Frauen auf diese Art entwerten, wollen Aufmerksamkeit. Würde ich mich offensiv wehren, würde ich ihnen diese Aufmerksamkeit schenken. Sie hätten gewonnen.

Wie aber könnte sich die Situation verbessern? Wie können wir diese Art von Belästigung einschränken? Vielleicht müssen Betroffene anders reagieren als ich es bisher tue. Auf der Webseite Berlin Hollaback sammeln Frauen beispielsweise ihre Erlebnisse alltäglicher Belästigung, um ihre Kräfte zu bündeln und für das Problem zu sensibilisieren. Vielleicht ist es aber auch an den Männern, die dabei stehen und nicht pfeifen. Vielleicht würde es helfen, wenn der Pfeiffer keine Anerkennung bekäme. Vielleicht würde es helfen, wenn die Zuschauer und Zuhörer Missmut äußerten und nicht lachten und applaudierten. Es gibt so viele wunderbare Männer, die es nicht nötig haben, Frauen derart zu degradieren, aber dennoch die anderen bisher nicht davon abhalten. Traut euch! Zeigt und erklärt euren Geschlechtsgenossen, dass ein echtes Kompliment anders geht.

Ein Paar Worte über...

Johanna Braun
Johanna Braun

Setzt sich für Chancengerechtigkeit und Menschenrechte ein und spielt begeistert American Football.

4 Kommentare

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  • Ich muss Johanna recht geben. Frauen hinterherzupfeifen,dumm anzumachen oder gar mit Blicken auszuziehen, ist respektlos. Genauso wie bei sexistischer Werbung werden sie nämlich zu Sexualobjekten reduziert. Und wenn dies Frauen unangenehm ist, dann sollten sie sich auf ihr Bauchgefühl verlassen. Es ist nichts, worüber man einfach hinweglächeln sollte: und dass heißt nicht, dass man nicht in der Lage ist sich zu wehren!
    Von einer Argentinierin, die inzwischen in Berlin lebt, habe ich die folgende Aussage gelesen:
    “In Argentinien werden Frauen in der Öffentlichkeit natürlich ganz anders behandelt als in Deutschland. Dort ist man zuallererst eine Frau oder ein Mann – hier ist man ganz allgemein ein Mensch. Am Anfang hier in Berlin war ich fast ein bisschen verunsichert und dachte: Stimmt vielleicht was nicht mit mir? Es is zum Lachen jetzt – aber der einzige Grund dafür war, dass mir nicht dauernd jemand hinterhergepfiffen hat.”
    Was diesen Aspekt betrifft, bin ich ganz froh, dass ich in Deutschland und nicht in Argentinien lebe. Ich möchte als Mensch gesehen werden, der eine von seinem Geschlecht unabhängige Würde hat. Treten wir gemeinsam dafür ein, dass hier bei uns genauso wie überall auf der Welt sich diese Haltung durchsetzt.

  • Meinen Sie nicht, Sie interpretieren hier sehr viel in den Pfiff hinein? Wie gelingt es Ihnen anhand eines Pfiffes eine tiefenpsychologische Analyse des Pfeiffers vorzunehmen, die Ihnen bis ins letzte Detail verrät, aus welchen Motiven der Pfeiffer handelt? Können Sie Ihre Einschätzungen belegen?
    Sie unterstellen dem Pfeiffer, dass er Sie aufgrund seines mangelnden Selbswertgefühls öffentlich auf ein Sexualobjekt reduziert, um damit seine Überlegenheit zu demonstrieren und sein Selbstwertgefühl künstlich zu steigern. Aber reduzieren Sie den Pfeiffer damit nicht selbst auf einen von Minderwertigkeitskomplexen angetriebenen Chauvinisten?

    Ich war nicht Zeuge der Situation und kenne den Betroffenen nicht, deswegen kann ich auch nur mutmaßen. Aber wäre nicht auch folgende implizite Botschaft in dem Pfiff des Mannes denkbar?:

    Hallo toll aussehende Frau! Wir kennen uns nicht aber ich würde dich wirklich gerne kennen lernen. Da du gerade mit dem Fahrrad an mir vorbei fährst und innerhalb der nächsten Sekunden wahrscheinlich in unerreichbare ferne gerückt bist, sind meine Möglichkeiten, deine Aufmerksamkeit für mich zu gewinnen ziemlich eingeschränkt. Ich bin nicht besonders gut darin, Frauen anzusprechen, weswegen mir gerade nichts besseres einfällt, als zu pfeiffen, um irgendwie deine Aufmerksamkeit zu bekommen. Wir werden uns wahrscheinlich niemals wieder sehen und ich will mir im nachhinein nicht vorwerfen, es nicht zumindest irgendwie versucht zu haben.

    Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin überzeugter Anhänger der Gleichberechtigung … aber ich glaube, damit diese funktionieren kann, müssen Stereotypen und vorurteile abgebaut werden, und zwar auf beiden Seiten, und es muss ein Dialog stattfinden. Verstehen Sie deshalb meinen Beitrag bitte nicht als Angriff, nehmen Sie das nicht persönlich. Die Fragen, die ich oben Stelle sind aufrichtig und ernst gemeint.

    • Nachtrag:
      Ich habe gerade Ihren Beitrag zu Toleranz gelesen. Leider konnte man den nicht mehr kommentieren (oder ich war zu doof 😉 ). Jedenfalls: Hut ab! Guter Beitrag. Bin da voll und ganz Ihrer Meinung.

  • Hallo,

    ja genau, genauer gehts nicht. Darum traue ich mich auch kaum ein Minikleid anzuziehen.
    War das früher anders? Meine Großmutter hat erzählt, dass die Männer das bei ihr auch taten, je nach Lage, sie aber charmanter beim anbaggern waren. Sich einer Frau zu nähern war mit Regeln belegt. Klar, nicht alle hielten sich daran, aber es gab diese Regeln.
    Auf der anderen Seite, geht es auch darum, wie wir damit umgehen. Ich war mal mit einer brasilianischen Freundin in Porto Alegre unterwegs. Dort schauten die Männer und pfiffen, riefen uns hinrerher, ja, sie sangen sogar. Und? Meine Freundin nahm das als selbstverständlich und fröhlich an und lächelte sogar zurück, was ich niemals wagen würde. Ich hab ihre Souveränität bewundert. Mir wurde klar, sie ist darin viel stärker, gewandter, selbstsicherer. Wir haben beide ein Pfefferspry in der Handtasche. Aber während es mir Angst macht, nur der Gedanke daran, ich müßte es benutzen verursacht eine Panik bei mir, macht es sie frei. Wenn ihr einer dumm kommt, dann würde sie es einsetzen, heftig und souverän, einfach bäng.
    Wieso lassen wir uns einschüchtern? Klar, die haben ihren Schwanz nicht unter Kontrolle. Mädels lernt eine Kampfsportart eurer Wahl und setzt es ein. Und dann immer lächeln.

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