Keinen Fußbreit den Revisionist*innen

Wir haben diese Woche im Europäischen Parlament den Bericht zur Gleichstellung der Geschlechter, den sogenannten Tarabella-Bericht (nach dem Berichterstatter Marc Tarabella), abgestimmt.

In dem Bericht geht es um die Gleichstellung der Geschlechter, um gerechte Bezahlung und Anti-Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, um die Repräsentation von Frauen in Führungsgremien, um die Aufteilung von reproduktiver Arbeit und sexuelle und reproduktive Rechte. Die hetzerische Mailflut, die die Email-Postfächer der Europaabgeordneten füllte, hat mit diesem Bericht eigentlich nichts und am Ende leider doch wieder sehr viel zu tun.

Hetze per Mail – tausendfach

Im Vorfeld zu dieser Abstimmung sind die Europaabgeordneten mit einer Flut von Emails überschüttet worden, die sich gegen den Bericht und vor allem gegen die Verankerung sexueller und reproduktiver Rechte als Grundrecht ausgesprochen haben.

In vielen dieser Mails ging es aber einfach nur darum, feministische und an Gleichstellung interessierte Abgeordnete zu beschimpfen – vor allem die Roten und die Grünen:

“Dieser Gender Wahn ist zum kotzen, muss ausgerottet werden, jawohl mit Stumpf und Stiel. Dafür steh ich und die Politiker die so was verfolgen gönne ich das “jüngste Gericht” ob Grün oder Rot, den haben wir das zu verdanken.”

„Endweder zurück zu einer Kultur des Lebens oder zu einer Kultur des Todes, zur Barberei!“

„Die Frage der Abtreibung ist bekanntlich eine Teil-Strategie der menschenverachtenden, lebensfeindlichen Gender-Ideologie (vgl. Anlage S. 5, Gender Agenda Nr. 2), die auf die Vermeidung von Leben, auf die Dezemierung unseres Volkes und auf die vollständige Vernichtung der christlichen Religion und die Zerstörung des Europa konstituierenden sittlich-ethischen Fundaments abzielt!“

„Ich bitte Sie dringend, von ihrer Gehirnwäsche abzusehen und mit der Verbreitung von Unwahrheiten aufzuhören.“

Alles Gehirnwäsche?

Die Tatsachen, dass immer noch 68.000 Frauen im Jahr bei unsicheren Schwangerschaftsabbrüchen ums Leben kommen, dass Frauen in der EU 16,4 % weniger Lohn für gleichwertige Arbeit verdienen, dass es in den Chefetagen der USA mehr Männer mit dem Namen John gibt, als Frauen insgesamt – all das stimmt so eigentlich gar nicht… Lügen, um die „christliche“, „natürliche“, die „rechte“ Ordnung zu zerstören. Weil wahr kann das NICHT sein.

So wenig diese Ausfälle überraschen, desto mehr sind sie Teil eines Backlashs, den wir in einigen Politikbereichen, aber ganz besonders im Bereich von Frauen- und Gleichstellungspolitik beobachten. Immer wieder werden “christliche Werte”, das “christliche Abendland”, “sittliche Werte” herangezogen, um progressive Gesellschaftspolitik zu attackieren.

Ob PEGIDA oder AfD, die Vertreter*innen dieses Backlashs verstehen sich als “Mitte der Gesellschaft”. Gerade deshalb wäre es auch zu einfach, ihre Kampagnen als Spinnerei oder irrelevant abzutun. Ganz im Gegenteil muss eine demokratische Gesellschaft gerade jetzt klarmachen, dass Gleichheit und Freiheit Grundlagen unseres Zusammenlebens sind.

Wer sich Angriffen nicht entgegenstellt, in denen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch mit Folter und Mord gleichgesetzt oder schlussendlich mit dem Holocaust verglichen wird, die*der lässt zu, dass reaktionären, neokonservative und gleichstellungsfeindliche Bewegungen an Raum gewinnen.

„Wenn eine Mutter ihr Kleinkind in keiner Notlage legal töten darf, dann geht das vor der Geburt ebenso wenig. Die meisten Notlagen treten zudem erst nach der Geburt auf, nicht vorher. Mit Schweinen darf man das in Deutschland nicht. Auch Folter ist eigentlich verboten.“

„Um Ihres Seelenheils willen, dürfen Sie unter keinen Umständen so genannte „sexuelle und reproduktive Rechte“, worunter im Klartext ein “Recht auf vorgeburtliche Kindestötung” zu verstehen ist, befürworten.“

„70 Jahre nach Auschwitz möchte ich allen EU-Abgeordneten sagen: Vergessen Sie nicht, daß es UNABSTIMMBARES gibt!“

Wenn Hass Programm wird

Der Hass und die tiefsitzende Menschenfeindlichkeit, die aus den Zuschriften zum Tarabella-Bericht schreien, sind schockierend. Dass sie sich in den meisten Fällen auf eine Religion beziehen, deren Messias Liebe und Vergebung gepredigt hat, ist umso bezeichnender.

Als Feminist*innen müssen wir uns klar gegen diesen Backlash stellen. Frauen haben das Recht zu wählen, zu studieren und zu arbeiten erstritten, mutige Frauen haben gegen Gewalt gegen Frauen gekämpft, für Selbstbestimmung und Gleichbehandlung. Jetzt ist es an uns nicht einfach dazustehen und abzuwarten, bis der Sturm vorbeigeht: GEGEN bürgerrechtliche Rückschritte und FÜR eine offene, vielfaltverliebte Gesellschaft!


Terrys Rede zu “Equal Rights for Women and Men” im Plenum (9 March 2015)

 

Ein Paar Worte über...

Terry Reintke
Terry Reintke

Europabegeisterte Queerfeministin, die seit vielen Jahren Grüne Politik macht. Seit 2014 auch im Europäischen Parlament. Gelsenkirchen.

Ein Kommentar

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  • Vielen Dank für den Beitrag. Ich habe zwei kleine Kinder und möchte die sehr tief gehenden und unteilbaren Erfahrung von Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit nicht missen. Es sind sehr intensive und persönliche körperliche Erfahrungen, in einer Gesellschaft, in der körperlich Erfahrungen den Alltag nicht mehr prägen.
    Ich bin sehr froh, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der eine Frau selber über ihren Körper entscheiden kann. Die Vorstellung unter Zwang schwanger zu sein oder eine Geburt zu erleben, stellt sich für mich als reiner Albtraum dar.
    Menschen, die so etwas von Frauen erzwingen, sind respektlos gegenüber dem Leben des anderen und für mich scheinheilig, wenn sie mit dem Leben eines ungeborenen Kindes argumentieren. Anderen Menschen so einem gesellschaftlichen Druck auszusetzen, Frauen in eine Ohnmacht über ihren eigenen Körper auszusetzen ist unmenschlich.
    Frauen in großer Not haben schon immer Wege gefunden ein Kind nicht zu bekommen. Anstelle sich mit der (strukturellen) Not einiger Frauen zu beschäftigen und ihre Situation zu verbessern, werden Ihnen Vorwürfe gemacht. Helfen tut das nicht.
    Also ja, weiter kämpfen für den Erhalt unsere Rechte und für den weiteren Ausbau, wo es noch deutliche Benachteiligungen von Frauen gibt.

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