Gleichberechtigung: Ein haariges Thema

Erst vor kurzem bin ich wieder einmal bei einem Interview auf meine Haare angesprochen worden. Ob ich sie nicht doch lieber abschneiden lassen möchte. Warum sollen Männer denn keine langen Haare haben? Ernsthaft? Ist das immer noch ein Thema? Ja, leider. Auch für uns Männer.

Vielleicht kann ich daher ein bisschen erahnen, wie es ist auf Äußerlichkeiten (meine Haare) reduziert zu werden. Erst am Montag musste ich mir von Herrn Kubicki bei „Hart aber Fair“ wieder einen dummen Spruch anhören. Wie sich das für Frauen anfühlt, denen das permanent, abwertend und anzüglich passiert, kann ich natürlich nicht wissen. Dass es leider selbst nach drei großen und wichtigen Wellen der Frauenbewegung immer noch ein Thema ist, zeigen Umfragen: 55 Prozent der Frauen haben letztes Jahr angegeben, dass wir weiterhin in einer männlich dominierten Gesellschaft leben, in der Frauen immer wieder Erfahrungen mit Sexismus machen. Obwohl doch spätestens seit der #aufschrei-Debatte in der letzten männlichen Gehirnzelle endlich angekommen sein sollte, wie und wie oft Frauen im Alltag Sexismus ausgesetzt sind. Es ist wirklich frustrierend, dass wir zwei Jahre später dennoch nicht viel weiter sind. Wie Anne Wizorek am Montag erneut darlegen musste, wird erschreckenderweise dann auch noch versucht, den von Frauen erlebten Sexismus zu relativieren oder ihn gar als Kompliment umzudeuten.

Der Internationale Frauentag steht vor der Tür

Frauenrechte sollten jeden Tag – nicht nur am 8. März – Thema in unserer Gesellschaft sein. Auch für uns Männer ist es jeden Tag Pflicht unseren Beitrag zu echter und gelebter Geschlechtergerechtigkeit zu leisten. Wie oft finden wir uns auch in unserem Alltag in Situationen, in denen wir unbewusst klassischen Rollenbildern verhängen, in dem wir – obwohl wir es im 21. Jahrhundert besser wissen müssten – noch immer Strukturen unterstützen oder zumindest hinnehmen, die eine wirkliche Gleichberechtigung der Geschlechter verhindern.

Ein Beispiel aus dem politischen Alltag: Ein SPD-Parteivorsitzender kämpft nur um die Seele seiner Generalsekretärin, bei einem Generalsekretär hätte er das wohl nicht getan. Es ist nicht nur Aufgabe der Frauen solche Machotum zu benennen, es ist unsere gemeinsame Aufgabe.

Auch müssen wir Männer unseren Beitrag dazu leisten die Entgeltlücke von 22 Prozent – übrigens eine der höchsten in der EU – zu schließen. Ebenso bei der Quote. Solange es keine gesetzliche Frauenquote gibt, bleibt die gläserne Decke bestehen. Männerbünde sorgen schon dafür, dass ihre „Männer-Quote“ erhalten bleibt. Ende 2013 waren nur 4,4 Prozent aller Vorstände und 15,1 Prozent aller Aufsichtsrät*innen in den Top-200-Unternehmen in Deutschland mit Frauen besetzt, obwohl Frauen knapp die Hälfte aller Hochschulabsolvent*innen stellen. Für uns Grüne gehört Geschlechtergerechtigkeit seit Anbeginn zu den Grundbedingungen guter Politik. Deswegen haben wir eine Parität zwischen Frauen und Männern in allen Posten und Gremien.

Im Bereich Kinderbetreuung sieht es ebenfalls schwarz aus. 60 Prozent der Eltern mit Kindern zwischen einem und drei Jahren wünschen sich, dass beide Partner im gleichen Umfang erwerbstätig sind. Allerdings gelingt es nur 14 Prozent das auch zu realisieren. Die Strukturen werden so weder Frauen noch Männern gerecht. Sie zwingen sie in alten Rollenmustern zu verharren.

Wenn es um Geschlechtergerechtigkeit geht, fällt mir der Ausspruch von des leider kürzlich verstorbenen Sozilogen Ulrich Beck ein: „verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre“. Auch wenn das Zitat aus dem Jahre 1986 stammt und eigentlich Staub angesetzt haben müsste, ist es doch immer noch aktuell. Es ist ja schön und gut, wenn über die Gleichberechtigung von Frau und Mann geredet wird, aber es ist nun wirklich mal an der Zeit, dass auch die Strukturen so geändert werden, dass wirkliche Gleichberechtigung möglich ist. Stattdessen muss ich jetzt auch noch ertragen, dass die AfD Frauen jetzt wieder an Herd schicken will und sie zur 3-Kind-Gebärmaschine machen möchte.

Es ist ermüdend, dass diese Ewiggestrigen auch versuchen Gender-Themen insgesamt zu diskreditieren, in dem sie die Diskussion wieder versuchen auf geschlechtergerechte Sprache zu reduzieren. Zum widerholte Male: Ja, geschlechtergerechte e Sprache ist sinnvoll. Wenn wir die Sprache verändern, verändern wir das Bewusstsein.Sämtliche Studien belegen, dass sich Menschen beim generischen Maskulinum (die Ärzte) eine männliche Gruppe vorstellen. Frauen sind halt nicht einfach so mit gemeint. Wenn ich also eine gleichberechtigte Gesellschaft anstrebe, darf ich Sprache nicht ignorieren.

In der Debatte um Gleichberechtigung geht es für mich darum die die Möglichkeiten und Chancen von Frauen und Männern zu erweitern. Es geht darum Klischees, reale Missstände und antiquierte Rollenbilder zu hinterfragen. Davon profitieren doch am Ende alle Geschlechter. Es ist nicht alleine die Aufgabe von Frauen, sich für Emanzipation einzusetzen. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe. Emanzipation sehe ich nicht als Kampf gegen Männer, sondern als Chance für die Freiheit aller so zu leben, wie sie möchten – auch mit langen Haaren.

Frauen haben in den letzten Jahrzehnten ihre Möglichkeiten im Kampf für Gleichberechtigung erweitert. Nun ist es auch an uns Männern ihnen nachzufolgen und unsere alten Rollenbilder aufzubrechen – nicht nur am oder um den 8. März herum.

Ein Paar Worte über...

Toni Hofreiter
Toni Hofreiter

Biologe und Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag

5 Kommentare

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  • Danke für den Text!

    Es freut mich ungemein, wenn Männer sich zum Thema Gleichberechtigung einbringen. Besonders deshalb, weil sie doch manchmal einen anderen Blickwinkel haben und imho oft aufzeigen, dass die strukturelle Diskriminierung sich nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen engagierte Männer richtet.
    Ich behaupte einfach mal, dass Väter die sich wirklich Zeit für ihre Familie nehmen, genauso selten in Leitungsfunktionen anzutreffen sind, wie Mütter. Da momentan eher die Mütter ihre Karriere opfern, schaut das ganze dann aus wie ein Frauenproblem, aber die besseren statistischen Kategorien wären familienorientierte Menschen vs. karriereorientierte Menschen.

    Ähnlich ist es beim Gehalt: der Unterschied zwischen weiblich/männlich bei selber Tätigkeit existiert, aber er ist sehr gering im Gegensatz zum Gehaltsunterschied zwischen MetallerIn und Pflegekraft – wenn man den Pflegekräften, unabhängig vom Geschlecht, zu besserem Einkommen verhilft, könnte man das Fraueneinkommen viel stärker heben, als mit ein paar weiblich besetzten Aufsichtsratsmandaten.(womit ich die Quote dort nicht automatisch als schlecht bezeichnen möchte)

    Wie gesagt, danke für den Text und bitte viele weitere! 🙂

  • Guter Beitrag. Leider haben noch nicht alle Männer begriffen, dass auch sie beim Thema Gleichberechtigung profitieren. Was wir – die Männer – brauchen, ist eine zweite “männliche Emanzipation”. Eine Emanzipation vom tradierten Rollenbild des männlichen Alleinverdienenden, des Alphatiers, des Machos, des Patriarchen etc.

  • Danke. Fakt ist dass renommierte Unternehmen sich nichts dabei denken im Jahr 2015 offen auszusprechen dass sie Männer bei der Besetzung von Ingenieursstellen bevorzugen. Die Bereitstellung von Arbeitskleidung mit Damenschnitt ist Zukunftsmusik und fällt unter Frauenförderung. Wir gesagt wir schreiben 2015 nicht 1915.

  • Lieber Anton!
    Zunächst einmal mein Kompliment zu deiner Frisur. Bitte nichts daran ändern! Und außerdem zu deinem Auftritt bei “Hart aber fair” Für die Auftritte meiner Geschlechtsgenossinnen Thomalla und Kelle habe ich mich dagegen fremd geschämt. Anne Wizorek war gut, wie es von ihr auch zu erwarten war.
    Was vielleicht nicht allen, die die Sendung geguckt haben klar geworden ist, warum es einmal die Entgeltlücke von 22% gibt (deshalb begehen wir ja am 20.03.15 wieder den “Equal Pay Day”) und dann eine Lücke von “nur” 7% gibt.
    Die Lücke von 22% ergibt sich, wenn man den Bruttostundenlohn aller Beschäftigten (Kleinbetriebe mit unter 10 Beschäftigten, die Landwirtschaft und auch der öffentliche Dienst sind ausgenommen) miteinander vergleicht.
    die Lücke von 7% beim Vergleich von gleicher Qualifikation und Tätigkeit.
    Tatsächlich sind die Verdienste von Frauen noch viel niedriger als die 22% als die der Männer, weil sie weniger Stunden/pro Woche und weniger Jahre ihres Lebens gegen Entgelt arbeiten.
    Auch weil es meistens die Mutter ist, welche weniger verdient, unterbricht, bzw. beschränkt sie nach der Geburt eines Kindes ihre Berufstätigkeit zugunsten der Kindererziehung und nicht der Vater. Das hat dann wiederum zur Folge, dass sie ja weniger Berufsjahre und damit verbundene Berufserfahrung als der Vater aufbringt und deswegen auch auf den Stundenlohn bezogen auf Dauer weniger verdient. Gerecht, wie Frau Kelle meint?
    Warum verstehen wir nicht, dass die bezahlte Arbeit genauso wie die unbezahlte, sogenannte Care-Arbeit gerecht zwischen Männern und Frauen zu verteilen ist?

  • Kommentar:
    Die Sendung hartaberfair war für mich kein Kavaliersdelikt,
    ich kann darüber leider nicht lachen,
    wenn 100 Jahre Frauenbewegung mit Füßen getreten werden,

    Die ARD scheint dieses Thema mit einer Unterhaltungsshow ala WettenDass verwechselt zu haben.
    Der öffentliche Sender wird mit GEZ auch von Schwulen, Lesben, Intersexuellen und Transsexuellen bezahlt. Diese wurde von dieser Sendung nicht vertreten,
    sondern es wurde versucht, alles ins lächerliche zu ziehen.
    Was Gender überhaupt bedeutet, konnte einem Nichtwissenden Zuschauer nicht vermittelt werden, dass stand auch nicht auf der Agenda dieser Sendung.

    Das Thema wurde für Quoten benutzt,
    die Themen wurden nicht ernsthaft diskutiert,
    es bestand auch nicht die Absicht diese ernsthaft zu diskutieren,
    sonst wären auch Forscher_innen der Gender Studies eingeladen worden.
    Einziges Ziel war, eine möglichst hohe Polarisation zu erreichen,
    und die Probanden “im Ring” den Zuschauern vorzuführen.

    Dazu wurde auch kräftig am Anfang schon in den ersten Sekunden
    mit Klischee-Sprüchen eingeheizt:
    “Genderwahn”-Phrasen mit ISIS-Terror verglichen.
    Für Muppet-Show-Klamauk leider ein zu ernstes Thema.

    Der einzige Wehrmutstropfen war,
    dass Thomalla, Kelle, Kubicki und Plasberg den lebenden Beweis lieferten,
    dass wir in einem Patriarchat leben.

    Bei Frank Plasberg möchte ich für ihn zu seiner Entschuldigung anbringen,
    dass er eher von der ARD zu dem gemacht worden ist für diese Show,
    was er dann darstellte, ich bin sicher, dass ihm die Rolle gar nicht so sehr gefallen hat.

    Die Show war beschämend, und der transphobe Einblender einer Bild-Schlagzeile
    bei Min. 26:00 der traurige Höhepunkt.

    Die Suizidrate bei Trans-Personen ist extrem hoch.
    Ausgelöst vorwiegend durch Nichtakzeptanz.

    Alle sind schuld wenn Menschen von der Brücke springen,
    die diese vorher nicht akzeptiert haben.
    Alle.

    Jasmin für FreeYourGender
    Antidiskriminierung schafft Lebensräume

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