Baby-Hotline statt Hebamme – Zwang zur Klinikgeburt?

Die aktuellen Entwicklungen rund um die Hebammenversorgung und die Thematik Versicherung und Vergütung, lassen mich als junge Mutter wütend und verzweifelt werden.

Nun geben AOK-Mitarbeiterinnen zu, dass Hebammen quasi abgeschafft werden sollen und preisen gleichzeitig eine 24h-Baby-Hotline an. Diese Baby-Hotline ist bestimmt kompetent genug, um zu zeigen, wie das Kind richtig angelegt wird, kann die Nabelheilung und Geburtsverletzungen der Mutter kontrollieren, tröstet bei Babyblues und hat ein offenes Ohr für Familien, die sich in ihre neue Rolle als Eltern und Familie erst einleben müssen. Nein, eine Baby-Hotline wird niemals kompetente und erfahrene Hebammen ersetzen können!


Ich glaube, jede Mutter und jeder andere Eltern- oder Großelternteil, weiß wie kostbar und wertvoll die Betreuung von Hebammen vor, während und nach der Geburt ist. Diese Frauen leben zum Teil ein Berufsleben lang ständig auf Abruf, weil Schwangere oder Wöchnerinnen Probleme haben, und werden dabei schlechter entlohnt als der neue Mindestlohn verspricht. Gleichzeitig werden ihnen seit Jahren bei gleicher Entlohnung durch die Krankenkasse stark steigende Versicherungsprämien aufgebrummt, weil bei den sehr selten vorkommenden Versicherungsfällen die Entschädigungssummen gestiegen sind.

Dass jetzt aber die Gesetzlichen Krankenkassen versuchen in den Verhandlungen mit den Hebammen in fundamentale Rechte von Frauen einzugreifen schreit zum Himmel.

Der Deutsche Hebammen Verband e.V. kommentiert dazu passend:

“Wir Hebammen fühlen uns dem Wohlergehen, der Selbstbestimmung und der Verantwortung von Frauen verpflichtet. Wir möchten, dass jede Mutter und jedes Kind die Betreuung bekommt, die für sie am besten sind. Wir beraten sie und respektieren ihre Wünsche. Unser Ziel ist eine freie und kompetente Entscheidung, ob eine Geburt in einer Klinik, zu Hause oder in einem Geburtshaus stattfindet.

Diese Freiheit möchten die Gesetzlichen Krankenkassen nun abschaffen. Sie geben vor, Frauen und Kinder schützen zu wollen. Doch in Wirklichkeit berufen sie sich auf Risiken, die zum Teil wissenschaftlich nicht belegt bzw. interpretierbar sind. Wird beispielsweise der errechnete Geburtstermin um nur einen Tag überschritten, was meistens der Fall ist, sollen Frauen faktisch zu einer Geburt in der Klinik gezwungen werden. Eine Hausgeburt würde künftig nicht mehr bezahlt. Hinzu kommt, dass eine angemessene Beratung den Frauen ebenso wenig bezahlt wird.”

Plötzlich sollen Frauen nicht mehr selbst entscheiden, wo und wie sie ihr Kind zur Welt bringen. Nein, die Krankenkassen wollen dies festlegen. Frauen sollen zur Geburt in der Klinik gezwungen werden, wo es nachweislich zu mehr Interventionen kommt und damit Komplikationen. Am besten wir schnallen Frauen, wie bis in die 1950er Jahre in den USA praktiziert, wieder zur Geburt auf den Rücken an und ein Arzt kommt dann und “entbindet” das Kind.

Auf Wiedersehen Frauenrechte, auf Wiedersehen freie Wahl des Geburtsorts, auf Wiedersehen selbstbestimmte Geburt!

Es macht einen nur noch wütend zu lesen, wohin sich die Diskussion in Deutschland entwickelt!

Gleichzeitig wurde im Dezember 2014 in einem anderen EU-Land die Empfehlung der nationalen Gesundheitskommission geändert: So wird in Großbritannien inzwischen für komplikationsfreie Schwangerschaften ausdrückliche eine Hausgeburt empfohlen. Dort scheinen wissenschaftliche Ergebnisse irgendwie anders auszufallen als in Deutschland und man weiß, dass eine natürliche Geburt ohne Interventionen und Infektionsrisiko im Krankenhaus auskommen kann!

Hintergrund:

Seit Monaten verhandeln die Hebammenverbände mit den Gesetzlichen Krankenkassen über einen neuen Rahmenvertrag, den Leistungskatalog, Entgelte inkl. Haftpflichtversicherungsanteilen, den Sicherstellungszuschlag und über Maßnahmen zur Qualitätssicherung. Die Verhandlungen zum letzten Punkt wurden nun seitens der Verbände abgebrochen, weil die Kassen die Finanzierung von Hausgeburten massiv beschneiden wollen. Nach ihren Vorstellungen soll es künftig sehr eng gefasste Ausschlusskriterien für eine Hausgeburt geben, was faktisch das Recht auf die freie Wahl des Geburtsorts (festgeschrieben im Sozialgesetzbuch) noch weiter beschneiden würde.

Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands e.V.: Aktueller Stand der Verhandlungen (23.02.2015)

Deutscher Hebammenverband e.V.: Unterstützen Sie uns! Krankenkassen wollen Wahlfreiheit des Geburtsortes einschränken (20.02.2015)

#meineGeburtmeineEntscheidung – Kampagnenwebsite www.unsere-hebammen.de/meineEntscheidung des Deutschen Hebammenverbands

Standpunkt des Deutschen Hebammenverband e.V.: Das Gesundheitssystem, die Hebammenversorgung und die Bedeutung vertraglich fixierter Ausschlusskriterien in der Geburtshilfe im häuslichen Umfeld (Februar 2015)

 

Ein Paar Worte über...

Josefine S.
Josefine S.

Mama einer kleinen Tochter, lebt und arbeitet in Berlin, wütend auf Krankenkassen, Versicherungen und Minister Gröhe

5 Kommentare

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  • Nach 3 Geburten, eine im Krankenhaus, zwei im Geburtshaus wünsche ich mir, dass auch meine Kinder in 20-30 Jahren selbst entscheiden können wo ihre Kinder geboren werden und wer Ihnen dabei zur Seite steht.
    Ich bin abwechseln wütend, erstaunt und traurig, dass uns Frauen so wenig Selbstbestimmung zugestanden wird, bei dem Urfraulichsten Thema der Welt. Was sollen wir tun???

  • Und noch etwas:
    Das Thema Hebammen wird zwar immer mal wieder angesprochen, scheint aber nicht so populär zu sein. Auch hier haben bisher nur drei Personen den Artikel bewertet. Ich habe den Eindruck, dass wir (Frauen aber auch Männer) es bisher nicht schaffen, dieses wichtige Thema für Frauen auch gesellschaftlich durchzusetzen. Ich erlebe, dass Themen, die insbesondere Frauen betreffen in Gesellschaft und Politik immer wieder hinten runter fallen oder an den Rand gedrängt werden und das selbst erreichte Rechte und Leistungen (wie hier die Hebammenleistung) weiter verteidigt und um deren Erhalt gekämpft werden muss.
    In den Parteien sind Frauen immer noch deutlich unterrepräsentiert und auch in den Gewerkschaften. Wir müssen uns noch viel stärker zusammen schließen und für Themen wie gerechte Bezahlung, auch sozialer Berufe, Familienfördernder gesellschaftlicher Strukturen und dem Erhalt sozialer Standards und Unterstüzung einsetzen.
    In diesem Sinne finde ich die Mütterente auch für heute schon ältere Mütter eine Selbstverständlichkeit und Anerkennung für zumindest drei Jahre Familienarbeit – zu einer Zeit als Krippen eher selten und noch stärker verpöhnt waren.

  • Ohne meine Hebamme, die mich vor der Geburt, im Wochenbett beraten und begleitet hat, bei der ich meine Rückbildung mache und zu Fragen der Beikost beraten werde, hätten wir mit unseren zwei kleinen Kindern sicher nicht so einen guten Start in das oft sehr anstrengende Leben einer jungen Familie gefunden. Gerade wenn nichts mehr geht, dass Kind wenig schläft und viel Schreit ist eine Fachfrau, die Zeit, aktuelles Wissen und Erfahrung hat, Gold wert. Das ist nicht zu ersetzen und dafür haben weder Frauenärzte noch Kinderärzte genügend Zeit.
    Auch für die Babys ist es viel Wert, wenn die Mutter ein wenig Raum zum Reden (Jammern), für Beratung und Reflexion erhält. Dann kann die junge Mutter wieder mit Zuversicht in die nächste Zeit starten und sich mit Geduld und Freude ihrem Kind zuwenden.
    Diese Errungenschaft aufzugeben, wäre ein riesen Verlust für alle Frauen und Männer, wenn sie sich auf den Weg machen, eine Familie zu Gründen.

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