My feminism will be intersectional, Patricia! – Und wieso wir sie trotzdem feiern sollten.

Stell dir vor, es ist Oscar-Verleihung. 127 Menschen sind für den begehrten Filmpreis nominiert, davon sind 25 weiblich (in einigen Kategorien müssen ja Frauen nominiert werden).

Bei der Preisverleihung steht eine Frau auf der Bühne, nimmt die Trophäe als beste Nebendarstellerin für ihre Darstellung einer alleinerziehenden Mutter entgegen und ruft “It’s our time to have wage equality for once and for all and equal rights for women in the United States of America.” Die Menge tobt, applaudiert, springt von ihren Sitzen. Zu recht!

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!

Ob in Hollywood, im baden-württembergischen Mittelstand oder im internationalen Großunternehmen: Frauen werden in unseren Gesellschaften im Durchschnitt schlechter bezahlt als Männer. Und mehr noch: Sie werden diskriminiert und sind in Machtpositionen kaum vertreten.

Ein weiterer Tiefpunkt, der uns diese Ungleichheit vor Augen führt, ist diese Oscar-Verleihung. Denn Frauen sind offensichtlich keine Filmemacherinnen, keine Drehbuchautorinnen und keine Kamerafrauen – zumindest kommen sie in diesen Kategorien noch nicht einmal bei der Nominierungen vor.

Patricia Arquette spricht also ein Thema an, das Feminist*innen seit Langem auf der Seele brennt und sie hat absolut recht: Diese Scheiße muss ein Ende haben. Frauen verdienen den gleichen Lohn und die gleichen Rechte.

Die Schwulen und die Schwarzen waren jetzt lang genug Thema. Lass ma über Frauen reden?

Bevor sie diese wahren Worte spricht, sagt sie allerdings auch: “We have fought for everybody elses equal rights and now it is our time…” Hmm, also ist es jetzt die Zeit der Frauen? Wessen Zeit war es denn davor? Wer sind denn diese “Anderen”? LGTBQ*, Migrant*innen, Minderheiten, Menschen mit Behinderungen?

Also geht es – laut Patricia Arquette – jetzt also um Frauen. Welche Frauen meint sie denn damit? Offensichtlich nicht die lesbischen, Schwarzen, kinderlosen oder die Frauen mit Behinderungen. Weil das die “anderen” Frauen sind?

Es geht jetzt um die Frauen, die Kinder geboren haben und in den USA Steuern zahlen? Ich bin verwirrt. Denn ich kämpfe nicht gegen andere marginalisierte Gruppen, wenn ich für gleiche Rechte, für gerechte Bezahlung und für Emanzipation von Frauen einstehe.

Ganz im Gegenteil: Ich bin fest davon überzeugt, dass Frauen erst dann Gerechtigkeit widerfahren kann, dass sie erst dann wirklich gleich und frei sind, wenn nicht nur das Patriarchat, sondern genauso Homophobie, Rassismus und jede Form gesellschaftlicher Ausgrenzung der Vergangenheit angehören.

Intersektionalität rockt!

Bei dieser Oscar-Verleihung war nämlich nicht nur die dramatisch niedrige Frauenquote ein Problem. Schwarze Menschen kamen so gut wie gar nicht vor. Lediglich 7 % aller Nominierten waren nicht Weiß. Im Vergleich dazu waren Frauen einfach knallermäßig repräsentiert.

Wir lösen kein gesellschaftliches Ausgrenzungsproblem, indem wir andere Diskriminierungen kleinreden oder ihnen gar die Grundlage entziehen. Eigentlich verstehen wir gesellschaftliche Ausgrenzung sogar erst dann, wenn wir das gesamte Bild betrachten. Deshalb: Unser Kampf gegen Ungerechtigkeit ist nicht exklusiv für Frauen.

Ich stehe nicht in einer Schlange, bei der Jede*r mal drankommt. Ich bin Teil einer großen, inklusiven Gruppe, die gesellschaftliche Machtsysteme kritisiert und aufbrechen will. Davon sollen Frauen, LGTB*, People of Colour und schlussendlich alle Menschen profitieren.

Und wieso war Patricia Arquette trotzdem mein Höhepunkt?

Ich feiere Patricia Arquette trotzdem. Denn durch sie hat dieser Abend einen progressiven Touch bekommen. Durch sie wurde ein gesellschaftlich relevantes Thema angesprochen. Und durch sie stehen wir vor einer Kontroverse, die unseren Feminismen guttut.

[Anmerkung Blog-Team: Editiert am 25.02.2015]

Ein Paar Worte über...

Terry Reintke
Terry Reintke

Europabegeisterte Queerfeministin, die seit vielen Jahren Grüne Politik macht. Seit 2014 auch im Europäischen Parlament. Gelsenkirchen.

4 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar
  • Ich bin ein bisschen verwirrt.

    Du schreibst “Nur durch [Patricia Arquette] wurde überhaupt irgendein gesellschaftlich relevantes Thema angesprochen. ”

    Was ist mit der Rede von Graham Moore, Gewinner für das beste adaptierte Drehbuch, der auf der Bühne erzählte, dass er als Sechzehnjähriger versucht hat, sich umzubringen, weil er das Gefühl hatte, nicht dazu zu gehören. Der an junge Menschen, die sich von der Gesellschaft ausgestoßen fühlen, appellierte, nicht zu verzweifeln und sich nicht verbiegen zu lassen.

    Ist der Kampf gegen Konformitätsdruck und Depression nicht gesellschaftlich relevant?

    Laura Poitras, Gewinnerin des Oscars für den besten Dokumentarfilm, sagte “The disclosures that Edward Snowden reveals don’t only expose a threat to our privacy but to our democracy itself. When the most important decisions being made affecting all of us are made in secret, we lose our ability to check the powers that control.”

    Ist der Kampf gegen staatliche Überwachung nicht gesellschaftlich relevant?

    John legend, Gewinner für den Oscar für den besten Song, verwies darauf “There are more black men under correctional control today than there were under slavery in 1850”.

    Der Kampf gegen ein Justizsystem, das schwarze Menschen überproportional kriminalisiert, ist der nicht auch gesellschaftlich relevant?

    Wie gesagt, ich bin ein bisschen verwirrt, aber vielleicht kannst du mir erklären, warum du diese wichtigen politischen Themen einfach so ignorierst.

    • Danke für dein Feedback!

      Nach unserer Debatte habe ich den Text dahingehend schon verändert. Natürlich gab es andere gesellschaftlich relevante Diskussionen und Beiträge. Danke für deine Ergänzungen.

      Es war unsauber formuliert, denn es ging mir nicht um die Einzigartigkeit ihres Beitrags (was du zurecht kritisierst!), sondern um die diskursive Kraft, die er trotz der berechtigten Kritik entwickelt.

      Darin finde ich ihn schon einzigartig und aus einer feministischen Perspektive entsteht dadurch eine Kontroverse, die absolut zentral ist.

      Das war der Punkt, den ich machen wollte.

  • Liebe Terry,
    danke für deinen Text. Ich bin bei der Passage “We have fought for everybody elses equal rights and now it is our time…” auch skeptisch geworden. Ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass sie das auf US-Entwicklungspolitik bezogen hat, da sprach sie zumindest kurz vorher in einem Halbsatz von. Dann klingt das für mich eher so, als würde sie die Scheinheiligkeit kritisieren mit der die USA und us-amerikanische NGOs gleiche Rechte überall auf der Welt einfordern und fördern, aber im eigenen Land nicht zu Potte kommen. Aber bei dem kurzen Statement, wäre das eine weit gedeutete Lesart. Es kann auch einfach eine unachtsame Formulierung sein oder wirklich ein Ausblenden von Intersektionalität. Deswegen danke, dass du den Faden aufgegriffen, ihr Statement aber nicht total nieder gemacht hast (wie dies in manchen Blogs ja gerade passiert).
    Liebe queerfeministische Grüße, Mareike

    • Liebe Mareike,

      danke für dein Feedback. Ich finde, die Debatte darum zu führen, trotzdem wertvoll. Ob sie mit ihrer Aussage diese Lesart meinte oder nicht, ist dabei erstmal nicht der zentrale Punkt.

      Sie hat mit ihrer Aussage nämlich definitiv etwas sehr positives bewirkt – nämlich eine Debatte darüber, wie sie das eigentlich gemeint hat und was das bedeutet, zu starten.

      Liebstes,

      Terry

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Copyright © 2014 Grün-ist-Lila. Impressum & Datenschutz