Geschlechtsneutraler Arbeitsschutz ist eine Mär

Der Arbeitsschutz in Deutschland ist männlich. Auch, wenn er das qua Gesetz gar nicht sein dürfte. Denn nach § 4 Nr. 8 des Arbeitsschutzgesetzes dürfen Arbeitsschutzvorschriften nicht grundsätzlich nach dem biologischen Geschlecht differenzieren, sondern müssen geschlechtsneutral sein.

Doch „Geschlechtsneutralität“ ist natürlich eine Mär. Sie unterstellt Objektivität und ist damit meilenweit entfernt von den persönlichen und sachlichen Bedingungen für gesunde Arbeit. Eine Neutralität dieser Art gibt es nicht und hat es nie gegeben. Stattdessen orientieren sich die Gesundheitsförderung und der Arbeitsschutz unausgesprochen bis heute am „männlichen „Normalarbeitnehmer“.

Das heißt, Maßstab für Entscheidungen im Arbeitsschutz sind seine männliche biologische Konstitution, sein männliches Rollenverständnis, seine Zeitwahrnehmung und Zeitnutzung, seine Wertüberzeugungen von dem, was „richtig“ und „gut“ ist und daher auch seine persönlichen, beruflichen und sozialen Bedürfnisse. Frauen bleiben da mit ihren Wahrnehmungen, ihren Bedürfnissen und ihren Verhaltensweisen auf Belastungen völlig außen vor.

Frauenarbeit hat innerhalb unserer Gesellschaft ein niedriges Prestige. Sie wird noch immer als leichte Arbeit ohne Belastungen angesehen. Als Beweis dafür wird gerne die höhere Lebenserwartung von Frauen angegeben. Außerdem haben Frauen deutlich weniger Unfälle und Berufskrankheiten als Männer. Diese Zahlen gelten als Indikatoren für ungefährliche und wenig belastende Arbeitsplätze.
Die tatsächlichen Risiken an typischen Frauenarbeitsplätzen werden von den meist männlichen Aufsichtspersonen des Arbeitsschutzes verharmlost oder übersehen. Arbeitsbedingte Erkrankungen von Frauen, wie zum Beispiel Venenleiden, Kniearthrose, Blasenleiden oder Menstruationsbeschwerden durch langes Stehen während der Arbeit, sind durch die gesetzliche Unfallversicherung nicht abgesichert.

Der Arbeitsschutz in Deutschland muss endlich realisieren: Es ist unmöglich ein geschlechtsneutrales Leben zu führen. Statistiken belegen, dass Frauen immer noch vorwiegend auf typischen Frauenarbeitsplätzen arbeiten. Das betrifft vor allem die Dienstleistungsbranchen. Außerdem sind Frauen häufiger im Niedriglohnsektor und in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt als Männer. Hinzu kommt: Nach wie vor kümmern sich mehr Frauen als Männer neben der Arbeit noch um Kinder, Haushalt und pflegebedürftige Angehörige. Zeitwahrnehmung und Zeitnutzung unterscheiden sich daher völlig von denen der Männer. Frauen und Männer haben sehr unterschiedliche Arbeits- und Lebensbedingungen und sind daher auch ganz unterschiedlichen Gesundheitsgefährdungen ausgesetzt.

Dabei leiden sowohl Frauen als auch Männer insbesondere unter arbeitsbedingtem Stress. Stress ist kein Frauenproblem. Aber der Stress von Frauen ist anders als der von Männern. Im gesamten Dienstleistungssektor sind sie viel stärker psychomentalen und sozialen Belastungen beim Umgang mit Menschen ausgesetzt. Besondere Stressfaktoren für Frauen sind außerdem Diskriminierung und sexuelle Belästigung durch Männer am Arbeitsplatz.

Die unterschiedlichen Gesundheitsgefahren für Frauen und Männer, die durch das Arbeitsleben und durch die Sorgearbeit verursacht werden, müssen endlich im Arbeits- und Gesundheitsschutz gesehen und berücksichtigt werden. Vor allem die Aufsichtspersonen im Arbeitsschutz, aber auch betriebliche Akteure und Interessenvertretungen müssen dafür stärker sensibilisiert werden. Denn der Arbeits- und Gesundheitsschutz darf nicht so männlich bleiben, wie er heute noch ist.

Ein Paar Worte über...

Beate Müller-Gemmeke
Beate Müller-Gemmeke

Ist Mitglied im Deutschen Bundestag, Sprecherin für ArbeitnehmerInnenrechte der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Sie ist außerdem Sprecherin von GewerkschaftsGrün.

2 Kommentare

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  • Ein paar Fragen zu Ihren Ausführungen:

    Wen meinen Sie mit “Aufsichtspersonen des Arbeitsschutzes”?

    § 4 ArbSchG wendet sich an die Arbeitgeber. Möchten Sie sagen, dass Arbeitgeber “Arbeitsschutzvorschriften” aufstellen? Den Begriff “geschlechtsneutral finde ich im § 4 nicht.

    Sie monieren, dass die gesetzliche Unfallversicherung z.B. Venenleiden nicht absichert. Wer bestimmt denn Ihrer Meinung nach, was eine Berufskrankheit ist (und damit unter die Leistungen des SGB VII fällt)?

    Wo (in welcher Arbeitsschutzvorschrift) steht geschrieben, dass ein durchschnittlicher Beschäftigter männlich ist, eine männliche Rolle lebt und männliche Werte vertritt (was auch immer das heißen mag)?

    Wie soll sich eine weibliche Zeitwahrnehmung in den Regelungen zum Arbeitsschutz niederschlagen?

    Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist eines Wissens ein Oberbegriff verschiedener Straftatsbestände aus dem StGB. Wäre das nicht Aufgabe der Staatsanwaltschaft?

    Fragen eines Mannes, der sich in den letzten 15 Monaten intensiv mit dem Arbeitsschutzrecht auseinandergesetzt hat.

  • Super, vielen Dank Frau Müller-Gemmeke! Sie treffen genau die Punkte. Und auch hier gilt wieder das Wort von Ulrich Beck zur modernen Haltung zu Geschlechterfragen, das der “verbalen Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre”.

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