Die Zeit der Schmetterlinge – Zeit, NEIN zu sagen gegen Gewalt an Frauen

Am 25. November 1960 wurden die Widerstandskämpferinnen Minerva, María Teresa und Patria Mirabal durch den Geheimdienst der Dominikanischen Republik ermordet. Die drei Schwestern, auch bekannt als „Las Mariposas“, die Schmetterlinge, versuchten mit der Oppositionsbewegung „14 de Junio“ den Militärdiktator Rafael Leónidas Trujillo zu stürzen. Obwohl sie mehrmals inhaftiert, gefoltert und vergewaltigt wurden, gaben sie nicht nach, verrieten nie ihre Verbündeten. Trujillo ließ die drei Frauen schließlich entführen und ermorden. Ein Autounfall, so versuchte man es in den Zeitungen zu verkaufen. Doch die dominikanische Öffentlichkeit ließ sich nicht täuschen: Kurze Zeit später kam es endlich zur Revolution. Las Mariposas wurden posthum zu Nationalheldinnen.

Zu Ehren der Mirabal-Schwestern rufen Menschenrechtsorganisationen weltweit heute zum 34. Mal zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen auf. 1981 initiierte eine Gruppe lateinamerikanischer Feminist*innen den Gedenk- und Aktionstag, der mittlerweile sogar von den Vereinten Nationen mitgetragen wird. Die US-amerikanische Autorin Julia Álvarez widmete den Schwestern Mirabal einen Roman, der mehrfach verfilmt wurde: „Die Zeit der Schmetterlinge“.

Gewalt gegen Frauen erfährt selten so hohe Aufmerksamkeit wie im Fall der „Mariposas“. Es ist ein schwieriges, ein unangenehmes Thema, das gern aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt wird. Laut einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) vom März 2014 hat jede dritte Frau in der EU bereits körperliche oder sexualisierte Gewalt erfahren. Jede*r von uns dürfte also Frauen kennen, die geschlagen, vergewaltigt, sexuell belästigt, gestalkt, genötigt, zur Prostitution gezwungen, beschnitten, zwangsverheiratet oder ermordet wurden. Laut der erwähnten EU-Studie melden 67 Prozent der Frauen, die schwerwiegendste Gewaltvorfälle innerhalb einer Partnerschaft erlebt haben, dies nicht der Polizei oder einer anderen Organisation. Ich kenne mehrere Frauen, die vergewaltigt wurden. Mehrere, die geschlagen wurden. Keine von ihnen hat den Täter jemals angezeigt.

Meist geht die Gewalt nicht, wie bei den „Mariposas“, vom Staat aus, meist sind es auch keine Unbekannten auf der Straße oder im Wald. Es sind Väter, Partner, Freunde oder Verwandte. Personen aus dem vertrauten Umfeld. Gerade diese Nähe zum Gewalttäter verhindert in vielen Fällen von häuslicher oder sexualisierter Gewalt, dass die Opfer sich überhaupt trauen, mit jemandem darüber zu sprechen, was ihnen passiert ist. Sie haben Angst, dass man ihnen nicht glaubt, dass sie sich rechtfertigen müssen, es nicht beweisen können, dass sie ihre Familie oder Partnerschaft zerstören.

Aktionen wie die Slutwalks, #aufschrei, #ichhabnichtangezeigt oder der aktuelle Protest gegen die gewaltverherrlichenden „Pick-up-Artists“ geben da einen Funken Hoffnung. Zum Einen, weil sexualisierte Gewalt hier endlich mal öffentlich thematisiert wird und zuweilen sogar auf der Agenda der größeren Medien landet. Zum anderen, und das ist noch viel wichtiger, weil hier Aufklärung über Vergewaltigungsmythen stattfindet. Ein kurzes Kleid ist keine Aufforderung. Eine betrunkene Frau ist nicht selbst schuld, weil sie „auffordernd gelacht“ hat. Sexuelle Belästigung hat mit Flirten nichts zu tun. Da geht es um Macht, nicht um Sexualität. Die meisten Opfer erstatten keine Anzeige. Vielleicht – hoffentlich – konnten die verschiedenen Proteste auch dazu beitragen, dass Opfer von Vergewaltigung und sexueller Belästigung sich eher jemandem anvertrauen und dass ihre Vertrauensperson ihnen Glauben und Empathie schenkt, anstatt die Tat zu relativieren. Denn, die Schuld liegt niemals beim Opfer.

Viele Mädchen bekommen beigebracht, nicht zu laut zu sein, nicht nein zu sagen; zu ertragen, was ihnen nicht passt. Das sei höflich. Diese Erziehung, kombiniert mit dem aktuellen Paragraph zu Vergewaltigung (§ 177 StGB), spielt den Tätern in die Hände. Aktuell ist es nämlich so, dass der entgegenstehende Wille des Opfers nicht ausreicht, um den Tatbestand der Vergewaltigung zu begründen. Es reicht auch nicht, wenn das Opfer nein sagt, vor Schreck erstarrt oder weint. Bei widerstandsunfähigen Opfern, etwa aufgrund einer Behinderung, fällt das Strafmaß sogar noch geringer aus – weil hier ja keine Gewalt nötig ist. Diese opferfeindliche Gesetzeslage ist ein absoluter Hohn und muss sich unbedingt ändern. Es muss auch flächendeckend die Möglichkeit geschaffen werden, nach einer Vergewaltigung anonym und ohne Anzeigeerstattung Spuren sichern zu lassen, die später vor Gericht verwertbar sind.

Immerhin hat sich Bundesjustizminister Heiko Maas auf der Konferenz der Justizminister*innen Anfang November dazu durchgerungen, eine Reform des Sexualstrafrechts zuzusagen. Angeblich will er die sogenannte Istanbul-Konvention, nach der alle nicht einvernehmlichen sexuellen Handlungen zu bestrafen sind, endlich ratifizieren. Ich glaube das allerdings erst, wenn es soweit ist.

Andere Formen von Gewalt gegen Frauen stehen noch viel seltener im Fokus des öffentlichen Interesses als Vergewaltigung. Häusliche Gewalt ist aber keine Privatsache. Stalking ist kein Kavaliersdelikt. Genitale Verstümmelung von Frauen ist eine Menschenrechtsverletzung. Lasst uns versuchen, ein öffentliches Bewusstsein dafür zu schaffen und gemeinsam NEIN zu sagen gegen Gewalt an Frauen.

 

Anmerkung Blog-Team: Editiert am 25.11.14 um 15:55

Ein Paar Worte über...

Julia Dittmann
Julia Dittmann

Queerfeministische Aktivistin und Literaturwissenschaftlerin. Julia arbeitet in der Pressestelle des Grünen Bundesvorstands.

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