Toleranz ist die falsche Utopie

Toleranz: ein Begriff, der immer wieder auftaucht, im Zusammenhang mit Religionen, Weltanschauungen und Lebensentwürfen, Sexualität, Behinderungen und Menschen, die nicht aussehen, wie Biodeutsche. Die ARD veranstaltet derzeit eine ganze Woche zu diesem Thema. Bereits im Vorfeld ist das Konzept an einigen Stellen umstritten, hier eine Stellungnahme der ARD. Gleichzeitig widmet auch die Süddeutsche Zeitung dem Thema ein eigenes Rechercheprojekt.
Toleranz tritt als etwas Positives auf, in Abgrenzung zu Intoleranz. Aber nicht nur das: Toleranz wird auch als Gegenstück zu Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung verkauft – und hier liegt der Denkfehler.

Toleranz hat nichts mit geschätzter Vielfalt zu tun, nichts mit einer offenen Gesellschaft, nichts mit gelebter Pluralität, Respekt und Akzeptanz. Im Gegenteil, das Wort Toleranz kommt von lateinischen „tolerare“, „ertragen“, „erdulden“, „aushalten“. Toleranz impliziert, dass es eine allgemein akzeptierte Norm gäbe und dass es Abweichungen davon gäbe, die von den Mitgliedern der Gesellschaft ertragen werden müssen. Toleranz reduziert Menschen auf das, was sie von der Norm unterscheidet. Menschen, die im Laufe ihres Lebens auf einmal ein solches, nicht der Norm entsprechendes, Merkmal hinzugewinnen, merken dies besonders deutlich.

Beispiel: Zunächst sind sie einfach Frau X oder Herr Y, von manchen Menschen gemocht, von anderen nicht, aus unterschiedlichen Gründen. Dann ist da auf einmal Frau X, die nach einem Autounfall körperlich sehr eingeschränkt ist und froh sein kann, dass sie immer noch Teil der Gesellschaft sein darf, obwohl es ihren Mitmenschen immer wieder Toleranz abverlangt, geduldig zu warten, bis sie mit ihrem Rollstuhl vor ihnen aus der U-Bahn gekommen ist. Oder da ist dann Herr Y, der Mitte 40 ein Coming-out als bisexueller Mann hatte, aber dennoch von Bekannten weiterhin auch als fairer Sportler, fleißiger Facharbeiter und guter Vater gesehen wird. Letzteres wird von nun an jedoch extra betont.

So impliziert Toleranz, dass der oder die Tolerierte dankbar sein müsste, trotz seines oder ihres zu tolerierenden Merkmals nicht völlig ausgegrenzt, sondern großzügig von der normgerechten Mehrheit erduldet oder gar angenommen und akzeptiert, zu werden. Wer tolerant ist, signalisiert dabei auch, dass er oder sie sich von dem zu tolerierenden Attribut distanziert. Toleranz weist daher auch immer auf ein ungleiches Mächteverhältnis hin, wobei jene, die der Norm entsprechen, sich über die anderen stellen und somit vermeintlich die Machtposition inne haben. All dies bedeutet, dass Toleranz an sich bereits Ausgrenzung beinhaltet.

Toleranz ist zwar besser als Intoleranz aber auch nicht viel mehr. Medien und Meinungsführende sollten damit aufhören, diesen Begriff und das was er bedeutet als große Errungenschaft unserer Gesellschaft zu loben oder als erstrebenswertes Ziel hochzuhalten. Sie sollten mehr wollen und weiter gehen, denn eine tolerante Welt ist die falsche Utopie. Nach Ausgrenzung, Diskriminierung und Intoleranz dürfen wir nicht bei Toleranz stehen bleiben. Ziel muss es sein, eine Gesellschaft zu kreieren, in der alle Menschen einen Platz haben, ungeachtet irgendwelcher Merkmale, die als Makel angesehen werden. Es wird Zeit, den nächsten Schritt zu gehen, hin zu Respekt jeden Individuums, zu selbstverständlicher Akzeptanz aller und zu kompromissloser rechtlicher Gleichstellung. Erst wenn Toleranz überflüssig ist, ist diese Gesellschaft das, wofür sie sich jetzt schon lobt: offen, vielfältig und vorurteilsfrei.

Ein Paar Worte über...

Johanna Braun
Johanna Braun

Setzt sich für Chancengerechtigkeit und Menschenrechte ein und spielt begeistert American Football.

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