Die Hälfte der Macht – auch den Mädchen

Zum Dritten Internationalen Mädchentag am 11. Oktober 2014

Mädchen sind anders – Jungs auch? Zumindest werden Mädchen bis heute weltweit benachteiligt. Seit 2012 gibt es deshalb den internationalen Mädchentag der Vereinten Nationen. Man hat erkannt, dass explizite Mädchenpolitik ein wichtiger Baustein ist, um die Milleniumsziele und eine weltweite Verbesserung der Situation von Frauen und Mädchen zu erreichen. Allem voran ist Bildungspolitik gleich Mädchenpolitik, denn in vielen Ländern dieser Welt ist die Alphabetisierungsrate von Frauen und Mädchen wesentlich geringer, als die von Männern. Frauen gehen kürzer zur Schule und leisten in viel höherem Maße ab dem Kindesalter unentgeltliche Care-Arbeit. Die Folge sind eine schlechtere wirtschaftliche Stellung und das Fehlen von Wissen und Ressourcen für Empowerment.

Nachhaltige Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit nimmt deshalb die Mädchen und ihre Situation in den Blick, um den Anspruch an Chancen- und sozialer Gerechtigkeit tatsächlich einlösen zu können.

Trotzdem ist Mädchenpolitik ein Nischenthema. Meist treten die Belange von Mädchen hinter einer vermeintlich geschlechtsneutralen Jugendpolitik zurück oder sie werden „mitgemeint“, wenn es um die Lebenslagen von Frauen geht. Mädchen sind aber mehr als die „Frauen von morgen“. Sie haben ihre eigenen Sorgen und Nöte, Interessen und Bedürfnisse.

Gender Mainstreaming muss, um seine volle Wirkung erzielen zu können, schon früh anfangen. Damit ist nicht Gleichmacherei gemeint, sondern ein Aufbrechen von einem festgefahrenen Bild wie Mädchen zu sein haben und was sie zu interessieren hat. Nur so können sie mit einer Selbstverständlichkeit emanzipierte Entscheidungen für ihr Leben treffen. Denn die mutigen und selbstbewussten Mädchen werden zu mutigen und selbstbewussten Frauen heranwachsen, die ihren gleichwertigen Platz in dieser Gesellschaft einfordern.

Wieso ist Mädchenpolitik auch in Deutschland wichtig?

Politische Maßnahmen und politisches Handeln sind nie geschlechtslos. Das trifft selbstverständlich und vielleicht sogar in besonderem Maße für Kinder- und Jugendpolitik zu. Es ist gar nicht so lange her, dass auch in Deutschland noch eine deutliche Bildungslücke zwischen den Geschlechtern herrschte. Auch heute noch ist die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen geprägt von Rollenzuschreibungen und Rollenerwartungen. Allein in den Medien werden Mädchen tagtäglich damit konfrontiert, „was Mädchen so machen“. Insbesondere in der Werbung werden Geschlechterklischees nahezu gebetsmühlenartig reproduziert. Dabei braucht es Mädchen, die es nicht als gegeben sehen, dass aus ihrem Überraschungsei eine Glitzerfee kommt und die Pom-Bären mit „Wild Paprika“-Geschmack leider den Jungs vorbehalten sind, im Gegensatz zu „Sweet Paprika“. Und es braucht Räume, in denen Mädchen sich und ihre Fähigkeiten ausprobieren können – unabhängig davon, ob es um Fußball und Automechanik oder um Ballett und Kosmetik geht.

Ein gutes Beispiel, bei dem dieser Zusammenhang begriffen wurde, sind die MINT-Fächer, für die Mädchen heute gezielt gefördert werden, um ihr Selbstvertrauen zu stärken sich für Ausbildung oder Studium in einem männerdominierten Bereich zu entscheiden. Eine ähnliche Zielsetzung hat der Girls’Day, an dem Mädchen gezielt Einblick in „Männerberufe“ bekommen. Allerdings werden solche Projekte nur dann nachhaltig etwas am Berufswahlverhalten von Mädchen ändern, wenn Genderaspekte selbstverständlich Teil von Unterrichtsgestaltung sind und Unternehmenskulturen sich ändern. Wir GRÜNE wollen deshalb, dass der Girls’Day nicht nur ein Tagesausflug bleibt, sondern sich zu einem Bildungsprojekt weiterentwickelt.

Mädchenräume für Mädchenträume

Mädchen machen heute die besseren Bildungsabschlüsse und scheinbar stehen ihnen alle Türen offen. Doch zu oft geht es weniger um das, was sich die Mädchen selbst für ihre Zukunft vorstellen, sondern darum, was die Gesellschaft alles von ihnen erwartet. Sie sollen schön, schlau, erfolgreich und liebevoll für die Familie sorgend sein. Um aber ihren Bedürfnissen und Sorgen einen Raum zu geben, braucht es spezielle Mädchenräume und -projekte. Dafür gibt es schon schöne Beispiele: In Nordrhein-Westfalen finden Mädchen diese Räume in Mädchenzentren wie sie sich in Köln oder Gelsenkirchen etabliert haben. Im Handwerkerinnenhaus werden sie ermutigt handwerkliche Projekte in umzusetzen. Mädchen in besonderen Notlagen brauchen aber auch Zufluchtsstätten, wo sie Unterkunft, aber vor allem auch Beratung und Begleitung finden. Bislang gibt es in NRW mit dem Mädchenhaus in Bielefeld nur eine solche spezielle Zufluchtsstätte für Mädchen. Mindestens eine Zweite wäre in einem Land von der Größe NRWs absolut angebracht.

Mädchen müssen ermutigt werden, sich für ihre eigenen Belange einzusetzen. Sie sind Expertinnen in eigener Sache und haben etwas zu sagen. Beispielsweise bei der Mittelverteilung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Viel zu oft bleiben die speziellen Interessen von Mädchen unberücksichtigt. Eine Gender-Budgeting-Analyse unter Einbeziehung von Mädchen kann helfen, ungleiche Mittelverteilungen aufzudecken und Potentiale zu heben. Das wäre zum Beispiel beim Kinder- und Jugendförderplans des Landes NRW möglich.

#dayofthegirl    #IDG2014

Ein Paar Worte über...

Josefine Paul und Sophie Karow
Josefine Paul und Sophie Karow

Sophie Karow ist frauenpolitische Sprecherin der Grünen NRW. Josefine Paul ist frauenpolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion NRW.

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