Tausend Kreuze in die Spree – Warum wir die AfD nicht als “eurokritisch” verharmlosen sollten

Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung - Demo-Poster 2014

Poster Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung für Kundgebung 2014

Bei dem sogenannten ‚Marsch für das Leben‘ [früher ‘1000 Kreuze für das Leben’] in Berlin demonstrieren jährlich immer mehr Menschen für ein Abtreibungsverbot und gegen das Selbstbestimmungsrecht der Frauen. Es sind vor allem evangelikale Gruppen, die die Demonstration organisieren und bewerben [mehr zu den Evangelikalen und ihrem wachsenden Einfluss zeigt eine ARD-Doku, nach deren Ausstrahlung der Sender mit einem Shit-Storm überzogen wurde]. Unterstützt werden sie dabei von ganz oben – und damit ist keine überirdische Macht gemeint, sondern die Grußworte der letzten Jahre von Bundesminister*innen und anderen Unionspolitiker*innen sowie Kirchenoberen. Dieser Marsch für Intoleranz hat beispielsweise auch 2010 organisatorische Unterstützung der Katholischen Kirche in Berlin erhalten.
Dieser Angriff auf Frauenrechte kann von uns nicht länger ignoriert werden. Die selbsternannten ‚Lebenschützer‘ versuchen auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen Einfluss zu nehmen, zuletzt durch die europäische Petition „One of Us“, die europaweit 1,7 Millionen Unterschriften sammelte. Die Petition richtet sich unter anderem gegen die EU-Förderung von Entwicklungshilfe-Projekten, die auch Hilfe bei Schwangerschaftsabbrüchen beinhalten. Neu und besonders besorgniserregend ist in diesem Zusammenhang der politische Einfluss durch das Erstarken der AfD. Zum sogenannten Bündnis für das Leben gehört beispielsweise Beatrix von Storchs „Zivile Koalition e.V.“, welche wiederum den deutschen Teil der „One of Us“-Petition mitorganisierte. Und Beatrix von Storch ist eben diese AfD-Frau, die seit Neustem im Europäischen Parlament sitzt und dort auch noch Mitglied im Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter.

Dazu passen auch die krassen Aussagen der Sprecherin des AfD-Bundesverbandes und mittlerweile sächsischen Abgeordneten Frauke Petry kurz vor der Sachsen-Wahl. Sie regt einen Volksentscheid zur Verschärfung des sogenannten Abtreibungsparagrafen im Strafgesetzbuch (§ 218) an. Es könnte ein Weg sein für mehr Kinder in Deutschland. Wenn gleichzeitig verschärfte Einwanderungspolitik angemahnt wird, dann wundert dieser Satz von ihr auch nicht mehr: „Die deutsche Politik hat eine Eigenverantwortung, das Überleben des eigenen Volkes, der eigenen Nation sicherzustellen.“ Die rechte Ecke rollte den roten Teppich aus.

Der Kampf für ein restriktive Gesetzgebung für Schwangerschaftsabbrüche ist dabei nur die Spitze des Eisberges der erzkonservativen Gesellschaftspolitik der AfD. Kampfbegriffe wie „Homolobby” oder „Genderismuswahn“ finden bei den Mitgliedern der AfD gerne Verwendung. Es ist dann auch wenig überraschend, dass diese Alternative für Intoleranz sich aktiv gegen Gender-Mainstreaming einsetzt. Die Junge Alternative ist auch vor einigen Monaten mit ihrer Facebook-Kampagne zum Thema „Warum sie keinen Feminismus brauchen“ aufgefallen. Und auch bei uns im Blog schrieb Maximilian Bierbaum bereits, wie er öffentlich von der Jungen Alternative als “schmächtiger Schüler, der im Internet mit seiner Homosexualität kokettiert” angeganen wurde.

Die Unterstützung von Spam-Kampagnen gegen progressive Abgeordnete und von homophoben Protesten, etwa zum Bildungsplan in Baden-Württemberg, und vieles mehr zeigt, dass es sich hier nicht um „Einzelfälle“ bzw. Einzelmeinungen von AfD-Mitgliedern handelt. Wie Andreas Kemper in „Keimzelle der Nation? – Familien- und geschlechterpolitische Positionen der AfD“ bereits im April 2014 schrieb:

„Es ist nicht ausgeschlossen, dass die AfD zusätzlich zur Euro-Kritik und der Positionierung als „Anti-Parteien-Partei“ einen dezidiert antifeministischen dritten Schwerpunkt ausbaut: Die radikale Kritik an jeder Form vom Gleichstellungspolitik, von der AfD als ‚Genderismus‘ diffamiert, könnte zum dritten Markenzeichen der Partei avancieren.“

Mit der AfD vertreten im Europäischen Parlament und seit neustem in drei Landtagen, lässt es mich schaudern, wenn ich daran denke, wie viel größer die antifeministische und homophone Kampagnenfähigkeit in Deutschland werden wird. Deshalb regt es mich unsagbar doll auf, wenn (beispielsweise in der Tagesschau) von der „eurokritischen AfD“ gesprochen wird.

Augen auf, die wollen mehr als den Euro abschaffen – die wollen den erzkonservativen Roll-Back politisch durchbringen. Sie wollen die deutsche Tea-Party werden und ihre Vorstellung von hetero-normativer Drei-Kind-Familie und klassischen Geschlechterrollen in die Parlamente bringen.

Die AfD auf Eurokritik zu reduzieren ist nicht nur falsch, sondern auch fahrlässig in der Auseinandersetzung. Den gesellschaftlichen Vorstellungen der AfD müssen wir als Feminist*innen entschieden entgegentreten und auch an unserer eigenen Kampagnenfähigkeit gemeinsam arbeiten. Sogenannte ‚Märsche für das Leben‘ müssen wir ernst nehmen, bevor die ‚Quartalsirren‘ noch mehr Einfluss in unseren Parlamenten erringen.


Wir sehen uns am 20. September 2014 in Berlin zur Kundgebung »Leben und lieben ohne Bevormundung« am Brandenburger Tor. Organisiert vom Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung.

Ein Paar Worte über...

Friederike Schwebler
Friederike Schwebler

Angry #Feminist; #Atheist; bi & für mehr #Bivisibility; neurodivergent; BewegtBild-Nerd; beruflich #SocialMedia-Erklärtante vom Dienst, im Netz oft unter @frikasch zu finden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Copyright © 2014 Grün-ist-Lila. Impressum & Datenschutz