Königinnenwege in der Wissenschaft – Open minded für Genderforschung

Die gute Nachricht in Sachen Gleichstellung ist: Wer heute über einen deutschen Campus läuft, begegnet ungefähr gleich vielen Studentinnen wie Studenten. Wer in die Seminare und Hörsäle schnuppert, findet in manchen Fächern immer noch mehr Studenten, in anderen Fakultäten sind es weit mehr Studentinnen. Aber wir sehen in Bibliotheken, Mensen und an den Zahlen der Hochschulabschlüsse, dass in der Studierendenschaft beide Geschlechter nahezu gleich verteilt sind.

Die schlechte Nachricht ist: Trotzdem kann von Chancengleichheit im Wissenschafts- und Forschungsbetrieb noch immer nicht die Rede sein.

Von der gläsernen Decke im Wissenschaftsbetrieb

Zwar beruft sich die Wissenschaft auf die Freiheit ihrer Arbeit und ein auf Leistung basiertes Verständnis, doch Fakt ist, dass eine statistische Diskriminierung von Frauen an Hochschulen besteht. Mit steigender Qualifikation nimmt der Frauenanteil ab, wie das Statistische Bundesamt erst dieses Jahr wieder bestätigt. Das Kollegium an deutschen Hochschulen ist auch heute nach gut 100 Jahren, seit die ersten Frauen in der universitären Lehre und Forschung ihren Platz erstritten, mit 80 % noch immer eine Männerbastion. Und da der Wissenschaftsbetrieb sich nicht zentrifugal im Labor gendern oder mit Teilchenbeschleunigern voran bringen lässt, kommen Universitäten hier nur im Schneckentempo weiter. So erreichen wir bis zum Ende des 21. Jahrhunderts definitiv keine Geschlechtergerechtigkeit und Parität bei den LehrstuhlinhaberInnen.

Und die berühmte gläserne Decke? Ja, die gibt es auch an deutschen Universitäten und Fachhochschulen. Während der Anteil von Frauen an den Promovierenden 2011 schon bei rund 45 Prozent liegt, liegt er bei den Habilitierenden bei nur noch 26 Prozent. Dass das für die Wissenschaft nicht gut ist – selbstredend. Aber vor allem mit der Qualität der Arbeit hat es nichts zu tun. Wissenschaftlerinnen beklagen mehr als ihre männlichen Kollegen das unsichere Arbeitsumfeld an den Hochschulen, Befristungen mit Vertragslaufzeiten oft unter einem Jahr und den Konkurrenzkampf um die wenigen Professuren. Auch bekommen sie seltener als ihre Kollegen einen unbefristeten Arbeitsvertrag (siehe Metz-Göckel et al. 2009). Aufgrund ihres „Frauseins“ und ihrer damit verbundenen „potentiellen Mutterrolle“ wird unterstellt, den Anforderungen an die Wissenschaft langfristig nicht nachkommen zu können (siehe Metz-Göckel et al. 2009). Solange man doch lieber „auf Nummer sicher“ geht, vornehmlich Männer fördert und Frauen immer noch weiter tradierte Rollen zuschreibt, verpasst die Hochschullandschaft den Anschluss an die Zukunft. Frauen kehren ihr dann den Rücken. Darunter leidet die Innovationskraft der Wissenschaft, die viele der von ihr gepriesenen „klügsten Köpfe“ verliert.

Für ein verbindliches Kaskadenmodell

Die Wissenschaftspolitik hat auf dieses Problem lange Zeit nicht reagiert. Immerhin: 2008 legte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit ihren „Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards“ ein erstes und ernstzunehmendes Modell zur Verbesserung der ungleichen Karrierechancen von Männern und Frauen in der Wissenschaft vor. Mit den Gleichstellungsstandards verpflichtete die DFG die Hochschulen zur Berichterstattung über den Frauenanteil am Hochschulpersonal sowie auf die Ausarbeitung von Gleichstellungsstrategien. Konkret schlägt die DFG das sogenannte Kaskadenmodell vor. Demnach ergeben sich die Ziele für den Frauenanteil auf einer wissenschaftlichen Karrierestufe jeweils durch den Anteil der Frauen der direkt darunter gelegenen Stufe. Sind 50 Prozent der Promovierenden Frauen, muss für die nächsthöhere Qualifikationsstufe der Habilitierenden ein Zielwert von ebenfalls 50 Prozent bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erreicht werden.

Ähnliche, jedoch noch unverbindliche Ziele gelten aufgrund eines Beschlusses der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) seit November 2011 für die außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Das ist auch dringend nötig: Betrachtet man die deutschen Forschungseinrichtungen, so sieht man, dass nur magere 3,8 Prozent Frauen bei der Leibniz-Gemeinschaft und noch nicht überzeugende 19,4 Prozent Frauen bei der Max-Planck-Gesellschaft die Führungsebene erreichen.

Wir Grüne fordern im ersten Schritt ein verbindliches Kaskadenmodell für Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Dazu gehören vor allem positive finanzielle Anreize. Erfüllen die Hochschulen die Zielquoten nicht, muss dies auch finanzielle Konsequenzen haben. Außerdem sollten der Bund und die Länder bei den anstehenden Neuverhandlungen ihrer gemeinsamen Wissenschaftsprogramme, wie des Pakts für Forschung und Innovation, der Exzellenzinitiative und des Hochschulpakts, die Hochschulen und Forschungseinrichtungen an gleichstellungspolitische Ziele binden. Es wäre darüber hinaus nur konsequent, auch innerhalb der projektbezogenen Forschungsförderung des Bundes und der Ressortforschung der Bundes- und Landesministerien die verbindliche Einhaltung von Gleichstellungsstandards zum Bestandteil der Förderungen zu machen. Hochschulen und Forschungseinrichtungen brauchen zudem dringend Familienfreundlichkeit als Leitbild. Sowohl junge Mütter als auch junge Väter sollen auch im Wissenschaftsbetrieb endlich in die Lage versetzt werden, Kind und wissenschaftliche Karriere miteinander vereinbaren zu können.

Genderforschung: Raus aus dem Nischendasein!

Wo sind all die Frauen hin? Diese Frage stellt sich nicht nur beim „Zählen“ von Professorinnen und Post-Doktorandinnen. Unterrepräsentiert sind auch bestimmte Forschungsperspektiven, wie beispielweise feministische und queere Themen, in der Forschung. Die Genderforschung und damit die Frage über die soziale Dimension von Geschlecht, fristet an deutschen Hochschulen noch immer ein Nischendasein. Zu wenige Wissenschaftlerinnen in der Forschung bedeuten auch einen Mangel an feministischen Perspektiven auf die Lösung gesellschaftlicher, ökologischer und ökonomischer Herausforderungen. Vielfalt ist auch in der Forschung der KönigInnenweg. Dass dies manchen nicht passt, zeigen zunehmende Angriffe im Netz auf Wissenschaftlerinnen aus der Geschlechterforschung.

Forschung ohne Gender-Perspektive ist jedoch defizitär. Daher fordern wir Grünen von der Bundesregierung, in den forschungsbezogenen Rahmenprogrammen sowie in der High-Tech-Strategie Genderperspektiven systematisch zu verankern. Das bedeutet auch: Nicht nur „Gender“ draufschreiben, sondern überprüfen, ob „Gender“ drinsteckt.

Ein Hinweis zum Schluss

Wichtig ist, beide Forderungen – die nach mehr Wissenschaftlerinnen und die nach mehr Genderforschung – nicht einfach in einen Topf zu werfen und „umzurühren“. Mit mehr Frauen in der Wissenschaft nimmt der Fokus auf feministische Perspektiven an Hochschulen und Forschungseinrichtungen nicht automatisch zu. Und wer annimmt, es sei ein Automatismus und nur die Aufgabe der Wissenschaftlerinnen, nach Genderaspekten zu fragen, liegt falsch. Für die Zukunft gilt: Eine wirkliche Vielfalt haben wir dann, wenn alle – Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – paritätisch und auf Augenhöhe forschen und lehren und dabei gender-bezogene, feministische und queere Fragestellungen selbstverständlich in ihre Forschungsvorhaben integrieren.

Ein Paar Worte über...

Kai Gehring und Ulle Schauws
Kai Gehring und Ulle Schauws

Kai Gehring, MdB, ist Sprecher für Hochschule, Wissenschaft und Forschung der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag
Ulle Schauws, MdB, ist Sprecherin für Frauenpolitik der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag

Ein Kommentar

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  • Ich verstehe einfach nicht wie die Masse, die Genderforschung immer noch so leugnen kann. Es ist schon längst bewiesen, dass es mehr wie 16 verschiedene Geschlechter gibt. Desweiteren geht aus wissenschaftlichen Berichten hervor, dass Frauen ein wesentlich leistungsfähigeres Gehirn haben wie Männer. Zum Glück gibt es noch Internetseiten wie diese! Weiter so Grün ist Lila Team.

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