Wem gehört mein Körper?

Wir befinden uns zurzeit in einer erbitterten Debatte um Sexarbeit, ausgelöst durch den Appell in der EMMA, Prostitution zu verbieten. Ich war eine der ersten, die den „Gegenappell“ des Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen unterzeichnet hat. Der wichtigste Grund für meine Unterschrift war, dass Alice Schwarzer die Rechte der Sexarbeiter*innen – allen voran das Recht auf Selbstbestimmung und auf ihren eigenen Körper – mit Füßen tritt.

„Mein Körper gehört mir!“ Das war und ist ein feministischer Schlachtruf, vor allem wenn es um das Recht auf Abtreibung geht, wenn es um das Recht geht, „Nein“ beim Sex zu sagen. Aber was tut Alice Schwarzer nun mit ihrem Appell? Sie tut genau das, was sie Männern jahrzehntelang vorwarf und immer noch vorwirft – Frauen zu Objekten zu machen. Denn sie macht die in diesem Beruf Arbeitenden zu Objekten, sie redet ÜBER sie, aber nicht MIT ihnen. Alice Schwarzer spricht Sexarbeiter*innen damit das Recht ab, „Mein Körper gehört mir!“ zu sagen. Juanita Henning von Doña Carmen nennt das „Bevormundungs-Feminismus“.

Im EMMA- Appell werden alle Frauen und Männer, die diesen Beruf ausüben, ohne Ausnahme zu Opfern gemacht. Das ist entwürdigend und diskriminierend. Alice Schwarzer behauptet, dass Prostitution auf Ausbeutung beruht und es nicht mit der Menschenwürde vereinbar sein kann, wenn ein Mensch einen anderen kaufen kann. Das sehe ich völlig anders. Denn Sexarbeiter*innen sagen: Nicht ich als Person werde gekauft, sondern eine Dienstleistung, die ich erbringe. Diese Dienstleistung erbringe ich freiwillig – was ist daran Ausbeutung? Warum ist die Menschenwürde hier gefährdet? Nur weil diejenigen, die Prostitution ablehnen, ein Problem mit Intimität haben? Sexarbeit ist kein Beruf wie jeder andere – denn dazu ist er zu intim. Aber viele Sexarbeiter*innen arbeiten selbstbestimmt, gerne und voller Würde. Noch einmal: Ihnen die Würde abzusprechen ist paternalistisch und diskriminierend.

Nun wird von den Kritiker*innen immer wieder behauptet, es sei die Pflicht des Staates, Sexarbeiter*innen vor sich selbst zu schützen – weil sie zu schwach seien, dies selbst zu tun. Ähnlich wie Drogenabhängige und Kinder. Was ist das bloß für eine krude Sichtweise? Da wird Menschen, die wieder und wieder darlegen, dass sie frei und selbstbestimmt mit ihrem Körper umgehen – weil er ihnen, und nur ihnen! – gehört, Schwäche und Schutzbedürftigkeit unterstellt. Daher gibt es nur eine logische Schlussfolgerung in dieser ganzen unseligen Debatte: Wir brauchen Bedingungen in unserem Land, die Sexarbeiter*innen bei ihrer Berufsausübung unterstützen. Wir brauchen eine Beteiligung von Sexarbeiter*innen an allen politischen Prozessen, die sich mit dem Thema Sexarbeit befassen. Wir brauchen den Status der freien Berufe für selbständig arbeitende Sexarbeiter*innen. Wir brauchen Runde Tische mit allen Beteiligten statt Zwang und Verbot. Wir brauchen staatlich geförderte Beratungen wie auch Weiterbildungsangebote für Sexarbeiter*innen. Wir brauchen Kampagnen gegen Stigmatisierung und für einen respektvollen Umgang mit Sexarbeiter*innen. Wir brauchen auch Bleiberecht, Entschädigungen und umfassende Unterstützung für Betroffene von Menschenhandel.

Was wir NICHT brauchen, sind die Pläne der Großen Koalition, die erhebliche Repressalien nach sich ziehen werden. Was wir NICHT brauchen, sind Menschen, die Sexarbeiter*innen das Recht absprechen, für sich zu entscheiden, was sie mit ihrem Körper machen – denn sie sagen, „Mein Körper gehört mir!“

 

Ein Paar Worte über...

Stefanie von Berg
Stefanie von Berg

Grüne Frauen- und Gleichstellungspolitik in Hamburg: Frauenquote, Mädchenförderung, Gewalt an Frauen, Anonymisierte Bewerbungsverfahren, Prostitution.

20 Kommentare

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  • Selbstverständlich ist Prostitution kapitalistische Selbstverwertung – und deshalb Teil des Problems. Das gilt aber für _jede_ Art der Prostitution, nicht nur die der Sexarbeiter*innen. Zum Beispiel auch für lohnschreibende EMMA-Redakteurinnen*.

  • „Juanita Henning von Doña Carmen nennt das „Bevormundungs-Feminismus“.“

    Ich nenne das blanken reaktionären Chauvinismus. Mit Feminismus hat das nichts zu tun.

  • Liebe Damen,

    ich bin Sexarbeiterin, habe aber auch mit dem Titel Prostituierte oder sogar Nutte kein Problem. Mein Problem ist nicht meine Arbeit, sondern wie die Gesellschaft damit umgeht.
    Die Behauptungen, die immer wieder laut werden, es gäbe nur eine ganz kleine Gruppe von Sexarbeiter*innen, die das freiwillig und selbstbestimmt machen, sind nicht mit Zahlen zu belegen. Und doch haben viele Menschen exakt dies Bild vor Augen, wenn sie an unsere Arbeit denken.
    Wie kommt so etwas?
    1. Freiwilligkeit wird für unsere Berufssparte anders bewertet als für andere berufliche Tätigkeiten. Während es für einen Paketpacker in einem großen Versandhandel ausreicht, dass man leider keinen anderen Job mit guten Arbeitsbedingungen und vertretbarem Lohn gefunden hat und ja von irgendwas leben muss, gilt für die Sexarbeitsbranche als Freiwillig nur eine Person, die eindeutig jeden Morgen freudestrahlend in ihr Bordell geht und auch dort den ganzen Tag singend und jauchenzend ihrer Tätigkeit nachgeht.
    2. Ist es für die meisten Menschen nicht möglich unsere Arbeit losgelöst von eigenen Emotionen zu sehen. Über Sex wird ja leider in unserer Gesellschaft nicht offen geredet und somit ist nicht vorstellbar, dass andere Menschen komplett andere Empfindungen beim Sex haben, ja sogar ohne Probleme in der Lage sind Liebe und Sex voneinander zu trennen – und sogar Sex als Dienstleistung anbieten können ohne dabei irgendeinen seelischen Schaden zu erleiden.
    3. Auch sehr weltoffene Menschen haben interessanterweise oft sehr wertkonservative moralische Ansichten. Dass das klassische Modell der Ehe eigentlich nicht mehr zeitgemäß ist, wagt kaum jemand zu denken. Wenn man sich die hohen Scheidungsraten anschaut wundert es mich zumindest schon wieso immer noch das Leben mit dem EINEN Partner als Ideal angestrebt wird und mit so vielen Sehnsüchten verbunden ist. Ich will nicht gegen diese Beziehungsform wettern, denn die bewährt sich für vielen Menschen, aber eben für viele auch nicht. Salonfähige Alternativen gibt es nicht in unserer Gesellschaft. Und an dieser Schieflage rütteln wir Sexarbeiterinnen, denn alleine dadurch, dass wir unsere Dienstleistung anbieten, stellen wir das klassische Beziehungsmodell in Frage. Es ist eben einfacher mit uns und der Sache umzugehen, wenn man uns zu Opfern erklärt, denn dann muss man uns nur retten, und alles ist wieder gut.
    4. Es besteht ja die Vorstellung, dass alle unsere Kunden stinken, fett, ekelig und brutal sind. Es ist natürlich schwer vorstellbar, dass wir mit exakt diesen Menschen freiwillig Intimkontakt haben. Dass unser Kunden aber die lieben Ehemänner sind, die sich bei uns anders verhalten als Zuhause, nämlich sich ordnungsgemäß waschen, ihre Sachen fein ordentlich zusammenlegen und höflich sagen, was sie denn wünschen, kommt in den Denkmustern nicht vor.
    Ja, es gibt auch anstrengende Kunden, aber mit denen können wir professionell umgehen, denn das ist die Minderzahl und gleicht sich somit wieder aus.

    Gruß,
    Johanna Weber

  • Liebe Frau von Berg,

    vielen Dank für Ihren Beitrag, den ich voll unterschreibe. Ich verstehe nicht, wie man sich heutzutage und in Zeiten, in denen nach und nach überall sexuelle und reproduktive Rechte von Frauen wieder eingeschränkt werden, auch noch für ein Prostitutionsverbot einsetzen kann. Es liegt doch völlig auf der Hand, dass egal ob halb- oder Komplettverbot, ein Verbot die Stigmatisierung der Prostituierten erhöhen wird und Gewalt gegen sie legitimieren wird.

    Auch die Kommentare hier oben, die teilweise Sexarbeiter*innen mit einem angeblichen Minderheitenstatus diskreditieren wollen, flößen mir Angst ein. Erstens sind Sexarbeiter*innen keine Minderheit unter Sexarbeiter*innen sondern – selbst wenn sie das wären: Seit wann ist das ein Grund Minderheiten auszuschließen und zu diskreditieren? Wo sind wir denn hier?

    Der Körper der Sexarbeiterin gehört ausschließlich der Sexarbeiterin selber (bleiben wir mal beim Klischee, es seien nur Frauen). Ich halte es für völlig unfeministisch, den Staat (und manchmal sogar die Polizei) zu beauftragen, diese Frauen stärker zu kontrollieren und überwachen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, in welcher feministischen Welt der Staat und die Polizei nicht per se und schon grundsätzliche Herrschaftsinstrumente des sogenannten Patriarchats sind. Eigentlich müsste doch jede Feministin dafür kämpfen, Sexarbeiter*innen aus diesem willkürlichen Zugriff des Staates zu entziehen. Die alten Abolitionistinnen haben ja auch genau das gefordert, während heute der “Abolitionismus” pervertiert wird und sogar schon die Zwangsmaßnahmen der CDU mit Verweis auf die “Abolition” unterstützt werden.

    Ich verstehe nicht, dass Frauen nicht verstehen, wie sie Sexarbeiter*innen unterdrücken und entmündigen, wenn sie ständig für sie sprechen wollen und sie dem Gewaltmonopol des Staates schutzlos ausliefern wollen.

    Ich vermute, dass diese Frauen das Problem nicht verstehen, weil sie davon ausgehen, dass sie selber nie Prostituierte sein werden und sie deshalb nie von der polizeilichen Kontrolle und Überwachung ihrer weiblichen Körper betroffen sein werden. Bei häuslicher Gewalt oder Vergewaltigung würden die Kritiker*innen hier oben doch nie im Leben ein unkontrolliertes Zugriffsrecht der Polizei fordern oder ein verbot von Ehe, Partnerschaft oder anderer Situationen, in denen Gewalt vorkommt. Und schon gar nicht “zum Schutz der Frauen” – die übrigens neueste Floskel, die letztendlich aber nur Bevormundung und Unterdrückung fördert. Vielleicht wird demnächst ein nächtliches Ausgehverbot verhängt, damit Frauen nachts nicht vergewaltigt werden – zu ihrem Schutz.

    • Liebe Sonia D.,
      danke für die Rückmeldung. Es freut mich, dass Sie genau auf den Punkt bringen, was das eigentliche Problem ist – und was eben nicht.
      Herzliche Grüße,
      Stefanie v. Berg

  • Frau von Berg,
    wo finde ich unter den Frauenbeauftragten der Gruenen, Frauen, die sich FÜR ein Prostitutionsverbot aussprechen ?
    gibt es diese denn gar nicht ?
    Ihre Antworten auf meinen Kommentar sind kalt und ohne jegliches Mitgefuehl fuer die vielen Prostituierten, die aus wirtschaftlicher Not heraus ihren Koerper verkaufen muessen und damit irreversiblen Schaden an Leib und Seele nehmen.
    Das kann man doch mit wissenschaftlichen Auswertungen nicht bagatellisieren !
    Ich moechte darauf hinweisen, dass gerade ein Riesenbordell in Saarbruecken eroeffnet wurde, (überwiegend junge Rumäninnen und Bulgarinnen) um die Freier aus Frankreich abzugreifen, dort wird mit sogenannten Flatrates geworben und nur einige CDU-Frauen und Femen-Aktivistinnen haben dagegen protestiert !

    WO BLEIBEN DIE GRUENEN STIMMEN ?
    WER ENTSCHEIDET BEI DEN GRUENEN, WIE SICH ZU DIESEM THEMA POSITIONIERT WIRD ? Das kann so nicht weitergehen !!

    rebellische Gruesse
    Ursula Hundrich

    • Glücklicherweise sprechen sich in der Tat nicht viele Menschen hierzulande für ein Prostititionsverbot aus, da dies (siehe mein Kommentar weiter unten) exakt niemandem in der Branche irgendeinen Nutzen bringt.

      Welche Relevanz in diesem Zusammenhang ein neuer Club in Saarbrücken haben soll, ist mir nicht ganz klar – natürlich zieht der Kunden aus Frankreich an, und? In allen anderen Branchen sind wir stolz auf einen guten Wirtschaftsstandort. Woher wissen Sie, welche Altersstruktur und welche Nationalitäten die dortigen Kolleginnen haben? Haben Sie mit den Frauen dort gesprochen? Haben Sie sie nach deren Abrechnungsmodell gefragt? Meines Wissens nach bietet die Paradise-Kette explizit keine Pauschal-Abrechnung für Sexdienstleistungen an, aber vielleicht verfügen Sie über Insiderinformationen, die einer einfachen Sexarbeiterin unzugänglich sind?

      Nur nebenbei zu den Kolleginnen, die eine Flatrate-Abrechnung der Tagesmiete in einem Laufhaus oder einer Terminwohnung oder der stundenweisen Mietabgabe in anderen Bordellen vorziehen: Was ist falsch an einem festen Tageshonorar? Warum sollen sich Sexarbeiterinnen Ihrer Meinung nach nicht dafür entscheiden dürfen, keine eigene Aquise machen zu müssen oder in einer Umgebung zu arbeiten, in der weniger Konkurrenzdruck herrscht? Wievielen Frauen, die in Pauschalclubs oder bei Gruppensexparties arbeiten, kennen Sie persönlich? Auf welcher Grundlage glauben sie besser zu wissen, was gut für uns ist als wir selbst?

      Das einzige, was man Pauschalclubs vorwerfen kann, ist geschmacklose Werbung. Mangelnder Stil ist zum Glück keine Straftat. Werbung hat in der Sexarbeit mit dem, was dann dort tatsächlich passiert, genauso wenig zu tun wie die Beliebtheit beim anderen Geschlecht durch das richtige Deo oder die Zuneigung Ihrer Kinder durch den Kauf der optimalen Süßigkeiten.

      Wenn es Sie wirklich interessiert, wie Sexarbeit funktioniert und was wir brauchen, hören Sie Sexarbeiterinnen zu.

      • Also ich finde es erlich gesagt eine schande !! Warum soll man den bitte das älteste gewerbe der welt verbieten ? das gabs schon als die Neandertaler noch in höhlen gelebt haben !! ich sage nicht das Prostitution schön ist und das kann ich auch wegen meines alters (ich bin 15) nicht sagen aber solange die Frauen und Männer das FREIWILLIG tun und nicht AUSGEBEUTET werden und sich dabei ´´wohlfühlen´´ können sie doch machen WAS SIE WOLLEN !! ich finde nur man sollte zwangsprostitution und ausbeutung in diesem“Berufszweig´´ härter bestrafen und das nicht nur in deutschland oder europa sondern auf der ganzen welt !!!!!

    • Liebe Ursula!
      Liebe Grüne Männer und Frauen!

      Ich vertrete momentan bei Bündnis 90/Die Grünen eine Minderheitsposition. Mir geht es genauso wenig wie Alice Schwarzer um ein Verbot der Prostitution, oder etwa eine Stigmatisierung oder Diskriminierung von Prostituierten. Alice fordert ja die Nachahmung des schwedischen Modells, dass nicht die Prostitution, sondern die Nachfrage danach unter Strafe stellt.

      Es geht also um das Verhalten der sogenannten Kunden. Hier muss meiner Ansicht nach ein Nachdenken und Umlernen stattfinden. Deswegen rufe ich:

      Lasst uns träumen!

      Angesichts der Diskussion um eine Reform des Prostitutionsgesetzes und die Einführung eines Prostitutionsstättengesetzes lasst uns unsere Träume nicht begraben.

      Überlegungen, wie der Schutz und die Situation von Prostituierten verbessert werden können, sind wichtig, auch wenn man zu anderen Schlüssen kommen kann wie aktuell unsere Grüne Bundestagsfraktion.

      Doch vergessen wir unsere Träume nicht:

      Ich träume von einer Welt, in der das wirtschaftliche Ungleichgewicht so abgebaut ist, dass arme Frauen sich nicht mehr genötigt sehen, sich Männern mit dicken Geldbeuteln feilzubieten (oder auch umgekehrt).

      Ich träume von einer Welt, in der alles, was sich erwachsene Menschen in gegenseitigem Einverständnis schenken wollen, seinen Platz hat, in der Sexualität aber nicht mehr als ein Bedürfnis verstanden wird, dessen mann sich in einer sogenannten „Verrichtungsbox“, welche hoffentlich über einen funktionierenden Alarmknopf für die Prostituierte verfügt, entledigt, sondern als eine Gabe, die sich erst im Zusammenspiel mit der oder dem Andern entfaltet.

      Ich träume von einer Welt, in der das angeblich älteste Gewerbe der Welt ausstirbt, einfach deswegen, weil es keine Nachfrage mehr nach dieser Dienstleistung gibt.

      Kämpfen wir für eine Bewusstseinsveränderung und fangen wir bei den jungen Männern (und Frauen), den Schülern (und Schülerinnen) von heute, damit an.

      • und ich träume von einer welt in der politiker endlich mal die warheit sagen und sich nicht von ihrer partei beeinflussen lassen!

  • Sexuelle Freiheit ist ein wertvolles Gut und kann auf keinem Fall kapitalistisch verhandelbare Ware werden.. Wie schön wäre es, wenn die Prostituierten auf ihrem eigenen Körper verfügen könnten! Leider ist es nicht der Fall, sondern Männer, die sich als Kunden, Beschützer oder Vermieter ausgeben (und auch in einigen Fällen Frauen) verfügen auf die Körper der Frauen und verweigern ihnen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Die freiwilligen Prostituierten sind eine ganz kleine Minderheit aber diese Minderheit ist laut und gibt den Ton an. Sie ermöglichen die kapitalistische Verwertung ihrer Körperöffnungen und verharmlosen diese sexistische Gewalt, sodass sie gesellschaftlich akzeptiert wird. Weil sie sich vor den Auswirkungen dieser Gewalt besser schützen können als Andere nehmen sie billigend in Kauf, dass unzähligen Frauen und Mädchen ein ungeheuren Leid zugefügt wird. Das ist zynisch und grausam.Die Familien aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn wissen, wenn sie ein Mädchen nach Deutschland in die Prostitution schicken, dann bekommen sie ein psychisches und physisches Wrack zurück. Sie wissen es und sie tun es, weil es ein mögliches Geschäft ist in Deutschland. Weil es in Deutschland legal ist, weil sie sich nicht strafbar machen, weil es ein Geschäftsmodell ist. Und es ist das einzige Geschäftsmodell, das sie haben.

    • Ich bin seit zwanzig Jahren als Sexarbeiterin tätig. Ich habe mit rund tausend Frauen, Männern und Transmenschen eng zusammengearbeitet, ein mehrfaches dieser Zahl kenne ich flüchtig. Die Behauptung, selbstbestimmte Sexarbeiterinnen seien eine Minderheit und Gewalt die Regel, ist schlicht und ergreifend frei erfunden.

      Woher haben Sie ihre Zahlen? Wieviele Sexarbeiterinnen kennen Sie persönlich? Auf welcher Grundlage argumentieren Sie sonst?

      Es gibt einen Unterschied zwischen Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Richtig ist, dass für viele von uns Sexarbeit kein Traumjob ist, sondern die beste der vorhandenen Alternativen. Wenn Sie diesen Kolleginnen helfen wollen, dann setzen Sie sich dafür ein, dass weitere, bessere Alternativen geschaffen werden, nicht dafür, dass die beste vorhandene Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen, verboten wird. Wie zynisch ist es denn, einem Menschen in wirtschaftlicher Not den Job wegzunehmen, der ihm oder ihr das Überleben sichert, nur weil der nicht in Ihr sauberes Weltbild passt?

      Gäbe es soziale Gerechtigkeit in Europa, wären vermutlich weniger Menschen in der Sexarbeit tätig. Das käme sowohl denen zugute, die ihren Lebenunterhalt lieber anderweitig verdienen würden als auch denen, die nach wie vor in der Sexarbeit bleiben wollen (und auch die gibt es reichlich). Von einem Verbot hat dagegen niemand etwas. Übrigens auch die wenigen tatsächlich von krimineller Gewalt Betroffenen nicht, denn die dazugehörigen Täter scheren sich offensichtlich bereits jetzt nicht um die Gesetzgebung.

  • Ich gehörte zu den grünen “Urwählern” seit dem es die Grünen/Liste gibt. Seit 1993 habe ich kein Kreuz mehr bei den Grünen gesetzt. Warum? Weil Ihr die Frauen so hinhängt. Damals sind die grünen Frauen nach vorne gegangen mit dem Spruch “Alles ist Arbeit. Sex ist Arbeit.”. Oder wie es heute heißt “Dienstleistung”. Warum diskutiert niemand mehr, daß Prostitution ein Ausdruck für die sexuelle Unterdrückung aller Frauen sein könnte? Dieser Gedanke kam übrigens 1993 in einem halben Nebensatz in einem grünen Statement auf. Danach nie wieder. Warum eigentlich? Gibt es unter den grünen Wählern so viele Puffgänger? Oder gibt es so viele Frauen ( Männer, Inter- und Transgender, etc.) bei den Grünen, die glauben, dass Geld als Heilmittel alle Wünsche in der Konsumgesellschaft erfüllen kann? Hauptsache, es geschieht im Sinne der grünen Wirtschaft einvernehmlich, ohne negative ökologische und soziale Folgen? Na, wenn Ihr Euch da mal nicht täuscht.
    Für das “Recht auf meinem Körper” sage ich Ja. Als individuelles Recht. Als Individuum in der Gesellschaft gerät mein Verständnis von “Recht haben” ins Wanken, wenn andere Menschen durch mein Handeln negative Folgen spüren. Dazu fällt mir ein: die sexuelle Verfügbarkeit von Frauen, die strukturelle und sexuelle Ungerechtigkeit in der Gesellschaft und, ganz wichtig, wir haben kein! gleichwertiges Sex-Angebot für Frauen. Irgendwie komisch, im Kapitalismus, wo alles zu Kohle gemacht wird. Angeblich.
    Dass die Frauen, ob Hure oder No-Pay-Sex-Lady, die Nummer mit dem Opfer (gibt es auch Opferinnen?) nicht mehr hören können, kann ich verstehen. Aber völlig unreflektiert und ahistorisch argumentiert unter dem Motto “Mein Körper gehört mir” dem vergeschlechtlichen Erwerbszweig Prostitution Tür und Tor zu öffnen, halte ich für naiv. Und für sexistisch.

    • Sehr geehrte Frau Kaspari,
      ich will auch hier nur auf ausgewählte Aspekte eingehen – denn die Argumente wiederholen sich.
      Sie schreiben: “Dazu fällt mir ein: die sexuelle Verfügbarkeit von Frauen, die strukturelle und sexuelle Ungerechtigkeit in der Gesellschaft und, ganz wichtig, wir haben kein! gleichwertiges Sex-Angebot für Frauen.”

      Segmente wie SM-Studios und Tantramassagen werden in den letzten Jahren zunehmend auch von Frauen in Anspruch genommen. Und wie stehen Sie zu Mann-Männlicher Prostitution? Eine Verbesserung gesellschaftlichen Akzeptanz aller Geschlechter als Anbieter und Nachfragende sexueller Dienstleistungen im Sinne von mehr Geschlechtergerechtigkeit halte ich tatsächlich für ertrebenswert.

      Derzeit nehmen mehr Frauen als Männer therapeutische Hilfe in Anspruch. Ist das ein Grund, Therapien als Zementierung einer Geschlechterungleichheit zu verbieten, oder vielleicht eher ein Grund, an einer Gesellschaft zu arbeiten, in der sich auch zunehmend Männer mit ihrer emotionalen Entwicklung beschäftigen?

      Freundliche Grüße,
      Stefanie v. Berg

  • Frau von Berg,
    ich verstehe Ihre Haltung zu Alice Schwarzer und EMMA ueberhaupt nicht und finde, dass Sie mit Ihrer Haltung komplett an dem Thema Prostitution vorbei schauen.
    Sie vertreten eine Minderheit von freiwilligen Sexarbeitern !
    Bei dem Verbot der Prostitution geht es letztendlich um die vielen unfreiwilligen und unterdrueckten Prostituierten und den zunehmenden Frauenhandel, der durch das liberale Gesetz der SPD mit den Grünen zur Prostitution extrem zugenommen hat. Das ist doch inzwischen eindeutig bewiesen und bekannt !
    Wie koennen sie all diese Frauen ignorieren nur weil Sie offensichtlich mit Alice Schwarzer als Person ein Problem haben !
    Sie als gruene Beauftragte fuer Frauen und Gleichstellungspolitik sollten sich komplett auf die Seite der Unterdrueckten stellen und sich nicht fuer eine verschwindende Minderheit stark machen.
    Das finde ich als gruene Frau und Feministin nur beschaemend.
    Sogar Terre de Femme hat sich endlich eindeutig zu diesem Thema positioniert !
    Die Wahrheit ist, dass Sie mit Ihrer Haltung Zuhaeltern, Bordellbesitzern und Menschenhaendlern zuarbeiten ! Ich finde das unertraeglich !
    Ich bin dankbar, dass Alice Schwarzer unermuedlich dieses Thema weiter verfolgt und sich nicht von Frauen wie Ihnen in solch einer wichtiger gesellschaftlicher Verantwortung als gruene Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte entmutigen laesst.
    mit empoerten Gruessen
    Ursula Hundrich

    • Sehr geehrte Frau Hundrich,
      ich will nur auf einzelne Aspekte eingehen.
      Sie sagen “Sie vertreten eine Minderheit von freiwilligen Sexarbeitern !”
      Dazu möchte ich Ihnen nur sagen: Es gibt keinerlei wissenschaftliche Erhebungen darüber, welcher Anteil an Sexworkern in Deutschland “freiwillig” arbeitet, wie auch immer man den freien Willen zu jedweder Form von Erbewrbstätigkeit in einem kapitalistischen System definieren mag. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass Sexarbeiter_innen eine geringere Arbeitszufriedenheit haben als Arbeitende in anderen niedrigschwellig und ohne formale Ausbildung auszuübenden Jobs, oder überhaupt als andere Erwerbstätige.
      Das wäre mal eine interessante Studie. Auch, welche Gründe etwaige Unzufriendenheit hat – inwiefern beispielsweise mangelnde Karrierechancen, Langeweile durch mangelnde Abwechslung oder gesellschaftliches Stigma Faktoren sind.

      http://feministire.wordpress.com/2011/11/13/what-is-a-representative-sex-worker/

      Sie schreiben: “Bei dem Verbot der Prostitution geht es letztendlich um die vielen unfreiwilligen und unterdrueckten Prostituierten und den zunehmenden Frauenhandel, der durch das liberale Gesetz der SPD mit den Grünen zur Prostitution extrem zugenommen hat. Das ist doch inzwischen eindeutig bewiesen und bekannt !”
      Dazu möchte ich Ihnen sagen: Es gibt keinerlei Belege für eine Zunahme von Gewalt und Menschenhandel in der Sexarbeit seit 2002. Dies hat die Bundesregierung auf mehrere Anfragen der Grünen bestätigt. Die Ermittlungszahlen des BKA liegen seit fünfzehn Jahren stagnierend bzw. fallend bei einigen hundert Opfern pro Jahr. Eine Dunkelfeldstudie existiert nicht und es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass sich das Dunkelfeld erhöht hätte.

      Es gibt schlechte Arbeitsbedingungen bis hin zu kriminellen Ausbeutungsverhältnissen in verschiedenen Branchen. Diesen Menschen muss geholfen werden, egal ob in der Sexarbeit, in der Landwirtschaft, in der Gastronomie oder in der Pflege.

      Ausbeutung und Gewalt sind bereits verboten, auch in der Sexarbeit.
      Jedes weitere Verbot beträfe ausschließlich dioe selbstbestimmt arbeitenden Sexworker.

      Freundliche Grüße,
      Stefanie v. Berg

  • Liebe Frau von Berg, vielen Dank für ihre Worte, denn jedes davon ist wahr.
    Eine Frage, die sich mir die ganze Zeit stellt ist, warum Sexarbeiter nicht in diesen Paragraphen eingegliedert werden, in dem auch andere Freiberufler*innen, die mit ihrem Körper arbeiten, verzeichnet sind: http://www.gesetze-im-internet.de/vermittvergv/BJNR243900002.html

    Wir haben schon alle Gesetze die wir brauchen, es scheint aber so, daß die eigenen Experten die eigenen Gesetze nicht kennen.

    Beste Grüße

    JdCJ

    • Liebe Frau da Costa José,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. Die anderen Kommentare haben ja einen völlig anderen Tenor.
      Herzliche Grüße,
      Stefanie v. Berg

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