Wir müssen mal reden!

Manche finden, Frauenpolitik sei irgendwie 70er Jahre. Wir sollten doch bitte aufhören, immer nur von Frauen zu reden. Das kann ich nicht mehr hören. Feminismus ist heute genauso aktuell und notwendig, wie in den 70’ern. Ich finde: Wir müssen mal reden!

…über Feminismus. Formal ist viel erreicht. Und doch: die uns allen bekannte Liste an Diskriminierungen gegenüber Frauen ist lang. Sie reicht von offensichtlichen Ungerechtigkeiten, wie den gravierenden Lohnunterschieden, über die viel zu oft verschwiegene Tatsache, dass noch immer jede dritte Frau in ihrem Leben Opfer von physischer und/oder sexualisierter Gewalt wird.

Diese Liste reicht bis hin zum alltäglichen Sexismus, mit dem Frauen immer wieder konfrontiert werden. Statt Empörung, gibt es die weit verbreitete Stimmung, die tönt, die Gleichberechtigung von Frauen sei doch irgendwie weitestgehend Realität. Ich finde, wir müssen mal reden, darüber, wie ungleichberechtigt diese Gesellschaft nach wie vor ist.

…über Frauen und Männer. Es wird gerne auf die vielen Männer verwiesen, die Elternzeit nehmen. Darauf, dass neue Männerrollen im Entstehen begriffen seien. Das stimmt. Aber nur weil ein paar mehr Männer zwei Monate in Elternzeit gehen, ist das noch lange keine partnerschaftliche Arbeitsaufteilung. Denn wenn es darum geht, wer letzten Endes die Arbeitszeit reduziert, um all die anfallende Familien- und Hausarbeit zu wuppen, sind es doch, egal wie modern und emanzipiert die Paare sich selbst sehen, oft die Frauen, die den Rückzieher bei Karriere und Beruf machen. Frauen riskieren damit ihre eigene finanzielle Absicherung. Und noch immer leisten Frauen den Großteil der Sorgearbeit. Wir sind von realer Gleichberechtigung meilenweit entfernt. Ich finde, wir müssen mal reden, über die Rollen von Frauen und Männern.

… über Grüne Frauenpolitik. Denn Grüne Politik muss sich selbst hinterfragen und hinterfragt werden. Was sind die neuen Themen und welche sind immer noch aktuell? Was sind die neuen Probleme und welche bestehen nach wie vor? Was sind die neuen Herangehensweisen? Was sind die nächsten Ziele Grüner Frauenpolitik? Darüber müssen wir mal reden.

… und es gibt eine Sache, bei der Reden nicht mehr reicht: Aktuell muss der Feminismus gegen ein drohendes gesellschaftliches Rollback verteidigt werden, das von Rechtspopulisten und Chauvinisten herbeigesehnt wird. Thilo Sarrazin, Matthias Matussek und Strömungen wie die AfD wollen feministische Errungenschaften zurückdrehen und Frauen zurück an den Herd schicken. Ich finde: Über chauvinistische und rechtspopulistische Angriffe auf den Feminismus müssen wir nicht mehr nur reden. Gegen diese Angriffe müssen wir kämpfen.

Warum starten wir dieses Blog?

Grüne Politik sollte davon leben, offen zu sein für Ideen von außen, für Standpunkte von Bewegungen und Anliegen von Bündnissen. Für die Grüne Frauenpolitik gilt das jedenfalls.

Auch in der feministischen Blog-Sphäre, gilt es nun Bündnisse zu schmieden. Von Mädchenmannschaft, über Kleinerdrei, Frau Dingens, ein Fremdwörterbuch, Frau Lila und viele weitere: Es gibt schon viele feministische Blogs, die unser Leben schöner machen. Aber noch kein Grünes.

Wir starten dieses Blog zum einen, um im Austausch mit feministischen Bewegungen und Aktivistinnen zu sein. Zum anderen, weil es bei uns Grünen eine große Gruppe an FeministInnen gibt, die im Netz unterwegs ist und einen Ort der Debatte braucht, an dem über aktuelle Tagesordnungspunkte hinaus diskutiert werden kann.

Grün ist Lila soll ein Ort sein, an dem wir Gedanken sortieren, Debatten anstoßen, uns auf Erreichtes besinnen und für die Zukunft wappnen. Wir wollen verschiedenen Gedanken und Meinungen eine Plattform geben und damit auch für die Reflexion grüner Positionen sorgen.

Wir laden alle FeministInnen ein, hier mit uns zu diskutieren. Denn wir müssen mal reden. Über Feminismus. Unsere Rechte. In jedem Lebensbereich. Über viel mehr als die aktuelle Realität. Und du bist keine ZuschauerIn. Du spielst die Hauptrolle.

Ein Paar Worte über...

Gesine Agena
Gesine Agena

Mitglied im Bundesvorstand und frauenpolitische Sprecherin von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

8 Kommentare

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  • liebe Gesine und Team,
    ich bin begeistert, dass es hier nun solch eine Plattform gibt. Gedanken niederschreiben, Erfahrungen austauschen, Ideen laut werden lassen, Visionen vorstellen…….. und und und. Da wird bestimmt etwas gutes draus. Ich freue mich auf viele Gedanken die zum Nachdenken anregen werden. 🙂

  • Hallo Gesine & Team,
    vielen Dank für diese Plattform – die feministische Grundhaltung unserer Partei war und ist neben anderen Themen, einer der ausschlaggebenden Gründe für meinen Beitritt vor einigen Jahren.
    Toll, dass hier eine moderne Plattform entsteht für feministische Themen, die uns alle bewegen.
    Mich bewegt aktuell die in unserer Partei sehr unterschiedlich geführte Diskussion zu Prostitution und die Haltungen, die hier “offiziell” nach außen getragen werden.
    Hier haben wir, nach meinem Dafürhalten, noch so Einiges an Diskussions- und Auseinandersetzungs-nachholbedarf.
    Der Schutz der Betroffenen, Schutz vor Gewalt, Missbrauch, Haltungen von Freiern, die allgemeine gesellschaftliche Haltung zu Menschen im System Prostitution müssen auf den Prüfstand; auch die lang überfällige Reform des rot-grünen Gesetzes; leider ist der Versuch, insbesondere Frauen in der Prostitution zu schützen, fehl geschlagen. Wir haben einen deutlichen Zuwachs von Zwangsprostitution, Menschenhandel, Prostitution in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen in Deutschland, mit nur sehr geringen Möglichkeiten Betroffenen in Not wirklich und nachhaltig zu helfen; bzw. extrem frauen- und menschenverachtende Situationen zu unterbinden. Hier gilt es auf sämtlichen gesellschaftlichen Ebenen in meinen Augen viel zu tun; in der AussteigerInnen Hilfe bspw., in psychotherapeutischen Angeboten der Traumahilfe bspw., Verhinderungskonzepten von Armutsprostitution, auch das HInterfragen der Freiermotive – bis hin zur gesellschaftlichen Ächtung der “Benutzung” von Frauen und Menschen allgemein….
    lg Heidi Terpoorten

  • Hallo Ihr Lieben,

    Ich finde das ne wunderbare Idee!
    Gerade weil ich selbst allein erziehende Mutter zweier kleiner Kinder bin.
    Ich würde gerne studieren, das ist mir aber so nicht möglich.
    Ich versuche nun bei den Grünen durch zu starten und hoffe dass ich dort auch gerade Weil ich Mutter bin, viel erreichen kann!

    Herzliche Grüße,

    Sannie

    PS… Gibts die Möglichkeit bei Euch mit zu bloggen?
    Ich könnte einiges aus Sicht einer jungen Mutter erzählen…!

  • Liebe Gesine!

    Hast du dich je gefragt, ob Gleichberechtigung bedeutet, dass alle dasselbe machen? Wenn ich dein Essay so lese, kommt mir dein Gedanke von Feminismus eher wie Gleichmacherei vor. Nur weil wir zu die exakt gleichen Recht haben, bedeutet das nicht, dass wir dasselbe tun müssen. Ich kann das ewig ausführen, aber das kannst du erstens genauso selbst (weil du ja nicht unintelligent bist) und zweitens habe ich keine Lust dazu, weil ich leider sehr oft die Erfahrung machen musste, dass Feministen kritischen Nachfragen gegenüber – selbst wenn sie intellektuell und zwischenmenschlich absolute Berechtigung haben – resolut reagieren.

    Dein Marc

    • Hallo Marc,

      Gleichberechtigung bedeutet nicht Gleichmacherei und kein*e Feminist*in möchte das. Gleichmacherei würde bedeuten, dass es eine Macht gibt, die die Menschen dazu erzieht, alle exakt dasselbe zu tun.
      Gleichberechtigung bedeutet, dass die Menschen dasselbe dürfen/dieselben Zugangschancen haben/es keine Diskriminierung gibt. Was die Individuen dann tun, ist ihnen überlassen!
      Für Elternzeit würde das bedeuten:
      Einige Menschen gehen lange in Elternzeit. Einige kurz. Einige gehen nicht arbeiten, einige Halbzeit, einige Vollzeit. Tatsächlich könnten die Statistiken von Frauen und Männern dann ähnlich aussehen. Und das würde daher kommen, dass tatsächlich jedes Individuum, unabhängig vom Geschlecht, entscheiden kann, was es tut!
      Wo ist da die Gleichmacherei?

      • Hallo Lena,
        natürlich wäre es möglich, das das Resultat von echter Gleichberechtigung ähnliche Statistiken bei der Elternzeit von Frauen und Männer sind. Das muss aber nicht zwingend so sein. Unterschiedliche Statistiken bei Männer und Frauen müssen eben nicht Resultat eines Mangel an Gleichberechtigung sein, sondern können auch einfach Ausdruck von im Durchschnitt unterschiedlichen Interessen sein.
        Nur wer davon ausgeht, das die Interessen von Männer und Frauen zumindest im Durchschnitt identisch sind, kann daher einen Mangel an Gleichberechtigung ausschließlich durch Statistiken belegen, die lediglich wiedergeben, wie häufig Männer und Frauen Elternzeit nehmen, wie hoch die durchschnittlichen Gehälter der Gruppen sind usw. Genau darin liegt aber die Gleichmacherei, dem Individuum wird zwar zugestanden, individuelle Interessen zu haben, aber im Mittel über die ganze Geschlechtsgruppe hat sich das gefälligst in Luft aufzulösen.

        Bevor man einen Mangel an Gleichberechtigung diagnostiziert, muss man daher auch schauen, wie die Interessen verteilt sind. Gleichberechtigung kann eben auch bei unterschiedlichen Statistiken erreicht sein, falls die durchschnittliche Interessenlage unterschiedlich ist. Umgekehrt kann es aber auch einen Mangel an Gleichberechtigung geben, selbst wenn die Statistiken von Männer und Frauen nahezu identisch aussehen, aber die Interessenlage unterschiedlich war.

        Aber auch wenn man das beachtet, wird man immer noch in vielen Bereichen große Probleme mit der Gleichberechtigung finden. Die Zahlen werden sich etwas verschieben und ein paar Bereichen möglicherweise weniger Eindrucksvoll, das Ganze wird schwerer verständlich. Aber dann ist es intellektuell sauber argumentiert und der Vorwurf der Gleichmacherei trifft dann eben nicht mehr zu.

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