Solidarität in #140 Zeichen

Feministinnen nutzen Sprache und seit einigen Jahren vor allem das Internet als Medium für Beiträge und Blogs zu Beispiel über Gewalt gegen Frauen. Das ist nicht neu. Neu war im letzten Jahr der Erfolg, mit dem unter dem Hashtag #Aufschrei explosionsartig eine Verbreitung von Erfahrungen vieler Frauen über alltäglichen und nicht alltäglichen Sexismus per Twitter stattfand.

Eine neue gesellschaftliche und mediale Debatte wurde auslöste, die bis heute an der Oberfläche sitzt, virulent ist und weitere Kreise zieht. Diese Tweets, die auch Erfahrungen über Gewalt und Entwürdigungen beschrieben, haben Dank des Mutes und der Offenheit vieler Frauen eine Sensibilisierung und letztlich auch einen Konsens darüber hervorgebracht, dass sexuelle Belästigung im Alltag nach wie vor ein drängendes Problem ist.

Aktuell solidarisieren und vernetzen sich Frauen in den USA nach dem Amok-Lauf eines bekennenden Frauenhassers, durch den Ende Mai in Santa Barbara sechs Menschen – Frauen und Männer – den Tod fanden und 13 weitere verletzt wurden. Im englischsprachigen Raum erreicht die Welle der Tweets von Frauen über eigene Gewalterlebnisse oder die gegen das weibliche Geschlecht mit #yesallwomen ebenfalls eine bislang neue Dimension. Die Kritik von Feministinnen richtet sich hier aber auch gegen den Vorstoß der Feminismus-Kritiker, die mit #notallmen den Versuch einer Relativierung von Gewalt gegen Frauen versuchen.

Daher sollten wir diese wichtige Debatte aufnehmen, denn immer noch gilt: Gewalt gegen Frauen hat System. Solange ein gesellschaftliches Klima besteht, in dem Gewaltpotentiale und Frauenhass als systemimmanente Bedrohung nicht ernst genommen und eine Diskussion dazu nicht „ausgehalten“ wird, bleibt sie umso wichtiger. Es geht also um die Definitionsmacht und wie wir diese für uns einnehmen.

Dass diese Debatte auf Gegenwind, auf Beleidigungen und möglicherweise auch Gewaltandrohungen im Netz stoßen wird bleibt trotz der Tatsache, dass dies nicht hinnehmbar ist, zu erwarten. Die Erfahrung machen Netzfeministinnen immer häufiger und erleben dies nicht anders als viele Feministinnen zuvor. Wie wichtig das Internet, soziale Netzwerke und (netz)feministische Blogs auf dem Weg hin zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft ist und bleiben wird, liegt auf der Hand.

Dass Frauen den virtuellen, digitalen Raum also feministisch füllen und als „Viele“ zu einer unüberhörbar lauten Stimme werden hat zur Folge, dass die Medien diese Botschaften aufgreifen – hier wie auch in den USA. Bei genauer Analyse ist es vor allem die Mischung aus Authentizität undSolidarität in maximal 140 Zeichen, mit denen es die Verfasserinnen glaubwürdig und eindrücklich schaffen, ihre Botschaft zu teilen und zu verbreiten.

Dass die politische Bühne hier andockt und die sozialen Netzwerke für Solidaritätsbekundungen mit Frauen nutzt, ist nachvollziehbar und nicht neu. Wo hierbei jedoch die Grenzen von Authentizität und Glaubwürdigkeit liegen, müssen die Retweeter*innen und Selfie-Verbreiter*innen selber wissen und verantworten. Ein krasses Beispiel hierfür ist die fast inflationäre Welle von Solidaritätsbekundungen und Foto-Aktionen zu #bringbackourgirls. Wenn damit die Frauengruppe der Unionsfraktion (in Gruppen-Pose abgebildet) für ihr Engagement gegen Gewalt an Frauen wirbt, ist das schon bizarr. Die furchtbare, seit Jahren anhaltende und fortdauernde Gewalt gegen Frauen und die Entführung der Mädchen in Nigeria durch Boko Haram ist eine schwere Menschenrechtsverletzung. Und genau deshalb ist klar, dass sich die gezeigte Solidarität nicht ausschließlich in einer Twittermeldung, Soli-Gruß plus Selfie erschöpfen darf, sondern weitere politische Handlungsebenen nach sich ziehen muss. Politiker*innen, die gegen die tägliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen agieren wollen, brauchen nicht mal in die Ferne schauen. Insbesondere jene Unionsfrauen, die das Heft des Regierungshandelns in der Hand haben, nicht! Was ist denn mit den dringend erforderlichen Unterstützungsmaßnahmen und Mitteln für Frauenhäuser hier? Was ist mit Anpassungen restriktiver und nicht mehr zeitgemäßer Gesetze, die der Selbstbestimmung und Würde von Frauen zuwider laufen? Konkretes Beispiel hierfür ist der §177 im StGB zur Vergewaltigung, bei dem ein „Nein“ nicht reicht. Die Umsetzung internationaler Beschlüsse aus der UN und EU zum Schutz von Frauen in nationales Recht – frauenpolitisch seit langem gefordert – wären also hierzu bestens geeignet!

Ein Paar Worte über...

Ulle Schauws
Ulle Schauws

Queere Feministin & Medienwissenschaftlerin. Frauenpolitisch zuhause in NRW, ab 2002 bei den Grünen & jetzt in der Grünen Bundestagsfraktion Sprecherinnen für Frauenpolitik & für Kulturpolitik.

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